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Sie war eigentlich wie ein Geist.

Kurzgeschichte von Markus Rösken

Sie fuhr täglich mit dem Bus, den auch ich benutzte. Sie wusste von mir, ebenso wie ich von ihr wusste, und zwischen uns war alles in Ordnung.

Jeden Morgen stieg sie zwei, drei Haltestellen nach mir ein, ebenso wie ich auf dem Weg zum Stuttgarter Hauptbahnhof. Sie war eine klassische Schönheit mit schlanken Fingern und trug oft einen Herrenhut, den sie beim Betreten des Busses abnahm und ihn, nachdem sie sich irgendwo abseits von mir zwischen die anderen Passagiere hingesetzt hatte, sorgsam auf den Schoß legte. Keine Frau trug zu dieser Zeit einen Borsalino in dieser Gegend, keine Fremde und keine Einheimische.
Wenn sie einstieg, blickte ich von meiner Lektüre auf, und unsere Blicke begegneten sich für einen Augenblick, jedoch niemals lang genug, um irgendetwas zu bedeuten.

Eines Tages war der Bus voll – bis auf den Platz neben mir. Sie stieg ein, an der Haltestelle, an der sie immer einstieg. Zuerst tat sie so, als sähe sie nicht, dass neben mir noch ein Platz leer war. Sie schämte sich, hielt in der Rechten ihren Hut, und glitt mit der Linken in eine der Halteschlaufen und sah weg. An der nächsten Haltestelle jedoch stiegen mehrere Leute ein, und sie wurde von ihnen bis zu mir gespült. Sie blickte zu mir, und ich blickte zu ihr, und unsere Blicke trafen sich erneut. Ein halbverstecktes Lächeln huschte über ihren Mund, und sie setzte sich neben mich, und ich, ergriffen, schaute aus dem Fenster. So saßen wir nebeneinander. Sie, ich. Sie sagte nichts. Was hätte sie auch sagen sollen?

Draußen zogen die Autos vorbei, die Straße begleitete uns Atemzug um Atemzug, und, als wir den Bahnhof erreichten, stiegen wir aus, ohne uns noch einmal anzusehen.

Der nächste Tag war ein Samstag, und sie und ich waren unter den wenigen Menschen, die auch an diesem Tag den Bus benutzten. Und als sie diesmal einstieg, war der Bus fast leer. Ohne etwas zu sagen oder mich anzusehen, kam sie bis zu mir und setzte sich neben mich. Und wieder zog die Landschaft an uns vorbei, und sie sagte nichts, und ich sagte nichts. Als wir abermals unser Ziel erreichten, gingen wir auseinander, jeder seinen Weg.

Eine Zeit lang saßen wir schweigend im Bus nebeneinander. Und trotzdem versuchten wir ungeachtet des hermetischen Schweigens und inmitten des Straßenlärms eine Art der Kommunikation. Einmal schloss ich meine Lektüre, Baudelairs Fleur du mal übrigens, mit dem Finger zwischen den Seiten. Sie anwortete am Tag darauf, indem sie mich schweigend bat, kurz ihren Hut zu halten, während sie ein Buch aus ihrer Tasche zog: Die künstlichen Paradise, in der Reklam-Fassung.

Eine Zeit lang ging es so, dass wir im Bus nebeneinandersaßen. Eines Tages jedoch kam sie nicht mehr. Ich wartete noch ein paar Wochen ab, doch ich wusste, dass es vorbei war. Ich kündigte kurz darauf meine Stelle und verließ die Stadt.

Sie war eigentlich wie ein Geist.

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