Herz über Kopf

    Kommentar von Oliver Bruskolini

    Ein deutlicher Flop war die Ankündigung von Barnes & Noble und Penguin Random House. Im Zuge des „Black History Months“ wollten der Händler und das Verlagshaus in einer Kooperation zwölf Klassiker der Weltliteratur wiederbeleben, in abgewandelter Form. So sollten die Buchcover einen diversen Anstrich erhalten, divers im Sinne von Diversity.

    Wie der Spiegel berichtete, ist die geplante Neuauflage nun vom Tisch. Zu viel Kritik wurde laut, die die Initiatoren zum Rückzug bewegte. Berechtigte Kritik, so viel sei gesagt. Natürlich ändert ein Cover nicht den Inhalt des Buchs und nur, weil ein Charakter auf den ersten Blick eine neue Hautfarbe bekommt, wird die Geschichte und ihr soziokultureller Kontext nicht verändert. Auch der Einwand, dass das Fördern von diversen AutorInnen und Werken dem Anliegen viel gerechter würde, ist vollauf berechtigt.

    Trotzdem lässt sich an dieser Debatte ablesen, woran es krankt. Zwei Gegenpole, die sich im ständigen Streit befinden und damit den Fortschritt in Bezug auf den Inhalt der Debatte zum Erliegen bringen. Auf der einen Seite die (unbewusste) sich selbst ständig reproduzierende Heteronormativgesellschaft, auf der anderen eben jene, die die Heteronormativität beinahe radikal aufzubrechen versuchen.

    Dass erstere sich immer wieder outet (OMG, Dr. Who, eine FRAU????? Wieso ist der oder die plötzlich schwarz????? Muss ich jeden Text gendern????? Das ließe sich unendlich weiterführen…), dürfte niemandem entgehen, der nicht absichtlich die Augen davor schließt. Wie sehr zweitere zur Blockade werden kann, zeigt sich in der Debatte um das Barnes & Noble-Vorhaben.

    Wenn ein namhafter Mainstream-Händler und ein namhaftes Mainstream-Verlagshaus auf die glorreiche Idee kommen, eine solche Reihe umzusetzen, dann kann man natürlich anmerken, dass es sich um Geschäftsleute handelt, die ihren Reibach erhöhen wollen, indem sie uralte Schinken als neu verkaufen. Es sollte sogar angemerkt werden. Aber wenn das erledigt ist, wäre es eine Möglichkeit, sich einfach zurückzulehnen und die beiden Akteure einfach machen zu lassen. Warum? Weil selbst, wenn aus niederen Gründen das Richtige getan wird, nämlich die Sichtbarkeit von vermeintlichen Minoritäten erhöht wird, dann könnte es doch einen positiven Effekt haben.

    Klar, dieser Zug ist abgefahren. Die beiden Global-Player der Literaturbranche haben den Rückzieher beschlossen und damit deutlich gemacht, wie wichtig ihnen das Anliegen ist. So wichtig, dass ein bisschen Gegenwind reicht, um es einzustampfen. Es ist auch schön, dass dieser Umstand entlarvt wurde. Der Diversity ist damit aber kein Gefallen getan.

    Deshalb sei angemerkt, dass es Akteure gibt, die vielleicht nicht international in allen Medien, Buchhandlungen, Bibliotheken vertreten sind, die sich die Förderung der Sichtbarkeit und damit das Anregen des Diskurses und das Aufsprengen der Heteronormativität aber zur literarischen Lebensaufgabe gemacht haben. Verlage wie Marta Press oder der Querverlag und Veranstalter wie das Literatürk oder Queer gelesen.

    So entstehen ganze Netzwerke von VerlegerInnen, VeranstalterInnen und AutorInnen, die oft von der breiten Öffentlichkeit nahezu unbemerkt agieren und um Sichtbarkeit kämpfen. Netzwerke, die sich nicht von ein wenig Gegenwind zum Rückzug gezwungen fühlen und die zeigen, dass in jedem Nischenkampf das Herz immer über den Kopf geht.

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