https://pixabay.com/de/photos/strasse-markierung-stra%C3%9Fe-verkehr-3699397/

Hinter dem Moreno

Kurzgeschichte von Henrik Failmezger

Der Regionalexpress nach Aaalen hat zwanzig Minuten Verspätung. Beim Warten auf dem Bahnsteig fallen Peer zum ersten Mal die Laute auf. Die Leute reden, als hätten sie einen Schwamm verschluckt. Der Professor kritzelt in ein braunes Notizbuch. Er steckt es erst weg, als der Zug endlich einfährt. „Alle Wege führen nach Rom, nach Unterschneidheim fährt die Regionalbahn.“ sagt er.

Der Professor hat die Cargohose in die Wanderstiefel gestopft. Über dem olivgrünen Hemd trägt er eine Anglerweste, deren Taschen er so vollgestopft hat, dass es aussieht, als wären ihm Brüste gewachsen. Trotzdem sieht man auf seiner Stirn sieht nicht einen Schweißtropfen. Das Schwitzen hat er sich am Amazonas abgewöhnt. Dafür tropft es von Peers Stirn, seit er festgestellt hat, dass an allen Toiletten im Zug ein Außer-Betrieb Schild hängt. Reisen ins Unbekannte lassen seinen Darm immer kontraktieren wie ein Blasebalg. Er bittet den Professor um ein Immodium Akut. Der wühlt in seinem Rucksack. Er holt ein Moskitonetz hervor, eine Leuchtpistole. Das Sanitärpack findet sich unter einer orangenfarbenen Schwimmweste.
„Ich muss die Packliste für Oberschwaben noch ein wenig optimieren,“ sagt er und reißt einen Energieriegel auf. Getreu seines Mottos, dass man dem Unbekannten am besten mit aufgefülltem Glucosespiegel begegnet. Seine Kiefer zerlegen Proteine in Aminosäuren, er starrt durch das verschmierte Zugfenster. Aber hier gibt es keine Bäume voller Brüllaffen, kein durchfallfarbenes Wasser, das Piranhas und Zitteraale verbirgt. Stattdessen ziehen sanfte Hügel vorbei: unten mittelständische Betriebe, darüber stehen Weinreben Spalier, dann Forst, dann Himmel.

Peer hat es dem Professor angesehen, als er den Zug betreten hat. Der Professor ist einer, der sich immer kerzengerade hält, was er zu 10% Yoga und zu 90% Willenskraft verdankt. Aber da war eine Schlaffheit in den Schultern beim Anblick der Mitreisenden. Peer versteht: Der Yanomami im Amazonasdschungel quasi natürlicher Fructarier, der Oberschwabe eher der Karnivore. Und während der Yanomami sich nackt und frei bewegt, ist man beim Oberschwaben froh, dass er die Kleidung anbehält.
Peer vermutet, dass sich der Professor in dem Moment, als die Automatiktüren des Regionalexpresses vor ihm aufglitten, zum ersten Mal gefragt hat, wie weit ein Experte für die Yanomami bei den Oberschwaben kommen würde. Wobei seit dem Stolpler des Professors „Experte“ in der Presse nur noch mit Anführungszeichen geschrieben wurde.

Ungefähr ein Jahr nach seinem Stolpler hatte der Professor in seinem Büro zwei Landkarten aufgehängt. Die linke Karte zeigte Südamerika, wo sich unter dem Moreno in hunderten blauen Linien das Amazonasgebiet auffächerte. Die rechte Karte zeigte Süddeutschland. In dieser Karte steckte ein roter Pin. Um den Pin herum wies die Karte viel Grün und Weiß auf, und das Gelb für die Häuser schien wie mit einem feinen Salzstreuer verteilt. Zwei Monate später: Der rote Pin nagelte jetzt einen auf schwarzem Glanzpapier ausgedruckten Flyer an die Karte.
„Ich glaube“, sagte er,“es gibt nur noch zwei Kulturen. Stadt und Land.“ Da bemerkte Peer zum ersten Mal, wie sehr den Professor der Stolpler verunsichert hatte. Denn normalerweise war der Professor einer, der wusste und nicht glaubte.
„Aber warum gerade der Mexiko Feetz in Unterschneidheim und nicht irgendein Schützenfest?“ sagte Peer.
„Man ahmt das Fremde bei sich zu Hause nach und macht das Fremde dadurch zur Heimat. Ist das nicht genial?“
Darüber hätte Peer lange nachdenken müssen, was er nicht getan hat. Seit der Verstetigung seiner Stelle hat sein wissenschaftliches Interesse stark nachgelassen.

