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Maras Schmetterling

Geschichte von Michael Johannes B. Lange

Liebe ich Lebensmittel oder nur die Mittel, die ich zum Leben brauche?, fragte sich Mara auch an diesem trüben Morgen. Gestern Abend hast du nicht gefeiert, anders als andere an einem Freitagabend…
Sie bog von der Bushaltestelle in die Straße ein, in der sich das „C“ in falschem Gold über die Ladenfiliale mit seiner einladenden Botschaft erhob: Cent – Mehrwert für Kleingeld. Der Supermarkt hatte eine Backsteinfassade mit breiten Fenstern, durch die man leicht hindurchsehen konnte.

Unbeachtet von einer geduldig wartenden Kundschaft ging sie eilig zum Hintereingang. Sie schloss die massive Stahltür auf. Die Fenster zum Spind- und Pausenraum waren mit massiven Gitterstäben kreuzförmig versperrt. Das Zimmer der Geschäftsführung war noch einmal durch ein Zylinderschloss der Klasse 5 gesichert.
Im Flur schrien eingerahmte Spruchweisheiten: Unsere Kunden sind vielleicht nicht immer einfach. Aber sie sichern unseren Arbeitsplatz. Mara ging zu ihrem steingrauen Blechspind. Wie viele Wäschen sind nötig, um diesen flammend roten Kittel auszubleichen?, überlegte sie. Dann fiel ihr Blick auf die blasse Fläche, wo sich einst das Foto befunden hatte. Jetzt siehst du anders aus, jetzt sieht alles anders aus, dachte sie. Ich war jung und brauchte das Geld. Nun bin ich alt und brauche es erst recht. Wie lange ist es her, dass ich Kaufladen mit dir gespielt habe und jetzt…
„Hallo“, sagte die neue Kollegin leise.

Vor einer Woche hatte hier noch das Mädchen gearbeitet, das Kramer zu oft auf die Toilette gerannt war. Nun war da die neue Kollegin mit dem pechschwarzen Haar, in der Mitte gescheitelt, der blassen Haut und den roten Lippen. Kramer hatte darauf bestanden, dass die Lippen doch bitte schön nicht allzu rot sein sollten. Gegen all die Tätowierungen konnte aber nicht einmal er etwas machen. Von allen Rosen, Totenköpfen mit Zylindern und Herzen stach eine besonders hervor: Ein schwarzer Schmetterling versuchte auf dem Hals empor zu fliegen, scheiterte aber an einem ausgeprägten Kehlkopf.
Kramer wartete schon.
„Haben wir schon genug für die Inventur zusammen?“, fragte der Filialleiter. Kramer war ein Kopf kleiner als sie, musste also zu Mara aufblicken und trotzdem oder auch gerade deshalb verlor sie nie den Eindruck, dass er auf sie herabsah. Mit Anfang Dreißig hatte er Stirnglatze, Aknenarben und ein gebrochenes Nasenbein.
„Die üblichen Verdächtigen, wir rekrutieren weiter.“
„Nicht wieder diese Luschen vom letzten Mal!“
„Bestimmt nicht“, versicherte Mara und kennzeichnete die Namen in ihren Gedanken.
„Es ist doch einfach nur zählen, was da ist“, meinte Kramer kopfschüttelnd
Zählen, was da ist. Ladendiebstähle, Mutproben, erwischen wir jemanden beim ersten Mal, lassen wir ihn noch laufen, er bekommt dann aber Hausverbot, und wenn seine so genannten Freunde bei uns durch die Gänge pimpen, muss er zusammen mit den Hunden draußen bleiben. Nee, ich warte draußen, wie oft hatte Mara das die Jungen da draußen zu den Kumpels sagen gehört.

