Cover Es wird so unbmerkt zu spät Ulla Coulin-Riegger

Burnout zwischen Komödienstadl und Sachsenklinik

Rezension von Dieter Feist

Ulla Coulin-Riegger: Es wird so unbemerkt zu spät. Roman, Molino Verlag, Schwäbisch Hall, Sindelfingen 2023; 192 Seiten, 22 Euro

Der Titel klingt empathisch. Ein tiefer Seufzer von Wissenden, resignierend irgendwie. Wenn man denn in der Lage wäre, müsste man nun wirklich endlich etwas dagegen unternehmen. Wogegen? Gegen die „neue Krankheit“, wie es geheimnisvoll durchs ganze Buch hindurch heißt. Klappentext und Verlagswerbung lassen durchblicken, dass es sich dabei um „Burnout“ handelt. Ausgebranntsein. Selbst medizinisch-psychologische Laien haben davon gehört oder gelesen. Eine „neue Krankheit“? Eher nicht. Seit 1994 steht das Syndrom im Krankheitsverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10*, Kennziffer Z73.0), bereits mehr als dreißig Jahre zuvor schrieb Graham Greene zum Thema prophetisch den Roman „A Burnt-Out Case“, und in den Jahrzehnten bis heute wird die Symptomatik in Fachkreisen immer detail- und erkenntnisreicher beschrieben.
Im Jahr 2023 nun also ein Roman über das alte Phänomen Burnout, geschrieben von einer Verhaltenstherapeutin, die hier Erfahrungen aus ihrer Praxis verarbeitet „in einem beinahe burlesk anmutenden, satirischen Roman.“** „Lebensintensiv“, so wirbt der Buchumschlag, und durch der Autorin „witzig-trauriges Erzählen […] könnte dieser kluge Text eine Chance bieten, etwas an unserem Leben zu ändern.“
Ich habe den Roman gelesen und an meinem Leben hat sich nichts geändert, außer vielleicht der Kleinigkeit, dass ich froh bin, nicht zum Patientenkreis der Autorin zu gehören, denn hier sind ihre Beschreibungen ziemlich schonungslos. Die Bezeichnung „burlesk“ ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, aus der Erinnerung verbinde damit den derben Boulevard-Humor von Willy Millowitsch, dem Ohnsorg-Theater oder dem Komödienstadel. Und wenn ich darüber nachdenke und das Gelesene noch einmal Revue passieren lasse, dann muss ich konstatieren, so wenig empathisch das Thema einer psychischen Krankheit behandelt wird, umso burlesker wird tatsächlich die Handlung im Laufe des Buches.
Zuvor aber gilt es, das erste Drittel zu überstehen, das so prall mit Klischees und gesellschaftlichen Stereotypen angefüllt ist, dass es als Plot einen Ehrenplatz im Vorabendprogramm des ZDF verdient hätte. Die Hauptperson (implizit jung, dynamisch, gutaussehend) heißt Rafael*** Lenz (!), ein aufstrebender Psychiater mit neuen (?), innovativen Ideen. Er wird wohlwollend protegiert von Dr. August**** Helfrich(!!) und hat auch einen Gegenspieler: Andrei Zwetkov – aha, ein Russe. Noch nicht genug? Bitte: Dr. Lenz wird heiß verehrt; von wem? (Stichwort Fernsehserie. Na? – Naa? – Richtig!) Von einer jungen Krankenschwester, Lisbeth mit Namen, die endlich „ihren Rafael“ für sich gewinnen will. Was ihr gelingt. Womit das Verhängnis seinen Lauf nimmt.
Der Therapieansatz des jungen Doktors (unbeirrt verfolgt er die einmal für sich gesteckten Ziele) wird milde lächelnd gefördert (da hält der gute Dr. Helfrich noch die Hand darüber), aber auch bekämpft (Dr. Zwetkov, der Russe, im Konkurrenzkampf unterlegen, hält das alles für Schnickschnack und erst recht Rafaels herzloser Erzeuger, ein Unternehmer, der nur ans Geschäft denkt, und eine geradezu kafkaeske Vaterfigur gibt), ist aber bei den Betroffenen überaus erfolgreich. Was sich herumspricht. Die Patientenschaft, insonderheit die Patientinnen, sind hingerissen von Doktor Lenzens Heilmethoden; hart ist die Konkurrenz im Stuhlkreis und nur wenig subtil die Methoden, um mit den eigenen Lebensproblemen möglichst zuerst an die Reihe zu kommen.
Die Handlung nimmt rasant an Fahrt auf.
Überraschend schnell avanciert Herr Dr. Lenz zum Professor mit eigener Privatklinik. Die kann sich über Mangel an Patientinnen und Patienten nicht beklagen, denn die wunderbare Einfühlsamkeit des Doktors wird nun auch in den Medien gerühmt. Die „neue Krankheit“ verbreitet sich rasant. Zu Hause waltet Lisbeth, inzwischen keine Krankenschwester mehr, sondern Hausfrau und Mutter zweier Söhne. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss, wenn Männer sich in ihre beruflichen Ideale verrennen! Die Eheleute werden sich fremd, Lisbeth webt Teppiche, Rafael bleibt immer öfter über Nacht.
Mehr und mehr überschlagen sich die Ereignisse ab der Hälfte des Buchs.
Die Abfolgen der Handlung geraten mitunter in logische Turbulenzen, Konstanten über Jahre und Zeiten bilden die Ahornbäume vor der Klinik, mal in frischem Grün, mal in herbstlicher Färbung, mal kahl. Die „neue Krankheit“ hat anscheinend inzwischen pandemische Ausmaße angenommen. Vor den Toren der Klinik sammeln sich verzweifelte Betroffene, die keine Aufnahme finden. Anscheinend ist durch den Ruhm des Doktors eine Modekrankheit entstanden, auf deren volkswirtschaftlichen Schaden der kafkaeske Über-Vater pointiert zu sprechen kommt. Derweil webt Lisbeth nicht mehr nur Teppiche, sondern auch an neuen Beziehungen, weil Rafael ja nie zu Hause ist; auch die Söhne kommen ganz gut ohne ihn zurecht.
Es wird burlesk.
Rafael Lenz also verrennt sich beruflich und vernachlässigt die Familie, Dr. Zwetkov opponiert einstweilen noch verhalten und vorsichtig, in der Hierarchie der Ärzteschaft kann man nicht vorsichtig genug sein; dafür tobt der kafkaeske Vater umso lauter. In der Klinik hat man eine gewisse erotische Ziel- und Zügellosigkeit unter den Patient*innen festgestellt und schafft, um nicht alles ins Kraut schießen zu lassen, zwei aufblasbare Puppen an – eine männlich, eine weiblich. Erfolgreich. Nicht nur da – Sie wissen schon. Die Puppen nehmen schließlich (ich hatte vergessen zu erwähnen, dass sie auch sprechen können und über eine Art künstlicher Intelligenz zu verfügen scheinen) auch an den Gruppensitzungen teil und, weil der Professor zuweilen überlastet ist, übernehmen sie auch deren Leitung. Dr. Zwetkov ist natürlich fassungslos, der Übervater sowieso. Lisbeth hat indes einen neuen Lebensgefährten gefunden, das traute Heim verödet, die Jungs verhalten sich – was bleibt ihnen übrig? – überraschend angepasst.
Und Doktor Lenz? Er verfällt. Blickt nicht mehr durch. Hat Visionen, ja Gottesfantasien. Es geht bergab. Dann endlich muss man es begreifen: die „neue Krankheit“ hat auch ihn ergriffen. Gottseidank ist da wieder eine Krankenschwester (Ines), die ihn (na was?) anhimmelt und sich um ihn kümmert. Vor den Toren der Klinik gibt es inzwischen Zeltlager der vergeblich wartenden Betroffenen.
Uff! An diesem Punkt legte ich das Buch für eine Woche weg. In dieser Zeit dachte ich unter anderem darüber nach, ob sexuelle Kontakte unter Patient*innen in Fachkliniken tatsächlich unerwünscht sind, und wenn ja, wie man so etwas vermeiden wollte. Trotz Recherche fand ich keine Antwort.
Danach ging es weiter. Erst noch burlesk. Dann überraschend lapidar.
Doktor Zwetkov putschte und übernahm die Leitung der Klinik. Die intelligenten Sexpuppen verfrachtete er in einen Ziegenstall. Doktor Lenz und Ines hatten endlich Sex. Dann war das Buch aus.
Du liebe Zeit!

