Exposés, Events, Erfahrungen – Die Zugetextet-Ruhrgebietskrimi-Gesprächsrunde Teil 2

    von Oliver Bruskolini

    Nachdem wir im ersten Teil mit Hans-W. Cramer, Margit Kruse und Brenda Stumpf über gute Kriminalliteratur, die Verbundenheit zum Ruhrgebiet und die daraus resultierenden Einflüsse gesprochen haben, bieten uns die drei AutorInnen im zweiten Teil einen Einblick in ihre eigenen Herangehensweisen und Beobachtungen aus dem literarischen Schaffen und Wirken.

     

    Wenn Sie mit den Arbeiten zu einem neuen Krimi beginnen, wie gehen Sie vor? Frau Kruse sprach von einem Exposé, von dem sie meist abweicht. Plotten Sie vor dem eigentlichen Schreibprozess alles durch? Wie entsteht die Idee? Wählen Sie den Ort entsprechend der Handlung oder legen Sie erst den Ort fest, an dem die Handlung spielen wird?

    Margit Kruse 

    Einer groben Skizzierung folgt ein ausführliches Exposé mit den Figurenbiografien. Figuren, die in den nächsten Monaten zu meiner Familie werden. Ja, meistens weiche ich tatsächlich irgendwann vom Exposé ab, der Krimi verselbstständigt sich, einige Figuren wollen nicht so wie ich. Grob plotte ich den Krimi durch, 10 Kapitel davon ausführlich, dann geht es los. Die Idee entsteht spontan, weil ich mich z.B. gerade an einen besonders interessanten Ort befinde. Es beginnt eine ausführliche Recherche und erst dann entscheide ich, ob es sich lohnt, daraus einen Krimi werden zu lassen. Mein Krimi „Bergmannserbe“ (7. Margareta-Sommerfeld-Fall, erscheint Anfang April), der hier in der Zechensiedlung spielt, beruht auf wahren Begebenheiten. Der Ortsvorsitzende der SPD rief mich irgendwann an und schlug vor, einen Krimi zu schreiben, um die momentane schreckliche Situation festzuhalten. Mieter wurden aus ihren Häusern gedrängt usw. Zwei der Makler mussten in meinem Krimi ihr Leben lassen. Zurzeit ist ein Weihnachtskrimi in Arbeit, der im Sauerland spielt. Ein Mord geschieht in dem  Ort, in dem wir regelmäßig unseren Urlaub verbringen. Aktuelle Themen, wie die missliche Lage der Bauern, finden natürlich auch Platz in meinem Krimi. Zuerst steht der Ort fest, dann die Handlung.

    Hans-W. Cramer 

    Die Ideen entstehen unterschiedlich. Manchmal durch einen Zeitungsartikel (Spinnenbiss), manchmal durch persönliche Erlebnisse (Evas Erbe). Ich bemühe mich immer, einen groben Plot vor dem ersten geschriebenen Satz fertigzustellen. Allerdings kommt es auch vor, dass im Laufe der Entwicklung der Geschichte, sich Dinge anders und besser darstellen lassen (müssen), als vorher gedacht. Die (Haupt-)Handlungsorte sind im Vorhinein festgelegt, Nebenschauplätze kommen während des Schreibens spontan hinzu (Torquay in Mord am Borsigplatz z.B.). Allerdings bemühe ich mich auch hier, nur auf Gegenden zurückzugreifen, die ich persönlich kenne, sonst sind Fehler fast vorprogrammiert.

    Brenda Stumpf

    Mit meinen beiden Krimireihen habe ich es leicht: Beide spielen im Ruhrgebiet, aber nicht an realen Orten – ich kann meiner Fantasie also freien Lauf lassen. Durch detaillierte Exposés bzw. vorher geplottete Kapitel fühle ich mich extrem eingeengt, habe ich festgestellt. Ich fange einfach an und warte ab, wie die Geschichte sich entwickelt.

    Es gibt eine grobe Idee oder vielleicht eine Szene, die ich vor Augen habe; manchmal ist es ein Satz wie »Frank übernimmt einen Kiosk« oder dergleichen. Die Story entsteht ganz von allein; die Figuren kommen einfach in die Szenerie marschiert. Meist halte ich mir bis zum Schluss offen, wer aus dem jeweiligen Ensemble der Täter ist, und entscheide das erst im letzten Zehntel des Manuskripts.

