Wut

Kurzgeschichte von Sigune Schnabel

Torben wird früh sterben. Der Tod hat ein Auge auf ihn. Das war schon immer so. Gott hat dem alten Knochengerippe eins abgegeben, sagt Mutter. Um allwissend zu sein, musst du deine Helfer gut ausstatten, darfst nicht knausern. Notfalls zahlst du auch Schmutzzulage.
Torben weiß nicht, was eine Schmutzzulage ist, überhaupt eine Zulage. Er ist erst sieben. Das Wort „Lage“ kennt er, und „Schmutz“. Auf dem Bauch im Straßenstaub am Gehweg fühlt er sich wohl. Dort liegt er manchmal stundenlang und beobachtet die Feuerkäfer, wie sie aus den Ritzen kommen und wieder verschwinden, sich paaren oder nur in der Sonne sitzen. Manchmal stößt er einen mit dem Finger an. Dann läuft der Käfer los, aus der Starre gerissen. Ängstlich und verwirrt. Torben spielt nie Tod. Nur in seiner Vorstellung probiert er es manchmal aus. Dann, wenn die Neugier überhandnimmt.
Beim Anblick der Tiere fühlt er sich mit dem Knochenmann verbunden. Gott hat den Menschen zwei Augen gegeben. Zwei Hände. Zehn Finger. Torben zählt nach. Schöne Finger. Wie es sich anhört, wenn sie einen Feuerkäfer zerdrücken? Er weiß es nicht genau. Bestimmt würde der Körper leise knirschen. Oder knacken?

Seine Mutter mag es nicht, wenn Torben auf dem Boden liegt. Sie sagt es einfach so. Wirft die wenigen Worte vor ihn hin, mitten in den Weg. Damit er nicht vorbeikommt. „Sei doch mal wie ein normaler Mensch“, ruft sie, und dabei schaut sie ihn besorgt an. Er will einen Bogen darum machen. Um diesen Satz. Oder noch besser: bei den Feuerkäfern bleiben. Sie am Leben lassen, obwohl er sich anders entscheiden könnte.
Er beschließt zu schweigen. Das ist am leichtesten, wenn ihn jemand stört. Mit etwas Glück verschwindet der Eindringling von allein. Man muss nur lange genug schweigen.
Mit dem Blick tastet sich Torben an die rote Farbe heran. „Komm zum Abendessen“, sagt Mutter.

Draußen ist es warm. Jeden Tag liegt er nun auf der Lauer. Er kann aufspringen und zupacken. Aber er hält sich zurück. Er ist kein unartiges Kind. Der Tod ist manchmal unartig. Einmal hätte er Torben fast mitgenommen. Sie waren mit dem Rad am Feldrand entlanggefahren, als von hinten ein Auto kam. Die Abendsonne stand tief. Sie hatten Fahrradkarawane gespielt. An mehr erinnert er sich nicht.
Erst das Krankenhaus sieht er wieder vor sich, das Bett, in dem er lag, die Schläuche. Als er aufwachte, war niemand da.
Er hörte auf, mit den anderen Kindern zu spielen. Er war wütend auf sie, auf seinen Bruder. Auf alle, die weitermachten, als wäre der Tod nicht existent.

Während sie davonradeln, zeichnet Torben Himmel und Hölle auf den Gehweg. Manchmal fragt er sich, warum die Hölle über der Erde liegt. Vielleicht ist das aber auch gut so, weil die Erde alles trägt.
Er sucht nach Steinchen, um damit zu werfen. Wenn eins in die Hölle fällt, hat der Tod gewonnen. Sonst Torben. Früher oder später landet es dort. Vielleicht nicht heute. Aber an einem anderen Tag. Es geht nur darum, wie lang sie noch zu retten sind. Er. Sein Bruder. Die restliche Familie.
Seit Anbeginn der Zeit herrscht Krieg zwischen Himmel und Hölle. Leben und Tod. Das hat er in einem Film gehört.
„Geh doch mal wieder mit den anderen mit“, sagt die Mutter. Dann ist Torben auch auf sie wütend, weil sie nichts versteht. Weil sie nicht weiß, dass jedes gute Ende etwas Vorläufiges hat. Oder einfach darüber hinwegsieht.

