Opfer unter sich

Nicola Quass, „Hungergesang“, kul-ja! Publishing 2025, ISBN 978-3-949260-46-9, Taschenbuch, € 16,00

Rezension von Claudia Grothus

Es gibt Bücher, auf die man sich von Lesezeit zu Lesezeit freut – „Hungergesang“ von Nicola Quass gehört dazu. Schon der augenfällig künstlerische Einband mit Lesebändchen macht neugierig, und das Buch hält, was er verspricht: eine dicht erzählte, spannende Geschichte, die von Anfang an von einer wohltemperierten Diffusität begleitet wird.
Im Mittelpunkt stehen Drillingsmädchen, dreizehn Jahre alt, deren Eltern wegfahren und nicht mehr wiederkehren. Die außergewöhnliche Lebenssituation der Drei erscheint zunächst ungewöhnlich – und ist doch bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit vom Möglichen entfernt. Dieses Spiel mit den Wahrnehmungen durchzieht den gesamten Roman: Eigentlich Alltägliches erscheint unheimlich, scheinbar Unschuldiges kippt ins Bedrohliche. Das ist eine der größten Stärken von Hungergesang.
Nicola Quass versteht es, Atmosphäre zu erzeugen. Einer der Dorfbesuche der Drillinge ist atmosphärisch so dicht geschildert, dass man sich mit allen Sinnen in dieser Umgebung wiederfindet: Licht, Temperatur, Geräusche, Tageszeit, Menschen, Gerüche – ein komplettes „Dorfgefühl“ auf wenigen Seiten. Auch Bilder wie „Die Tage rollen über die Felder“ erzeugen ein großartiges Gefühl von Sommer auf dem Land.
Es entfaltet sich eine Erzählung, die eigentlich unser Mitgefühl wecken sollte, aber stattdessen Spannung und Schaudern erzeugt: zuerst die drei Kinder, dann das Dorf, dann das romantisch-vernachlässigte Haus und die exzentrische Mutter. Diese Figur ist eine der vielschichtigsten des Romans. Auf den ersten Blick erscheint sie als die Schuldige, die Egoistin, die ihre Kinder kaum zu lieben scheint.
Doch bei genauerem Hinsehen ist sie womöglich das größte Opfer der Geschichte: Mit einem verträumten, realitätsfernen Ehemann, der die Familie hilflos in die Armut führt, mit drei Kindern gleichzeitig anstatt nur einem und einer erdrückenden Last wirtschaftlicher Zwänge. Sie versucht verzweifelt, ihre Identität und Würde zu bewahren, indem sie scheinbar lieblose Dinge tut und dabei immer wieder, verständlicherweise, die Nerven verliert. Diese Ambivalenz macht die vordergründig böse Mutter zur eigentlich tragischen Gestalt des Romans.
Auch die drei Hauptprotagonistinnen selbst, die auf den ersten Blick bemitleidenswerten, vernachlässigten Kinder, entwickeln sich im Verlauf des Buches auf eine Weise, die nahezu unangenehm ist. Ihre unerschütterliche Dreisamkeit, ihre abgeschlossene innere Welt, die alles Außenstehende als Bedrohung empfindet, ihre Selbstgerechtigkeit, ihr Hang zum Morbiden, zum aneinander Klebenden – das alles weckt nicht unbedingt Empathie.
Am Ende sind die Drillinge kaum sympathischer als die Mutter, die sie fürchten und anklagen. Man beginnt zu ahnen, dass es in „Hungergesang“ keine wirklich Schuldigen gibt, nur Opfer, die sich – verletzt und voller unerfüllter Bedürfnisse – gegenseitig die Verantwortung für das eigene Elend zuschreiben.
Der Ton der Erzählung ist durchgehend pragmatisch, auch dort, wo starke Gefühle – Angst, Hunger, Kälte – im Vordergrund stehen. Dieser fast nüchterne Blick auf Traumatisches wird hier stringent und kunstvoll als wirkungsvolles Stilmittel eingesetzt.
Im Verlauf der Handlung tauchen zwei magische Elemente auf: ein Standspiegel und ein Buch mit leeren Seiten. Beide Gegenstände manifestieren die märchenhafte Dimension der Erzählung, die in der kindlichen Wahrnehmung die Grenzen zwischen Realität und Illusion zerfließen lässt. Je mehr das Buch fortschreitet, desto dominanter werden die magischen Aspekte, bis sie sich schließlich mit der (scheinbaren?) Realität vermischen und nicht mehr voneinander zu trennen sind, ja sogar die Auflösung der Geschichte bilden.
Nicola Quass arbeitet sehr bilderreich, und wenn ihre Bilder gelingen – wie das Rollen der Tage über die Felder oder die atmosphärischen Dorfszenen –, dann sind sie großartig. Aber nicht jede Beschreibung überzeugt in gleicher Weise. Vor allem dann nicht, wenn sie keinen Sinn ergibt. Wie zum Beispiel Fliederduft im Spätsommer. Oder „frisch gepflügtes Heu“. Nicht nur ist die Jahreszeit für die Heuernte falsch, der ganze Satz ist Nonsens. Gepflügt wird der Boden, nicht das Heu. Und wie soll man sich Drillinge vorstellen, die Rücken an Rücken auf einem Fensterbrett sitzen? Auch der symbolträchtige Friedhof hinter dem Haus wird etwas überstrapaziert. Solche Stolperer stören ein wenig den sonst so spannenden, poetischen Erzählfluss. Sie sind aber auf keinen Fall ein Grund, das Buch nicht zu lesen.
Am Ende des Romans löst sich die aufgebaute Spannung nicht auf die erwartete Weise auf. Die Geschichte driftet zunehmend ins Traumartige. Von diesem Punkt aus zurückblickend erscheint die ganze Erzählung wie ein Fiebertraum. Das ist vielleicht konsequent und mutig, aber für manche Leserinnen und Leser womöglich unbefriedigend. Wer sich hingegen auf ein offenes, rätselhaftes Ende einlassen kann und möchte, findet hier eine dunkle, eigenwillige Erzählung, die auf jeden Fall gut unterhält und einen seltsamen, interessanten Nachhall hinterlässt.

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