    Zu meinem großen Glück vertraut der Droste Verlag darauf, alle sechs Monate von mir ein gutes Manuskript zu bekommen, in dem ein mysteriöser Todesfall gelöst wird – ohne, dass ich mich zuvor verbindlich dazu äußern muss, was in der Geschichte passiert.

    Hans-W. Cramer

    Da haben wir doch wunderbar die drei bekannten Methoden vertreten. So, wie sie auch in Standardwerken über das Romanschreiben (z.B. in „Wort für Wort“ von Elisabeth Georges) beschrieben werden. Finde ich gut!

     

    Neben dem Schreiben gehört zum Autorendasein auch das Präsentieren und Verlaufen. Einerseits die eigenen Werke, andererseits auch sich selbst. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit den Verlagen? Haben Sie Tipps für unsere Autoren? Und wie laufen Lesungen bei Ihnen ab? Was ist Ihnen beim Lesen wichtig?

    Brenda Stumpf

    Eine Literaturagentin ermunterte mich vor etwa 15 Jahren dazu, zu schreiben (»Wenn du so schreibst, wie du plapperst, kann ich dich verkaufen!«). Da war ich schon Mitte 40 und hatte nie die Ambition verspürt, Autorin zu werden – mittlerweile habe ich circa 35 Bücher unterschiedlicher Genres veröffentlicht. Dank meiner Agentin musste ich mich bzw. meine Manuskripte allerdings nie selbst verkaufen, das lief (und läuft) alles über sie.

    Lesungen machen Spaß, allerdings bin ich ungern auf Reisen, was sich leider widerspricht. Dennoch ist es natürlich schön, mich direkt mit dem Publikum austauschen zu können. Für die Lesungen erstelle ich Manuskripte, in denen ich verschiedene Passagen aus dem Buch zu einer unterhaltsamen Performance zusammenfasse. Während ich lese, kommuniziere ich gern mit dem Publikum, stelle den Zuhörern Fragen oder erzähle kleine Anekdoten von der Recherche. Danach biete ich immer an, mich mit Fragen zu löchern. Diese stets sehr lebhaften und fröhlichen Diskussionen dauern dann manchmal länger als die Lesungen selbst. Natürlich signiere ich auch.

    Margit Kruse

    Ich kam auch erst spät zum Schreiben. Auch ich war schon  46 Jahre alt, als ich für die Autorentätigkeit meinen Job bei einem Stromkonzern aufgab. Anthologiebeiträgen folgten belletristische Bücher übers Ruhrgebiet, ein Friedhofsroman und dann die Krimis. „Eisaugen“ erschien 2011 im Gmeiner-Verlag. „Bergmannserbe“ ist das 9. Werk bei Gmeiner. Zwischendurch folgten noch ein Sachbuch über Dunkle Geschichten aus dem Ruhrgebiet und Weihnachtsgeschichten, beides im Wartberg-Verlag. Ich vermarkte mich mit großer Unterstützung des Verlages selbst, was nicht immer einfach ist. Zum Glück wird meine Leserschaft immer größer. Diese PR-Arbeit kostet viel Zeit und Nerven. Solche Erfolge wie Brenda Stumpf kann ich noch nicht verzeichnen.

    Ja, Lesungen machen meistens Spaß, ich übernachte jedoch auch sehr ungern und nehme meistens nur Lesungen an, die mich abends wieder nach Hause führen. Sehr gerne trete ich mit Musikern aus der Region auf. Norbert Labatzki z.B. sucht Musikstücke aus, die zum jeweiligen Buch passen. Ich suche geeignete Passagen aus dem Buch aus und erzähle zwischendurch auch viel, über meine Recherche und hiermit verbundene witzige Begebenheiten. Fragen hinterher beantworte ich gern sowie ich auch gerne Bücher signiere.

    Ein großes Lob noch an Brenda Stumpf für die Krimis  „3 Zimmer, Küche, Mord“ und „Darf’s ein bisschen Mord sein“, die mir von allen besonders gut gefallen haben. Kaum zu glauben, dass sie nicht vorher von vorne bis hinten durchgeplottet worden sind.  Die Taubenschlagszene aus „3 Zimmer, Küche, Mord“ war sehr gut recherchiert.