In der Schule wird er oft in den Dreck gelegt. Vom Boden aus ist die Front des Gebäudes höher. Mit jedem Schlag nimmt Torben das Haus weniger wahr. Er verschwindet am Fuß des Eingangs. Auch sein Denken verschwindet. In ihm kocht es. Einer gegen sechs. Er beginnt zu strampeln, zappeln. Zu schlagen.
Bevor die anderen ihn fangen, sucht er ihre Gesichter ab. Versucht, in dem Gewirr aus Ohren, Nasen und Mündern das eine Merkmal auszumachen, das ein Zeichen für den Ausschlag gibt. Den alles entscheidenden Startschuss.
Vor dem Einschlafen hat er Mutters Worte im Kopf. Barmherzigkeit ist eine Tugend. Im Verzeihen liegt die Kraft. Er will nicht verzeihen. Er will sein Gesicht wahren. Dem Finale Aufschub gewähren, sei es auch nur für einen Tag. Was interessieren den Tod schon kluge Sätze.
„Wenn du nicht schlafen kannst, zähl Schafe“, hat die Mutter gesagt. Manchmal sucht Torben, stellt sich Deiche vor oder Wiesen, aber sie bleiben leer. Wo soll er die Schafe denn hernehmen? Mutter antwortet auf solche Fragen nicht.

Die Kinder in der Klasse mögen ihn nicht. „Bring doch mal jemanden mit nach Hause“, sagen die Eltern, aber Torben reagiert nicht darauf. Sicher ist sicher. Einmal lädt die Mutter einen Jungen aus der Parallelklasse ein. Sie sitzen in Torbens Zimmer.
Der Junge kauert auf dem Boden und schaut auf die Regale, wo eine Streichholzschachtel an die nächste gereiht ist, jede mit einem anderen Motiv. Torben hockt auf der Bettkante. Beide schweigen. Sie treffen sich nicht noch einmal.

Seine Eltern gehören zur Welt der anderen, die nicht immer freundlich ist. Im Grunde ist sie das nie. Die anderen wollen Torben für sich nutzen, alle Teile von ihm in Beschlag nehmen: Beine, Arme und Gesicht. Die Mutter ist zwar nicht schlecht zu ihm, aber sie schweigt. Sie hilft ihm nicht. Also kann die Welt an ihn heran. „Du hast den Verstand verloren“, sagt sie manchmal, wenn die Wut in ihm kocht.
Unsinn. Verlieren hat etwas mit Schuld zu tun. Mit fehlender Achtsamkeit. Wie aber hätte er seinen Verstand behalten können? Wut ist nie eine Frage der Wahl.

Wenn der Zorn abklingt, ist alles leer und still. So ist es auch an einem Samstag, als er dem Vater bei der Autowäsche helfen soll. Torben lässt ihn lange warten, zieht erst die weißen Turnschuhe an, dann die schwarzen, weil er keine sichtbaren Flecken will. Dann reißt ihm ein Schnürsenkel und er muss in den Keller, um sich aus einer alten Tüte Ersatz zu besorgen. Der Vater steht schon mit Anorak in der Tür, in der Hand trägt er den Staubsauger.
Für einen bitteren Moment hat Torben das Gefühl, dass nichts von Dauer ist. Weder Vater noch Mutter noch Auto noch Schnürsenkel. Er tritt auf den regennassen Gartenweg. Jeder Meter, den er geht, vergrößert den Riss, der sich durch die Welt zieht. Der ihn von den anderen trennt.
Während er das Tor öffnet und einen Schritt auf den Gehweg macht, spürt er, dass das Auto nicht mehr anspringen wird.
Seinem Vater gegenüber lässt er keine Andeutungen fallen. Warum auch? Er hätte ihm nicht geglaubt. Stattdessen hilft er schweigend, bis sie fertig sind und der Vater zum Supermarkt aufbrechen will. Doch als Torben das Auto so dastehen sieht, den Vater, wie er die Kupplung tritt und den Zündschlüssel dreht, weint er.
Er erzählt seiner Mutter nicht, was passiert ist, schleicht wortlos in sein Zimmer. Vielleicht bemerkt sie es nicht einmal. Was jetzt? Torben schließt die Augen. Die Angst packt ihn wieder und er zittert und heult leise in die Decke hinein.

