Mara Laue: Von der Idee zum fertigen Text VSS Verlag

Von der Kunst des Prosaschreibens – 5. Salz in der Suppe oder: Die Kunst des Konflikts

Tipps von Mara Laue

Der Konflikt ist das A und O jedes guten Romans, jeder guten Geschichte und das literarische Salz in der Suppe jedes belletristischen Textes. Eine Handlung, die nur Tatsachen erzählt oder Dinge beschreibt, ist langweilig, sofern es sich nicht um Erlebnisberichte, Anekdoten oder Ähnliches handelt. In einer Geschichte und erst recht in einem Roman ist die interessanteste Hauptfigur ohne ihre Gegnerin/ihren Gegner nichts wert.
Konflikte sind die Steine, die wir unseren Hauptpersonen in den Weg legen, sind die „Feinde“, die ihnen schaden wollen, sind innere Zerrissenheit, Gewissensbisse oder auch das ganz banale Abwägen des Für und Wider einer Entscheidung. Gibt es gerade in einem Roman zu wenig Konflikte, wird er schnell langweilig und lässt die Lesenden verwundert mit der Frage zurück: „Und was soll(t)e das Ganze?“
Konflikt ist ein Widerstreit, ein Aufeinandertreffen entgegengesetzter Interessen, Absichten, Motivationen sowie der innere Konflikt von Bewusstseinsinhalten (zum Beispiel Gewissen gegen Mordfantasie). Am Konflikt kann nur eine Person (innerer Konflikt), es können aber auch zwei (Hauptfigur und Gegnerin/Gegner) oder mehrere Personen (Gruppen, Vereine, Sportteams, Völker etc.) beteiligt sein. Das Austragen eines Konfliktes reicht vom klärenden (Streit)Gespräch über Intrigen und körperliche Auseinandersetzungen (Prügeleien, sonstige Körperverletzung) bis hin zum Mord oder gar Krieg.

Man unterscheidet literarisch zwischen vier Konfliktarten (nach Lajos Egri „Dramatisches Schreiben“):

    1. der statische Konflikt,
    2. der sprunghafte Konflikt,
    3. der langsam ansteigende Konflikt und
    4. der drohende Konflikt. Zudem existiert noch (nicht nach Egri)
    5. der andauernde Konflikt.
    1. Statischer Konflikt

Der Konflikt bleibt unverändert bestehen und wird nicht gelöst. Die Hauptfigur kommt zu keiner Entscheidung, die beteiligten Charaktere verändern sich nicht. Wird ein Konflikt statisch, ist die Handlung ausgereizt, der Roman/die Geschichte tritt auf der Stelle.
Jedoch kann ein bis dahin statischer Konflikt als Ausgangssituation oder Einleitung für die weitere Handlung dienen.
Nehmen wir an, dass sich die Ehefrau jahr(zehnt)elang darüber geärgert hat, dass ihr Mann immer die Zahnpastatube offen liegen lässt. Ihre täglichen Bitten, sie zuzuschrauben, hat er ignoriert (statischer Konflikt). Eines Tages hat sie die Nase voll, bricht deswegen einen Streit vom Zaun und tritt im Zuge dessen eine Lawine von (unvorhergesehenen) Ereignissen los, deren Konfliktpotenzial einen ganzen Roman füllt.

    1. Sprunghafter Konflikt

Er tritt seinem Namen nach „plötzlich und unerwartet“ auf und geht oft einher mit einer Überreaktion der handelnden Person(en).
Eben noch hat der Ritter seiner Angebeteten einen Heiratsantrag gemacht, Minuten später (er)schlägt er sie, weil der Barde ihr im Vorbeigehen zugelächelt hat. Solche Sprunghaftigkeit kann man zum Beispiel für eine Person verwenden, die versucht, ihre dunkle Natur oder Gelüste (z. B. Süchte) im Zaum zu halten, es aber nicht schafft. Für gute Geschichten und besonders Romane eignen sich dafür Betroffene, die an einer psychischen Störung, an einem cholerischen Temperament leiden, unter Drogeneinfluss stehen oder psychisch kranke Gewaltverbrecher sind.

    1. Langsam ansteigender Konflikt

Diese Form gehört mit zur Erzeugung von Spannung. Der langsam ansteigende Konflikt offenbart häppchenweise einen Aspekt nach dem anderen des Charakters der an ihm beteiligten Figuren, macht sie facettenreicher, interessanter und glaubwürdiger. Durch die entsprechenden Veränderungen werden sie lebendiger. Außerdem treibt das langsame Ansteigen des Konflikts die Handlung voran.

Beispiel:
Ein Brüderpaar hat sein ganzes Leben in Rivalität verbracht und miteinander konkurriert. Dann lernt einer eine Frau kennen, die er heiraten will, aber als er sie der Familie vorstellt, verliebt sich sein Bruder ebenfalls in sie und versucht zunächst subtil, später immer intensiver, die Frau für sich zu gewinnen, bis das Ganze eskaliert und möglicherweise in einer Katastrophe mündet.
Eine Variante ist der Konflikt, der bereits vor Beginn des Romans/der Story entstand, also in der (jüngeren oder ferneren) Vergangenheit der Geschichte angesiedelt ist. Hierbei besteht das langsame Ansteigen darin, dass er erst Stück für Stück im Verlauf der Handlung aufbricht bzw. für die Lesenden erkennbar aufgeklärt/erklärt wird.

