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Verpfuschte Rettung

Geschichte von Miklos Muhi

Es roch nach Kordit. Das Gesicht von Josef Demeter blieb ausdruckslos, als man ihm die Handschellen anlegte. Die Angestellten der Botschaft versammelten sich im Raum nebenan. Als man Josef an der offenen Tür vorbei abgeführt hatte, verstummten die leisen Gespräche.
Vor dem Gebäude musste er sich auf die Rückbank eines Streifenwagens setzen. Ein Beamter nahm neben ihm Platz. Beide schwiegen. Der Fahrersitz blieb vorerst leer.
Bald bog ein Leichenwagen auf die Botschaftsgelände ein, gefolgt von einer teuer aussehenden Limousine mit einem diskreten Blaulicht auf dem Dach. Josef vermutete, dass der zweite Wagen dem Auswärtigen Amt gehörte.
Die Fahrertür des Streifenwagens öffnete sich, und eine Beamtin stieg ein. Wortlos startete sie den Motor und fuhr los.

*

Als der Schnee schmolz, wurden die Frostschäden auf den Straßen der Kleinstadt offensichtlich. Eine Vollsanierung war auch im Vorjahr nicht drin gewesen. Die Finanzkrise hatte die Einnahmen der öffentlichen Kassen zusätzlich schrumpfen lassen.
Ein Versuch, die Kosten auf die Anlieger abzuwälzen, führte zu heftigen Protesten und zu einer Eilentscheidung des Kreisgerichts, die das Vorgehen verbot. Die Stadt hatte dagegen geklagt, aber selbst wenn eine Aussicht auf Erfolg bestünde, würde der Prozess noch Jahre dauern.
Man hatte einige Vorschläge ausgearbeitet, die alle auf die Aufnahme eines Kredites hinausliefen. Während der Finanzausschuss die Angebote, die sich verdächtig ähnelten, durchging, saß Bürgermeister Josef Demeter in seinem Büro und starrte vor sich hin. Die Zukunft sah düster aus.
Er verabschiedete sich gerade in Gedanken von seinem Amt, als das Piepsen seines Laptops ihn wieder zurück ins Hier und Jetzt holte. Eine neue E-Mail wartete im Postfach des Bürgermeisteramtes darauf, gelesen zu werden. Normalerweise machte das Josefs Sekretär, der jedoch in angeordneten und unbezahlten Urlaub war, wie viele andere, um Geld zu sparen.
Die E-Mail klang interessant. Josef las sie immer wieder durch. Sein Englisch war etwas eingerostet, aber er verstand das Wesentliche. Er öffnete die Taschenrechner-Anwendung, und bald war die Finanzmisere der Stadt vergessen. Mit roten Wangen und glänzenden Augen formulierte er seine begeisterte Antwort. Schon am nächsten Tag lagen präzise Instruktionen in seinem Postfach.
Der Bericht des Finanzausschusses klang hingegen deprimierend. Bei der Wahl des Kreditgebers gingen die Meinungen auseinander, aber darüber, dass die Aufnahme des Kredites eine schlechte Idee war, herrschte ungewohnte Einigkeit.
Josef entschied sich, die Sache durchzuziehen, sagte alle seine Termine ab und verbrachte die Zeit mit dem Studium von Statuten und Vorschriften zu den Finanzen der Stadt. Was er vorhatte, war illegal, aber das Endergebnis würde alles rechtfertigen.
Der erste Schritt war das Ändern des Passworts für den Online-Banking-Zugang der Stadt. Noch bevor er zu Werke ging, rief er den Schatzmeister an und erzählte ihm eine Geschichte über technischen Wartungsarbeiten bei der Bank, die einige Tage, höchstens zwei Wochen dauern würden.
Erst als alle andere nach Hause gegangen waren und das Uhrwerk der Sankt-Johannis-Kirche neun schlug, machte sich Josef an die Arbeit.

*

Er fing jeden Tag mit einem Online-Blick auf die Konten der Stadt an. Jedes Mal machte ihn das, was er sah (oder besser gesagt nicht sah), ein bisschen besorgter.
Er griff immer wieder zur Tastatur und fragte nach, wo das Geld blieb. Bis gestern wurden seine E-Mails beantwortet: Es gebe Verzögerungen wegen technischer Probleme und eines landesweiten Stromausfalls, aber man solle sich beruhigen, das Geld sei unterwegs. Das wollte Josef auch hoffen, schließlich hatte er die geforderten Gebühren zügig überwiesen.
Auf seine gestrige Nachfrage bekam er jedoch keine Antwort mehr.

*

Als das Geld nach zwei Wochen immer noch nicht angekommen war, rief er in seiner Verzweiflung die Botschaft an. Josef erzählte dem Botschafter alles. Er gab alle ihm bekannten Daten seines Kontakts durch und bat um Hilfe. In der Leitung herrschte danach ein Schweigen, das nichts Gutes erahnen ließ. Als der Botschafter endlich die Stille brach, fühlte Josef eine unendliche innere Leere. Was er hörte, verletzte seinen Stolz und sein Selbstvertrauen und zerschmetterte sein Selbstbild.
Er legte mitten im Satz auf, ohne sich zu verabschieden.
Er würde nie als Retter der Stadt gefeiert werden. Ihm blühten einige Jahre hinter schwedischen Gardinen und nach der Entlassung Arbeits- und Wohnungslosigkeit. Josef hatte eine Viertelmillion Euro, die der Stadt gehörten, ausgegeben. Die versprochene drei Millionen würden nie eintreffen.
Er stand auf und ging zum Safe. Mit zitternden Händen öffnete er die Tür und holte eine Pistole heraus, zusammen mit einem vollen Magazin. Er ließ es einrasten und lud sie durch.
Wie lange er mit der Pistole an der Schläfe dastand, als es an der Tür klopfte, konnte Josef nicht mehr sagen. Das Klopfen, das er abweisend, fast schon ungehobelt beantwortet hatte, ließ seinen Lebenswillen zurückkommen.
In seinem Kopf flogen die Gedanken mit einer Geschwindigkeit, die er nie für möglich gehalten hatte, hin und her. Bald ahnte er, was Sache war: Der Botschafter steckte mit den Betrügern unter einer Decke. Josef steckte die Pistole in die Tasche, ging in die Tiefgarage des Bürgermeisteramtes und setzte sich in seinen Dienstwagen. Den bequemen BMW würde er nie wieder fahren, aber diese letzte Reise sollte es in sich haben.
Mit eiskalter Ruhe tippte er die Adresse der Botschaft der Bundesrepublik Nigeria in Berlin ins Navi ein und fuhr los.

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