Am Aalener Bahnsteig erwarten sie Fans des TSG Balingen uniformiert in Schals und Jeansjacken. Es wird lautstark kontrolliert, ob sich unter den Aussteigenden ein Fan des Lokalrivalen SSV Reutlingen oder wenigstens von Bayern München verbirgt. Vor dem Professor weichen sie zurück, als hätten sie noch nie einen Ethnologen in einer Amazonasausrüstung mit zwei voluminösen Brüsten gesehen.
Auf den nächsten Zug müssen sie wieder eine halbe Stunde warten. Der Professor hat die Stirn in Falten gelegt und kritzelt in das braune Notizbuch. Damals als es hieß: Im Amazonas gibt es Indianer, die haben noch nicht einmal an einer Coca-Cola genippt und einen Moment später alle Ethnologen der westlichen Welt im Flugzeug in Richtung Brasilien saßen, hatte der Professor eine Kiste dieser Bücher mitgenommen.
Als der Professor endlich einen Yanomami gefunden hatte, denn von Ethnologen unkontaminierte Yanomami waren am Amazonas rasch rar geworden, trudelten die vollgekritzelten Notizbücher im Wochentakt bei Peer ein: Unser Yanomami ist mitten aus dem Herz der Finsternis, schrieb der Professor, auf einem Dschungelpfad falsch abgebogen und auf die Zivilisation, in Form zweier betrunkener Holzfäller, getroffen.
Einen Brüllaffen trifft er mit dem Blasrohr auf zehn Meter, schrieb der Professor.
Olivbraune Haut, schwarzes Haar, das die Schultern liebkost, sprich, sehr fotogen, schrieb der Professor.
Nur Fotos tauchten in den Notizbüchern spärlich auf, denn nach jedem Foto pflegte der Indianer das Kameraobjektiv zu fordern. Dieser Spleen bereitete dem Professor Kopfzerbrechen, wo die meisten Indianer sich mit bunten Glasperlen abspeisen ließen.
Bei der Abweichung vom Durchschnitt beginnt das Unbekannte, schrieb der Professor, und Peer hatte an den besonders schwungvollen Vokalen den Stolz des Professors auf seinen Indianer ablesen können.

In nächsten Zug breiten sich ihnen gegenüber die Körper zweier älterer Frauen in alle Himmelsrichtungen aus. Der Professor reißt die Verpackung eines Energieriegels auf und starrt aus dem Fenster.
Äcker, Stromleitungen – die Landschaft sieht so gleichförmig aus, dass Peer froh ist, dass die Stoßdämpfer des Zugs ausgeleiert sind. Weil man sonst auf die Idee kommen könnte, jemand hätte die Pause-Taste gedrückt.

„Zum Mexiko-Feetz in Schnoiden. Kennen Sie den Weg?“, fragt der Professor den Taxifahrer im Unterschneidheimer Bahnhof.
„Das macht 30 Euro“, antwortet der Taxifahrer eine halbe Stunde später.
Sombreros schieben sich durch Autotüren. Eine Menschenschlange windet sich vom Parkplatz bis zur Turnhalle. In der Schlange kollidieren Hutkrempen unter lautem „Sorry“. Der Radius des eigenen Huts scheint die meisten hier zu überfordern.
Und dann geht es ganz schnell. Gerade war man der Schwanz der Schlange, und schon ist man der Kopf, denkt Peer. Er blickt zurück und merkt, dass die Schlange eigentlich nur noch aus Kopf besteht.
Die Bizeps des Türstehers sind groß wie Säuglingsköpfe. Er winkt sie weiter.
Sie gehen einen Gang entlang, Menschen stehen an den Wänden, so nah es die Sombreros erlauben. Der Gang endet im Mehrzweckraum der Turnhalle Unterschneidheim. Zwei Nebelmaschinen pusten Wasserdampf aus, um die Lücken auf der Tanzfläche zu kaschieren, und ein kaputtes Stroboskop blinkt durch den Nebel träge im 2 ¼ Takt.
Der Professor faltet die Verpackung seines Energieriegels zu einem winzigen Viereck, eine Angewohnheit aus Gegenden, wo das Mülleimerangebot mangelhaft ist.
„Lass uns anfangen“, sagt er. Das Vorgehen des Professors beim Anblick des Unbekannten: Beobachten, beobachten, beobachten.