Schnaufend fuhr ein schwerer LKW vor und manövrierte sich rückwärts in die Warenannahme.
„Sie kümmern sich darum, ja?“, sagte Kramer und griff nach seinem klingelnden Handy.
„Folge mir unauffällig“, befahl Mara dem Schmetterling mit hartem Grinsen.
Die Warenannahme – wahrscheinlich war im Verkauf nichts so wichtig wie dies hier. Alles musste sorgfältig geprüft, quittiert und vor allem verstaut werden, von den Tiefkühlwaren bis zu den begehrten Aktionsartikel. Alles musste schnell und zugleich sorgfältig vonstatten gehen. So wie die Filiale die Waren brauchte, so wurden die LKW-Kapazitäten an anderen Standorten benötigt.
„Ich wünschte, die anderen wären alle so fix wie du, Mara“, meinte der Fahrer.
„Ich bin ja nicht allein“, gab Mara das Kompliment an den Schmetterling zu ihrer Linken weiter, während sie die Papiere gegenzeichnete und die Kollegin fragte: „Willst du die Kühlwaren oder Frischwaren?“
Denn da war noch der Geldtransport. Ein gepanzerter Kastenwagen mit einem stilisierten Mönchsgeier als Logo reihte sich auffällig-unauffällig in den Strom der Kunden-Pkw ein. Wieder stiegen zwei Männer mit der steingrau-dunkelblauen Uniform aus. Sie trugen schwarze Schirmmützen wie Mara sie aus US-Krimis kannte, eine Česka Kaliber 9mm und natürlich den Koffer, der mit einer Breitscharnier Handschelle aus gehärtetem Stahl an einem Handgelenk befestigt war. Heute waren es wieder zwei Männer in den mittleren Jahren, einer mit einem leichten Bauchansatz, der andere mit schütterem Haar. Wir haben unsere, ihr eure Rituale, die kein wiederkehrendes Muster haben. Wahrscheinlich wirst du mich auch deshalb wieder fragen …
„Wie wäre es denn heute Abend, Mara?“
Er muss damals meinen Namen aufgeschnappt haben, als ich gerufen wurde, dachte Mara. Und ich habe seinen gehört.
„Es ist Samstagabend, Kevin.“
„Timing ist alles.“
„Weißt du eigentlich, dass Stalking längst strafbar ist?“
„Das Risiko gehe ich ein. Ich glaube…“
Sein Kollege rief ihn. Auch Mara machte sich wieder an die Arbeit.

***

„Gib mir eine neue Papierrolle“, bat sie den Schmetterling an der Nebenkasse, als auf den Kassenbons die ersten rosa Streifen auftauchten.
Der Tag sprintete nun in den Abend hinein und presste die letzten Kunden in den Laden. Mara sah von der Kasse auf und nannte dem letzten Kunden den Geldbetrag.
„Halt die Fresse, du elende Fotze, heb deinen Arsch und geh nach drüben.“
Mara blickte in die Mündung und sah keinen Ausweg, als sie in diese Augen blickte. Diese Augen hatte sie schon einmal in Filmen gesehen. Diesen Klang hatte sie schon einmal gehört. Jedes einzelne Wort war überdeutlich betont. So sprachen Leute, die bei einer Polizeikontrolle klar erscheinen wollen. Also muss ich jetzt auch nüchtern bleiben. Langsam stand sie auf. „Schneller! Und glotz mich nicht so blöde an!“
Gehorsam senkte Mara den Blick, aber diese Augen folgten ihr durch alle Hirnwindungen bis in den Aufenthaltsraum, während sie die Pistolenmündung im Rücken spürte.