    Hans-W. Cramer

    Meinen ersten Roman „(ST)ERBEN“, den ich veröffentlicht habe, brachte der SWB-Verlag in Stuttgart heraus. Allerdings habe ich mich schon bald nach der Veröffentlichung mit dem Verlagsleiter aus verschiedenen Gründen zerstritten. Glücklicherweise konnte ich die Rechte an meinem Buch zurückerlangen, und der Gmeiner-Verlag, bei dem ich mittlerweile unter Vertrag stand, brachte das Buch 2018 überarbeitet unter „Evas Erbe“ neu heraus.

    Meinen zweiten Krimi „Wer Sünde sät“ habe ich beim Gmeiner-Verlag eingereicht und bin dort sofort auf freundliche und wohlmeinende Zustimmung gestoßen. Mit diesem Buch habe ich eine (noch kleine) Reihe über drei Dortmunder Hobbyermittler begonnen. Nach „Spinnenbiss“ folgte 2019 „Mord am Borsigplatz“, das (vielleicht auch wegen des bekannten PlatznamensJ) großen Zuspruch erfährt.  Die Lesungen werden entsprechend auch größer, wobei ich eigentlich am liebsten vor maximal 40 Personen lese. Gerne mache ich eine kleine Getränkepause, bei der schon mal über die erste Hälfte geplaudert werden kann. Auch ich bemühe mich, die Lesungen mit kleinen Anekdoten aus der Zeit der Recherche oder des Schreibens aufzulockern. Wenn der Veranstalter mitmacht, servieren wir auch mal gerne etwas Kleines, was zu dem Buch passt (Ouzo bei „Evas Erbe“, das teilweise in Griechenland spielt, Kanapees mit Pfälzer Wurstspezialitäten bei „Wer Sünde sät“, das teilweise in der Pfalz spielt etc.).  Offene Fragen zum Schluss und Signieren gehören selbstverständlich auch dazu.

    Brenda Stumpf

    Interessant, liebe Margit, dass auch Du erst mit Mitte 40 zum Schreiben gekommen bist! Und vielen Dank für die Komplimente – wieso es bei mir ohne vorheriges Plotten funktioniert, kann ich nicht erklären. Damit mir das nicht verlorengeht, empfahl mir meine Agentin gleich zu Beginn, niemals Workshops für kreatives Schreiben zu besuchen oder Schreibratgeber zu lesen, und daran habe ich mich gehalten. Obwohl, eine Ausnahme gibt es: »Das Leben und das Schreiben« von Stephen King (ich finde seinen Stil grandios und habe beinahe alles von ihm gelesen).

     

    Wie erleben Sie als Literaturschaffende die literarische Infrastruktur im Ruhrgebiet? Gibt es genügend Veranstaltungsformate für Literatur, ein zugängliches Publikum, empfehlenswerte Anlaufstellen? Was würden Sie sich für die Literatur im Ruhrgebiet künftig wünschen?

    Hans-W. Cramer

    Eigentlich bin ich als Autor mit den Möglichkeiten der Lesungsorte hier im Ruhrgebiet sehr zufrieden. Wie sollte man auch nicht? Bei dieser Dichte von Buchhandlungen, Büchereien, Literaturvereinen etc. Ganz konkret gibt es aber leider immer wieder lokale Probleme: Buchhändler/Innen, Leiter von Büchereien u.a., die ihre Veranstaltungen lieber mit „großen“ und bekannten Namen schmücken wollen. Das ist sehr bedauerlich, andererseits bei den vielen guten Alternativen hier im Ruhrgebiet nicht ganz so schlimm.

    Das Publikum ist einfach klasse. Die „trockenen“ Westfalen haben einfach eine geniale Affinität zu Krimis, vor allem Lokales interessiert und begeistert immer wieder. Das Gleiche gilt für den Humor, den es wohl so nur Im Ruhrpott gibt: Derb, heftig und herzlich.

    Wünschen würde ich mir von den offiziell und auch hauptberuflich Tätigen im Literaturbereich die etwas gesenkte Nase. Nur weil man aus dem Vollen schöpfen kann, sollte man den „kleinen“ aber vielleicht doch guten Autor nicht ignorieren. Als Beispiel sei hier nur die Veranstaltungsreihe „Mord am Hellweg“ genannt.