An der zweiten Bar ist Desperados-Happy-Hour. Der Professor ist schon etwas angeschlagen von der Tequila-Happy-Hour an der ersten Bar. Nach der dritten Bar besitzen sie eine Tarnkappe in Größe eines Wagenrads. Der Professor schaut zufrieden unter dem Sombrero hervor. Denn das ist das Hauptproblem der Ethnologie: Niemand verhält sich natürlich, wenn ihm dabei ein Ethnologe mit verschwitzen Achselhöhlen über die Schulter blickt. Mit dem Sombrero haben sich Peer und der Professor in Wassermoleküle im Ozean verwandelt.
Der DJ legt nach dem Motto auf, was gestern schon nicht gut war, hat kein Verfallsdatum. Nebel wabert über die Tanzfläche, vom Stroboskop beleuchtete Körperteile werden sichtbar. Peer dreht sich nach dem Professor um, doch den Professor hat der Nebel verschluckt.

Bei der ersten Bar ist immer noch Tequila-Happy-Hour. Peer lutscht an seiner Zitrone und blickt auf die Tanzfläche. Schemen tanzen im Nebel, sombrerobedingte Abstoßungskräfte wirken, und jeder tanzt für sich allein.
Der Professor ist einer, der immer nach Wissen strebt, denkt Peer. Auch aus dem Fotoladen in Manaus war er mit einem Erkenntnislächeln wieder herausgekommen. Den Mitarbeiter hinter dem Tresen hatte er sofort erkannt, auch wenn das schwarze Haar statt olivbrauner Haut ein Gemisch aus 90% Baumwolle und 10% Synthetik liebkoste. „Jetzt weiß ich, warum er immer Markenobjektive wollte“, war das Letzte, was der Professor zu Peer gesagt hatte, bevor er für lange Zeit verstummt war.

Ein Mann im Poloshirt benutzt den Platz neben Peer, um sich mit einem Arm an der Bar festzuhalten.
„Wo kommst du her?“
Auf dem Arm schlängelt sich eine Kobra vom Ellenbogen bis zum Handgelenk.
„Wo kommst du her?“
Die Panik ist dieselbe, egal ob dich eine Kobra vom Waldboden oder von einem aufgepumpten Unterarm aus anschaut.
„Wo kommst du her?“
„Aus Stuttgart“, sagt Peer.
„Warum bist du hier?“
„Wegen dem Mexiko-Fetz in Schnoiden.”
Peer blickt auf eine Handfläche mit sternförmig abgespreizten Fingern. Der Schmerz beim Aufeinanderklatschen der Handflächen, lässt ihn und den Unbekannten glücklich zurück.
Ein Sombrero steigt aus dem Nebel in Richtung Decke auf.
Peer kneift die Augen zusammen. Das Schemen vor ihm kommt ihm bekannt vor.
Der Professor hat das braune Notizbuch in die Hintertasche seiner Jeans gesteckt, seine Arme greifen sinnlos nach Sauerstoffionen, die Beine treten mal hierhin mal dorthin.
Dann atmet eine Nebelmaschine aus und verschluckt den tanzenden Professor.
Peer blickt auf Strandmatten, mit denen die Sprossenwand abgehängt ist, darüber ein Fenster. Durch das Fenster kann er einen Teil des Mondes sehen. Der Mond ist weiß und blank und rund. Es sieht aus, als hielte jemand seine Hand über den Mexiko-Feetz in Schnoiden.

One thought on “Hinter dem Moreno

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.