Hildegard Knef – Ihrer Zeit voraus und die Zeit überdauernd
Rezension von Claudia Grothus
„Ich möchte am Montag mal Sonntag haben“ Hildegard Knef – Ausgewählte Songtexte, Ventil Verlag 2025, ISBN978-3-95575-249-1, Taschenbuch, € 20,00
„Die Knef“ – ein Begriff aus meiner frühen Kindheit. Mit einem leisen Unterton von Feindseligkeit. Meine Mutter mochte „die Knef“ nicht. Die doppelten künstlichen Wimpern, die tiefe Stimme. „So gar nichts Nettes!“
Und so habe ich, klein und lernend, wie ich war, diesen Eindruck aufgenommen und fortan fand ich Fotos von Hildegard Knef ein bisschen gruselig.
Das Ideal der Weiblichkeit war damals (wie heute) mit der Sexualisierung von Mädchen verknüpft: Kleine, zierliche Körper, große, unschuldige Rehaugen, unsichere Blicke und Unerfahrenheit galten als „nett“ und schön. Stars wie Lieselotte Pulver und Audrey Hepburn verkörperten dieses Ideal perfekt.
Hildegard Knef war das ganze Gegenteil. In ihrer Erscheinung, ihrem Standing, ihrem Erfolg und besonders deutlich: in ihren Songtexten.
Ich habe mich erst mit 18 an Hilde Knef angenähert, als mir eine Freundin ein vollkommen vergilbtes und zerlesenes Exemplar von „Der geschenkte Gaul“ in die Hand drückte. Ich lernte eine ganz andere Knef kennen. Eine Frau, die mich beeindruckte in ihrer Direktheit, ihrem Mut, ihrer Emotionalität und eben dieser Standhaftigkeit gegenüber den abschätzigen Blicken der (verunsicherten, sich gleichermaßen bedroht und angezogen fühlenden) Männer und den (sich ebenfalls bedroht fühlenden) Frauen.
Heute, am hundertsten Geburtstag von Hilde Knef, sehe ich in Dokumentationen über sie eine enorm attraktive, erwachsene Frau. Als solche in der Nachkriegszeit und den folgenden Jahrzehnten eine internationale Berühmtheit zu werden, ohne seinen Anstand zu verlieren (und damit meine ich nicht ihre Nacktszene in „Die Sünderin“), muss ein jahrelanger Kraftakt gewesen sein.
Und es gefällt mir ausnehmend gut, dass, anlässlich ihres 100. Geburtstags, anstatt langatmiger Abhandlungen über Hildes Biografie, dieses Buch mit ihren Songtexten erscheint, in dem Menschen zu Wort kommen, die sie kannten oder eine Zeit mit ihr teilten, in der Generationen noch keine Namen hatten.
Viele von Knefs Texten kokettieren mit dem Verdorbenheitsimage. Sie sind derart lakonisch, als wären sie morgens um vier an einer klebrigen Kneipentheke auf eine Serviette gekritzelt worden. („Der Mond hatte frei“) Und das ist durchaus denkbar, so wie sie Berlin und das Nachtleben in ihren Chansons feiert.
Im feministischen Sinne spiegeln sich in ihren Songtexten trotz Knefs progressiver Haltung die alten Strukturen, etwa wenn die Frau dem Mann sein Lieblingsessen kocht, derweil er schon bei einer anderen ist und die Konkurrenz unter Frauen unterstrichen wird („Gestern hab ich noch an dich gedacht“). Auch in „Ich fühl‘ mich schuldig“ wird eine krasse Frauenrolle skizziert, welche ihre ganze Welt nur durch die Augen des Mannes sieht und sich für sein Wohl verantwortlich fühlt. Dieses Schuldgefühl, sogar hinsichtlich des Wetters oder anderer unbeeinflussbarer Umstände, steht in dem Song für den Liebesbeweis.
Man muss die Knef-Texte aus ihrer Zeit heraus verstehen, der sie allerdings schon etwas voraus war. Denn die damalige extreme Nachkriegsromantisierung von Beziehungen und Gefühlen liegen der heutigen Leserin doch schwer im Magen.
Die Knef zeigte schon Ansätze von Feminismus, als dieses Wort noch gar nicht allgemein bekannt war. Aber es sind nicht in erster Linie ihre Chansons, die an ihr feministisch anmuten, sondern ihr Leben und ihre künstlerische Haltung. Allein die tiefe Stimme und ihre wenig mädchenhafte Erscheinung sind Mitte der 60er-Jahre unüblich in der Musikwelt. Und es war damals auch normal, dass Männer die Texte für weibliche Sängerinnen verfassten – vornehmlich mit niedlichem oder kaschiert sexualisiertem Inhalt. Hildegard Knef schrieb ihre eigenen Texte. Und das ist deutlich spürbar. Manchmal wirken sie nahezu unbeholfen, weil es ja nur dieses Fräulein-Klischee auf dem Musikmarkt gab. Und Hilde balanciert textlich auf dem schmalen Grat zwischen Plattitüde und Genie. Was uns heute etwas flach erscheint, war damals innovativ und avantgardistisch. Zuweilen dringt sogar eine konservative Lebenseinstellung durch. Zum Beispiel in „Ich brauch Tapetenwechsel“. Hier ist die Moral von der Geschicht‘: Bleib brav zu Hause, auch wenn es langweilig ist, sonst geschieht dir etwas Schreckliches.
Man spürt deutlich das Nachkriegsstreben nach mondänem Reichtum (es soll für sie rote Rosen regnen, sie träumt von einem Nerzmantel und ersehnt sich einen Stierkämpfer als Helden). Dabei ist ihr Ton die meiste Zeit desillusionierend bis hin zu depressiv. Beide Haltungen repräsentieren die tiefe Ambivalenz der Kriegsgeneration.
Nicht zuletzt hat Hildegard Knef sich sehr gut vermarktet. Sie hat sich ein absolut uniques Image aufgebaut, ist komplett aus der (Frauen-)Rolle gefallen, war originell, progressiv und dabei erzkommerziell. Genau so muss man es machen, um auf dem Unterhaltungsmarkt aufzufallen. Es war nicht alles Persönlichkeit, es war auch Marketing, das sollte man im Rückblick nicht romantisieren. Und es schmälert ihre Kunst kein Bisschen – im Gegenteil: Es erklärt, warum sie den damals leeren Raum zwischen Klassik und Schlager mit etwas füllen konnte, das zugleich intellektuell anspruchsvoll und unterhaltsam war. Sie hat in genau dem richtigen Maß polarisiert, wie es für eine große Bekanntheit notwendig ist.
Bleibt die Frage: Wer veröffentlicht heute einen Lyrics-Band einer Sängerin, die hundert Jahre alt geworden wäre? Der Ventil Verlag tut es – konsequent. Als Verlag jenseits des Mainstreams, mit Fokus auf Subkultur, Pop- und Filmgeschichte und gesellschaftliche Fragen, ist er genau der richtige Ort für eine Wiederbegegnung mit Hildegard Knef.
Besonders bereichernd sind die Kommentare von Künstlerinnen und Künstlern, die teils noch konkrete Berührungspunkte mit Knef und ihrer Musik hatten. Für KennerInnen der Szene sind darunter wahre Erinnerungsschätze verborgen.
Jede Generation hat künstlerische Ausreißer hervorgebracht, die ihrer Zeit voraus waren. Hildegard Knef war eine davon. Dieses Buch zeigt eindrucksvoll, warum sie nicht nur ein Relikt, sondern weiterhin eine Herausforderung darstellt – persönlich, biografisch und gesellschaftlich.
