Ein ganz normaler Tag

Geschichte von Nadine Baumann

Der Tag, an dem Helmut beschloss, aus seinem eigenen Leben zu verschwinden, war ein Frühlingstag Mitte der Siebziger. Irgendein Schlagerstar besang aus dem Kofferradio seiner Mutter ein fremdes Mädchen, während in Stuttgart der Prozess gegen Ulrike Meinhof und Andreas Baader begann und seine Mutter den letzten Schluck Milch aus der Flasche in ihren Muckefuck gab.
»Kannst du nachher beim Schupi vorbeigehen und einen Liter Milch mitbringen?«
Er hatte abwesend genickt, während er die Tür hinter sich zuzog, die Milch hatte sie jedoch nie bekommen. Wie jeden Tag war er zur Mittagspause nach Hause gekommen, es waren ja nur fünf Minuten von der Arbeit bis zum Küchentisch, auf dem ein langweiliges, aber sättigendes Mahl auf ihn wartete. Wie jeden Tag hatte er dem Lamentieren seiner Mutter zugehört, die sich erneut Geld von den Nachbarn hatte borgen müssen, weil sein alter Herr ihrer beiden Gehälter lieber in Bier und Schnaps als in Lebensmittel investierte. Wie oft hatte er schon erleben müssen, wie seine Mutter am Fabriktor stand und dem Vater und ihm die Lohntüten aus den Händen riss. Und wie oft hatte sie als Dank dafür am nächsten Tag ein blaues Auge gehabt.

Er hätte nicht sagen können, was an diesem Mittag anders war als an den 3457 Tagen davor. Vermutlich gar nichts, es hätte auch an jedem anderen Tag passieren können, aber so war es nun einmal dieser, und er wusste im Nachhinein nicht mehr, welcher Wochentag es gewesen war, aber das war auch nicht wichtig. Wichtig war nur, dass es der Tag war, an dem er nicht wieder zurück in die Fabrik ging, um an irgendeinem Teil weiterzuschrauben, das er gerade auf dem Tisch liegen hatte. Wichtig war nur, dass er nie wieder dorthin ging, nie wieder das Klacken der Stempeluhr hörte, wenn er die Karte einsteckte und dass er nie wieder etwas so Sinnloses tat, wie in den Jahren zuvor. Stattdessen ging er, er ging einfach drauflos, ziellos, ohne Plan, aber mit einem Lächeln auf den Lippen.
Er ging durch die kleine Stadt, in der er aufgewachsen war, deren pittoreske Straßenzüge und verwunschene Gässchen ihm sein Leben lang die Luft abgeschnürt hatten, ohne dass er es je bemerkt hätte. Er ging die Hauptstraße entlang, bis er seine Heimat weiter hinter sich gelassen hatte, als seine Eltern es ihm je vorgelebt hatten. Er ging bis zur nächsten Stadt, zur übernächsten, bis ans Meer. Die Enge seiner Seele löste sich beim Anblick des weiten Wassers, und sein Kopf war ohne Fragen. Er ging zum nächsten Hafen und heuerte als Matrose an. Das Schiff war ebenfalls ohne Fragen. Damals wollte niemand von ihm wissen, wo er hergekommen war und was er vorher gemacht hatte. Hingehen würde er so schnell ohnehin nirgendwo mehr, die Wochen waren lang auf See und zäh.

Erst Jahre später verließ er seinen sicheren Hafen, nicht mit viel mehr Gepäck in den Händen als bei seinem Eintreffen, aber um ein Leben reicher. Seine Mutter weinte, als er ihr anstelle von Blumen eine Flasche Milch mitbrachte bei seinem ersten Besuch nach all dieser Zeit.

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