Frau Sonne hat mir Staub gebracht

Kurzgeschichte von Thomas Steiner

Nicht klar ist, womit die Mondkrater gefüllt sind: Wasser, Farbe, Sumpf, Sand, Steine, Luft? Leere? Ich stelle mir die Krater gerne farbig vor, farbige runde Seen. Zum Beispiel: rotes Wasser oder grünes Wasser. Es muss nicht unbedingt Wasser sein, alles Farbige ist in Ordnung. Türkise Bälle, meinetwegen. Aber lieber Wasser, denn wenn in den Kratern farbiges Wasser steht, steigen daraus farbige Nebel auf, wenn die Sonne darauf scheint. Das ist bestimmt sehr schön, stelle ich mir vor. Stelle ich mir vor, obwohl ich weiß, dass es nicht stimmt. Schade.

„Schade,“ denke ich also. Die Donau, an der ich entlanggehe, ist nicht farbig. Nicht rot und nicht grün und nicht blau. Die Donau ist braun, wie immer. Nun gut, ich will nicht übertreiben: Sie ist braungrün. Gleich unten, am Ufer, schwimmen zwei Schwäne, wie immer. Die Schwäne sind weiß. Stimmt. Die Büsche sind grün. Stimmt auch. Ich bleibe stehen und schaue mir die Farben an: Braun, weiß, grün. Der Himmel fehlt noch, der ist heute blau. Habe ich wirklich nichts Besseres zu tun? Vom Mond zu träumen und zu schauen, ob die Farbe der Schwäne stimmt? Und die Farbe der Büsche?

Weiter! Ich muss weiter, ich kann hier nicht so herumstehen, was soll das? Ich muss weiter, nicht? Die Sonne scheint schon, der Mond scheint immer noch, interessant. Die Donau fließt von West nach Ost, die Sonne geht im Osten auf, es ist morgens, deshalb habe ich sie im Rücken, denn ich gehe nach Westen, der Stadt zu. Das hat alles seine Richtigkeit, das freut mich. Der Mond ist auch noch da, und zwar links. Auch gut. Dann sind da noch das Wasser, die Büsche, die Bäume, die Schwäne, Enten, Amseln, Fußgänger, Hunde (also Hunde mit Fußgängern), die haben es nicht so eilig, mein Schatten vor mir, ich schaue mir meinen Schatten an. Alles bekannt. Sogar die Hunde kenne ich, es sind jeden Morgen die gleichen.

Sind die Schwäne auch die gleichen? frage ich mich. Sicher bin ich mir nicht. Kein Mensch weiß, wie viele Schwäne es hier gibt. Zehn? Zwanzig? Eigentlich interessiert mich das gar nicht.

„Frau Sonne hat mir Staub gebracht,“ denke ich plötzlich. So ein Unsinn, wieso denke ich so einen Unsinn? Ich bleibe stehen und frage mich, was das wohl bedeutet. Mit einem Fußtritt wirble ich Staub auf, ja, jetzt stimmt es: Sonne, Staub, alles stimmt, das freut mich. Wusch – noch mal, Sonne, Staub, ja, alles stimmt! Ha! – Noch mal, Sonne, Staub, alles stimmt! – Was mache ich denn da? Weiter, ich muss weiter!

„Rein die Rede, Rein der Sinn. Ordnung draußen, Ordnung drin.“
Warum fällt mir das jetzt ein? Das steht auf einer Stickdecke, die kenne ich. Einer weißen Stickdecke mit blauer Schrift. Was soll ich damit jetzt anfangen? Ordnung. Wo ist hier Ordnung? Hier auf dem Weg?

Auf dem Weg liegen vertrocknete Würmer, fällt mir da auf. Ich bleibe stehen und schaue mir die vertrockneten Würmer an. Warum krabbeln sie hier über den Weg und kommen nicht zur anderen Seite? Warum machen sie das? Man kann lange bei den Würmern stehen, mit solchen Gedanken, merke ich da, aber die anderen Leute gehen einfach vorbei.

Die anderen Leute, ja. Morgens gehen hier viele zur Arbeit, der Donau entlang in Richtung Stadt. Und Fahrräder, viele fahren mit dem Fahrrad. Die mit den Hunden gehen in beide Richtungen. Sie alle achten nicht auf die Würmer, allesamt nicht. Und sonst auch auf nichts. Die Hälfte der Leute hört Musik, ich will keine Musik. All dieser Lärm! Wo gibt es Ruhe?

Ach ja, der Mond. Da ist er ja schon wieder. Das ist immer interessant, der Mond am Morgenhimmel. Links der Mond, hinter mir die Sonne. Vor mir der Schatten, da hat sich nichts geändert. Die anderen überholen mich, zuerst überholen mich ihre Schatten. Der Mond ist so schön, da muss ich stehen bleiben. Ich stelle mich an den Wegrand, natürlich an den linken, damit mich die Leute nicht stören, wenn ich nach links zum Mond schaue. Er nimmt gerade ab, schon mehr als die Hälfte hat er abgenommen. Er ist weiß im hellblauen Himmel. Ein paar Wolken sind auch noch da, aber nicht viele, ebenfalls weiß. Und Kondensstreifen von den Flugzeugen, na, meinetwegen. Sollen sie doch.

Ich weiß nicht recht, wie sieht er wirklich aus, der Mond? Gerade ist er weiß, wie die Wolken. Manchmal ist er gelb oder rot. Angeblich ist er grau. Die Astronauten haben gesagt, das Mondgestein sei grau, hellgrau, wie der Beton in der Stadt. Eine Betonwüste. Das gefällt mir nicht wirklich. Weiß ist schon besser. Noch besser ist bunt. Am allerbesten sind farbige Meere oder Krater. Türkise Krater, zum Beispiel, in einem roten Meer. Hellrot. Das kann ich mir gut vorstellen, und das stelle ich mir vor. Ich stehe am linken Wegrand, einen Viertelmeter neben dem Weg, auf dem alle gehen, und schaue mir den Mond an und stelle mit türkise Krater vor.

 

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