Also…:
Burnout ist eine Krankheit. Das mögen manche bezweifeln und es für eine Modeerscheinung halten, für die Betroffenen aber ist es bitterernst. Auch wenn im Katalog der WHO Symptomatik und Diagnostik noch etwas nebulös sind – entscheidend ist, dass viele Menschen ganz real darunter leiden und damit hilfe- und therapiebedürftig sind. Die stehen auch nicht Schlange vor den Kliniken und schmachten nach einem Wunderdoktor, nein, sie funktionieren weiter wie die Rädchen im Getriebe, die immer abgenutzter werden, sich aber immer noch recht unauffällig drehen – und da wird es wirklich oft „so unbemerkt zu spät“.
Die Burleske ist nicht das richtige Mittel für so eine ernsthafte Sache, denn ihre dramaturgische Methode ist die Reduzierung auf das Augenfällige und die Übertreibung bis zu jenem Übermaß, bei dem auch das schlichteste Gemüt mitbekommt, worum es geht. Mit der Satire wäre es etwas anderes. Auch sie übertreibt natürlich und auch hier wird gerne grob vereinfacht, um die Komik tragischer Situationen zu überspitzen und damit in einem neuen Licht erscheinen zu lassen; aber die Satire leistet sich (in der Regel) Raum für Differenzierungen. Sie hätte eine latente Hypochondrie aufspießen können, die den Bereich der psychischen Krankheiten durchweht, aber auch die Arbeits- und Lebensbedingungen, die den Zustand von Physis und Psyche pathologisch werden lassen.
Dieser Roman ist keine Satire. Gegen die Burleske spricht allerdings, dass neben dem schenkelklopfenden Humor der persönliche und tragische Niedergang der Hauptperson vom Überengagement bis zum Realitätsverlust eigentlich schlüssig und einfühlsam erzählt wird.

Als mir das klar wurde, war es unbemerkt schon zu spät.

Anmerkungen:
*International Statistical Classification of Deseases and Related Health Problems, Version 10, gültig seit 1994; die neueste Version 11 ist seit dem 1.1.2022 in Kraft. Burnout hat nunmehr die Kennziffer QD85 und beschreibt das Syndrom als „Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz“.
** birgit-boellinger.com; PR-Agentur für Verlage und Autor*innen
***Raphael, apokrypher Erzengel; „Rafahel“, hebr. für „Gott heilt“; im Christentum Schutzengel der Kranken (!) und Apotheker, auch in Kreisen der Esoterik verehrt.
****In der Sachsenklinik hieß der väterliche August Gernot

 

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