***

Kramer hatte eine blutende Schläfe und blickte ausdruckslos, regungslos vor sich. Das galt auch für Maras Kolleginnen, die in dem Aufenthaltsraum getrieben worden waren.
„Es könnte sein, dass er eine Gehirnerschütterung…“
Weiter kam Mara nicht. Der Schlag mit dem Pistolenlauf traf sie am Hinterkopf, so dass sie in die Knie sackte. Dann verschwand der Typ und schloss die Tür hinter sich.
„Das war ein anderer als der, der auf mich losgegangen ist“, flüsterte der Schmetterling.
„Die waren zu dritt“, meinte Kramer leise. „Sind sie weg?“
„Wir sollten Hilfe holen.“
„Die haben uns die Handys weggenommen.“
„Scheiße, da können wir ja bis Montag warten.“
Mara hielt ein Ohr an die Tür. „Da sind immer noch Geräusche, aber ich glaube, das sind nicht die.“ Sie horchte genauer und roch etwas. „Die haben den Laden angezündet!“

***

Es knisterte, es knackte. Wie der Qualm seinen Weg durch den unteren Türspalt gefunden hatte, so hatte sich auch Panik in das Bewusstsein gebohrt. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Mit aller Kraft, die ihr Filialleiter hatte aufbringen können, hatte er sich dagegen geworfen und war nun erschöpft zu Boden gesunken. Die Wunde war nun wieder aufgeplatzt und blutete. Mara sah einen glühenden Schmetterling vor sich, als ihr schwarz vor Augen wurde.

***

Die Gitterstäbe hatten der Feuerwehr nicht standhalten können, die genauso effizient das Feuer bekämpft hatte. Wie alle anderen wurde auch Mara von einem der Sanitäter betreut. Kevins unbewegtes Gesicht wurde mal hellblau, mal rot erleuchtet. Ohne seine Sicherheitsuniform hatte Mara ihn fast nicht erkannt.
„Gut, dass du mich gestalkt hast“, meinte Mara leise. Und gut für den Schmetterling, der nicht verbrannt war.

***

Die Wände waren von sattem, warmen Rot, die Schränke, der Schreib- und Behandlungstisch von verbrauchtem Weiß. Der Arzt, der sie untersucht hatte, war glattrasiert und hatte die Brusttasche seines anthrazitfarbenen Kittels voller Kugelschreiber in allen Farben.
„Also, ich würde Sie jetzt krankschreiben.“
„Es geht schon, echt, wirklich.“
Verdammt, ich brauche das Geld, dachte sie zitternd.

***

Die Asche war verglüht, neue Ziegel waren gebrannt und zu einer neuen Filiale errichtet worden. Es war längst Gras über die ganze Sache gewachsen. Gleichwohl oder vielleicht deshalb war der Treffpunkt sorgfältig gewählt worden. Für diesen Mann wuchs nie Gras über etwas, er vergaß nie, gesegnet wie verflucht waren all diejenigen, die er nie vergaß. Wer nachtragend war, hatte viel zu tragen, doch ihm war es keine schwere Last wohl aber eine Bürde für alle Betroffenen.
„Du hast mir versprochen, dass niemand getötet wird“, presste Mara zwischen zusammengepressten Lippen heraus.
„Es ist doch niemand getötet worden.“
Wieder sah, roch Mara den angesengten Schmetterling. Jeder Schmetterling würde mit angesengten Flügeln ziellos, endlos durch ihr Bewusstsein flattern. Jeder Raupe würde sie eine Warnung zukommen lassen.
„Musstet ihr denn diese durchgeknallten Junkies schicken? So eine Gemeinheit, so sinnlos…“
„Wo kein Sinn ist, ist kein Motiv, also keine Spur, wenn überhaupt so etwas wie Beschaffungskriminalität. Was du sinnlos nennst, hatte Sinn. Die Tageseinnahmen waren lohnend, aber nicht auffallend hoch.“
„Ihre Verletzungen sind so schwer, dass…“
„Ich weiß“, unterbrach er sie ungeduldig. „Ich habe den Bericht auch gelesen.“
Darauf würde ich wetten, durchfuhr es Mara.
„Wenn ich meinen Anteil bekäme, den ganzen, sofort…“
„Vergiss es. Das monatliche Auszahlungssystem in bar hat sich bewährt. Nur die allerwenigsten Leute können mit so viel Geld auf einmal umgehen.“
„Der Preis war zu hoch.“
„Und du warst, bist billig und ich großzügig.“

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