Er will nicht mehr in die Schule, keine anderen Jungen mehr sehen, auch nicht die Mädchen, die zwar nicht schlagen, aber tuscheln. Er will das Auto zurück. Er will sogar den alten Schnürsenkel wiederhaben. Nicht den anderen, der gleich aussieht, aber doch nur Abbild der Vergänglichkeit ist, weil er ihm jeden Tag zeigt, dass etwas gerissen ist.

Am Morgen fasst ihm die Mutter an die Stirn und sagt, er sei krank. Sie bringt ihm Tee ans Bett, und er sortiert seine Streichholzschachteln. Fünf neue hat er in der Zwischenzeit bekommen.
Der Frühlingshimmel vor dem Fenster ist weiß wie Kreide. Torben steht auf und hilft, Gemüse kleinzuschneiden. Die Mutter schickt ihn nicht weg. Am nächsten Tag geht er wieder in die Schule.

Am Ende der ersten Klasse weiß er: Schläge gehen vorbei. Der Tod macht Zwischenstopp. Erzählen bedeutet eine neue Welt.
Das Auto seines Vaters ist repariert worden. Wenn Torben am Nachmittag gefragt wird, warum sein Gesicht so aussieht und was er denn schon wieder mit seinen Knien angestellt hat, entdeckt er das Erfinden für sich. Er erzählt die Geschichten um, setzt Phantasie ein, verfeinert den Spannungsbogen. Er ist beeindruckt von sich. Jedenfalls für einen Moment. Natürlich weiß er, dass er lügt, aber seine Worte entwickeln ein Eigenleben, so wie an manchen Tagen die Wut. Auf einmal ist er eine würdige Person, solange er nur die richtigen Sätze wählt. Er hat ja alles in der Hand. Er will, dass er nicht mehr angeschaut wird, als hätte er versagt. Er macht sich zum Helden. Zum ersten Mal seit seinem Unfall ist er zufrieden. Er hat keine Angst mehr vor dem Tod. Er kann ihn ja wegerfinden.
Eines Tages kommt die Mutter dahinter. In seiner Verzweiflung schlägt Torben den Kopf gegen die Wand. Dann auf den Boden.

Nachdem er aufgeflogen ist, kehrt er nach der Schule selten auf direktem Weg nach Hause. Er streift durch ein verlassenes Fabrikgelände. Hinter der Absperrung stehen verfallene Gebäude, und in den Gruben wächst Gras. Es ist kein großer Unterschied für ihn, etwas zu erleben oder zu erzählen. Beides sitzt unter seiner Haut. Jetzt hat er niemanden mehr, der ihm glaubt, also muss das Leben an die Stelle der Geschichten treten.
Statt der Feuerkäfer beobachtet er Mäuse. Sie sind zu schnell, um sie zu fangen. Er kann nicht einmal den Finger auf sie legen. Um Tod zu spielen, reicht sein eigener Körper nicht aus.

Wenn seine Mutter die Geschichten nicht annimmt, liefert sie ihn aus: an die anderen Kinder, an die Wut. Er beginnt, auf Dächer zu klettern. Es ist aufregend, denn er fordert den Tod heraus. Will ihm zeigen, dass er über ihn herrscht.
Es gelingt ihm. Bis er erwischt und von einem Polizisten nach Hause gebracht wird. „Passen Sie besser auf Ihr Kind auf“, sagt er zur Mutter.
Von nun an macht Torben nach der Schule keine Umwege mehr.

Torben wird nicht alt. Auch nicht die Mutter. Er weiß das. Aber er versteht es auch, den Mund zu halten. Damit er nicht verrückt ist. Andere haben manchmal solche Gedanken. Nicht einmal der Vater wird überleben. Geschweige denn das Haus. Daran ist nicht zu rütteln. Torben weiß schon, wie es ist zu sterben. Aus den Geschichten. Manchmal erfindet er heimlich neue, oben auf dem Dach.

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