Wenn Sprache wirkt – Rezension zu „Mein weißer Fuchs“ von Katharina Bendixen

    von Oliver Bruskolini

    Katharina Bendixen, Mein weißer Fuchs, Erzählungen, poetenladen, Leipzig 2019, 1. Auflage, ISBN 978-3-940691-97-2, gebunden, 112 Seiten, 18,80€.

    Katharina Bendixen hat mit Mein weißer Fuchs ihren vierten Prosaband herausgebracht. In Anbetracht der Auszeichnungen, die sie in ihrer literarischen Schaffenszeit entgegennehmen durfte, fiel es schwer, gänzlich ohne Erwartungshaltung an ihre neuen Erzählungen heranzugehen. Gleichzeitig war es auch ein Anreiz, den Blick zwischen die Zeilen zu verschärfen. Ein Umstand, der sich ausgezahlt hat.

    Jede einzelne der Erzählungen in Mein weißer Fuchs wirkt im ersten Leselauf wie ein Gemälde, das im linken Rand unter Rückbesinnung auf den Realismus begonnen wurde, zur Mitte hin eine übergreifend im- wie expressionistische Mischform annimmt, um zum rechten Rand wieder in eine realismusähnliche Form überzugehen. So verwirrend wie sich dieser Satz liest, so verwirrend war auch die Lektüre.

    Nicht verwirrend in einem negativen Sinne, sondern eher auf eine angenehme, zerstreuende Art. Katharina Bendixen gelingt es, alltägliche Situationen aufzugreifen, sie überzeugend darzustellen, eine Identifikation zu schaffen. Diese Identifikation reißt sie mit abstrakten Bildern, wie dem weißen Fuchs, der in einer ihrer Protagonistinnen steckt, oder Menschen, die wie Wölfe aussehen, wieder ein.

    Doch bei näherer Betrachtung finden sich in diesen abstrakten Elementen, die sie dazu verwendet, immer wieder Sehnsüchte, Wünsche, Gefühle, die jedem bekannt sein dürften. Schlüsselt man die Abstraktion auf, legt sich ein Blick auf einen Konflikt frei, der vollkommen nachfühlbar ist. So entsteht beim Lesen ein besonderer Moment der Erkenntnis, eine Verleitung, verstärkt über sich selbst und über andere Menschen nachzudenken. Was für ein großes Potenzial hinter diesem Effekt steckt, dürfte auf der Hand liegen.

    Mein weißer Fuchs ist demnach nicht einfach ein Buch, das man liest und über das man anschließend ein wenig nachdenkt, ehe es im Regal verstaubt. Vielmehr ist es ein kleines Kunstwerk, eine Hybridform, die es schafft, einen Prozess des Lesenden beim Lesen selbst auszulösen. Je tiefer dabei in den einzelnen Erzählungen gegraben wird, umso mehr Verborgenes lässt sich an die Oberfläche holen. Manches davon ist ein Vergnügen, eine Bereicherung. Anderes hätte ruhig in ungeahnten Tiefen weiterschlummern dürfen.

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