    Aber wie gesagt: Im Großen und Ganzen bin ich mit dem, was hier möglich ist, sehr zufrieden.

    Brenda Stumpf

    Da ich mittlerweile an der Nordseeküste lebe, fallen für den Veranstalter bei einer Lesung im Ruhrgebiet nicht nur mein Honorar, sondern zusätzlich Anreise und Übernachtung an – das ist für viele unabhängige Buchhändler nicht leistbar. Bei kleinen Buchhandlungen übernimmt der Droste Verlag in Einzelfällen die Hotelkosten, das finde ich klasse. Regelmäßig werde ich für die Krimifestivals in Gießen und Fulda gebucht – es ist mir eine besondere Freude, das hessische Publikum vom Ruhrpott-Kolorit zu überzeugen. Die Lesungen dort finden stets an ungewöhnlichen Orten statt: Schwimmbad, Bestatter, Friseursalon, Fotostudio, Museum, Hotelbar … auch eine Beratungsstelle für Schwangere war schon dabei.

    Ich stimme dem Kollegen Cramer zu, dass es im Ruhrgebiet nahezu unendlich viele Örtlichkeiten für Lesungen gibt – gleichzeitig kann die Größe der Region aber auch ein Nachteil sein. Sich gegen das riesige Angebot interessanter Veranstaltungen durchzusetzen, ist nicht einfach. Überdies: Wenn ich z. B. in Bochum-Ehrenfeld lese, erscheint die Ankündigung der Lesung allenfalls in den Stadtteilseiten der Tageszeitung – es erfährt also nicht einmal ganz Bochum davon.

    Ich kann nachvollziehen, dass Veranstalter auf (überregional) bekannte Namen setzen, denn sie sind Garanten für ausverkaufte Häuser – als ehemalige Veranstalterin kenne ich dieses Dilemma nur zu gut. Ein Festival nur für unbekanntere Autoren wäre natürlich schön (vielleicht eingebettet in ein etabliertes Literatur-Festival), aber auch das will finanziert sein: Es werden Sponsoren benötigt, Locations, Werbung, Infrastruktur … leider ein kaum lösbares Problem. Es sei denn, das klassische Mäzenatentum würde eine neue Blüte erleben!

    Margit Kruse

    Ich schließe mich da meinem Kollegen Cramer an, dass die Möglichkeiten für Lesungen im Ruhrgebiet schon reichlich gegeben sind. Ja, es wird oft lieber mit großen, bekannten Autoren zusammengearbeitet, damit der gefüllte Veranstaltungsort garantiert ist.  Ja, das Publikum ist wirklich klasse, herzliche Menschen mit viel trockenem Humor, meistens jedenfalls.  Was ich festgestellt habe: Besonders bei großen Veranstaltungen und Festivals wie „Mord am Hellweg“ spielt oft Vetternwirtschaft eine Rolle. Man bekommt erst gar keine Chance.

    Allerdings kann ich mich nicht beklagen. Nach anfänglichen Lesungen für kleines Geld in Kirchengruppen usw., kommen nun Buchhandlungen, Büchereien usw. auf mich zu, die eine Lesung auch anständig bezahlen.

    Genau wie meine Kollegin Brenda Stumpf las ich auch schon an ungewöhnlichen Orten wie Bestatter, Zechenbrachen, Friedhöfen, Extraschichten usw. Stimmt, die Lesungen werden oft nur ganz winzig angekündigt und oft noch am gleichen Tag, so dass nicht viele Leser davon erfahren. Nein, beklagen kann ich mich nicht, inzwischen läuft es lesungsmäßig sehr gut.

     

    Das Ruhrgebietskrimi Spezial:

    1. Teil: Vorstellungsrunde
    2. Teil: Recherche, Regeln, Ruhrpott-Einflüsse – Gesprächsrunde Teil 1
    3. Teil: Exposés, Events, Erfahrungen – Gesprächsrunde Teil 2 
    4. Teil: Loretta Luchs – Ein Ruhrpottkrimödien-Original (Rezension)
    5. Teil: Präzision trifft Spannung – Mord am Borsigplatz spiegelt das Ruhrgebiet wider (Rezension)

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