    1. Drohender Konflikt

Wie sein Name bereits besagt, ist dieser Konflikt noch nicht etabliert, droht aber auszubrechen, sobald gewisse dafür erforderliche Voraussetzungen gegeben werden.

Beispiel:
Ein Mann hat seine Frau betrogen. Sobald sie davon erfährt, gibt es einen Konflikt. Solange sie ahnungslos ist, bleibt alles, wie es ist.
Variante: Der drohende Konflikt wird angedeutet oder sein Ausbruch vorbereitet. Beispiel: Zwei Karatekämpfer stehen sich auf der Matte gegenüber und starren sich an. Jeder weiß, sobald der Kampfrichter das Signal gibt, gehen sie aufeinander los.
Gute Texte bringen es sogar fertig, mit dem schwebenden Damoklesschwert des drohenden Konflikts die Spannung über den halben Roman oder bis fast zum Ende aufrechtzuerhalten, ehe er sich endlich im Ausbruch und somit im Showdown der Kontrahenten löst. Jedoch wird diese Form von vielen Lesenden als langweilig empfunden, wenn der Ausbruch zu lange hinausgezögert wird.
Das Wichtigste beim drohenden Konflikt ist, dass zumindest die Lesenden wissen, dass dieser Konflikt existiert, selbst wenn die betroffenen Romanfiguren es nicht wissen oder ahnen. Haben die Lesenden keine Ahnung davon, können sie den Konflikt nicht nachvollziehen, wenn er ausbricht, weshalb er unglaubwürdig wird.
Erfährt ein Ehemann mitten im Roman aus heiterem Himmel, dass seine Frau ihn betrügt, ohne dass es darauf zumindest für die Lesenden im Vorfeld schon (konkrete oder subtile) Hinweise oder eine dies offenbarende Szene gab, wirkt das, als hätte die Autorin/der Autor in die Trickkiste gegriffen, um einen Konflikt herzuzaubern, weil jetzt einer gebraucht wird und sie vergessen hatten, ihn von Anfang an in die Handlung einzubauen. Ein Roman darf gern mit dem Konflikt beginnen – bei diesem Beispiel mit der Entdeckung des Betrugs –, aber die Lesenden müssen immer wissen oder ahnen, dass es ihn gibt, auch wenn er erst im Laufe der Handlung konkret erkennbar wird.

    1. DER DAUERKONFLIKT

Dieser besteht von Anfang an, in der Regel schon vor Beginn der Romanhandlung (er kann aber auch erst während der Handlung entstehen). Im Gegensatz zum statischen Konflikt verändert er sich aber hinsichtlich der Methoden, mit denen er ausgetragen wird, und/oder er entwickelt „Auswüchse“, die aber ausnahmslos auf den Kernkonflikt zurückzuführen sind.
Diese Konfliktart eignet sich sehr gut für Familiengeschichten, deren Kernpunkt ein Konflikt ist. Irgendwann in der Vergangenheit (oder zu Anfang des Romans) ist etwas in der Familie bzw. zwischen zwei oder mehreren Mitgliedern passiert, das ihn ausgelöst hat. Immer wieder wird seitdem und auch im Verlauf der Handlung versucht, ihn auf verschiedene Weise zu lösen. Die verschiedenen Weisen sind wichtig, denn wenn nur immer wieder der gleiche Lösungsversuch unternommen wird, der zu nichts führt (wie beim obigen Beispiel die ständige Mahnung der Ehefrau, der Mann möge die Zahnpastatube zuschrauben), haben wir den statischen Konflikt. Aber jeder Lösungsversuch scheitert oder funktioniert erst einmal, doch dann geschieht etwas, das denselben Konflikt neu aufbrechen lässt und ihn nahtlos dort fortsetzt, wo er scheinbar beendet wurde.
Hier setzt zunehmend eine Eskalation ein, die den Konflikt nach jedem gescheiterten Lösungsversuch verschärft, bis die Situation im Showdown explodiert und er dadurch (meist gewalttätig bzw. tödlich oder anderweitig drastisch) endgültig gelöst wird.
Der Dauerkonflikt eignet sich gerade bei Familiengeschichten oder ähnlichen Konstellationen (z. B. unter Firmenangestellten oder in Schulklassen) sowie bei Kriegssituationen dafür, sich zu verlagern und zum „Stellvertreterkrieg“ zu werden. Die beiden Hauptgegnerinnen/-gegner geben endlich Ruhe (ob tatsächlich oder nur scheinbar hängt vom Plot der Handlung ab), dafür bekämpfen sich zwei oder mehrere ihrer Fans/Unterstützenden bis aufs Blut und tragen deren Konflikt stellvertretend für sie aus oder haben durch die Loyalität zu den Hauptfiguren oder andere Vorkommnisse eigene Konflikte entwickelt, die aber mit dem ursprünglichen Dauerkonflikt eng verbunden sind. Variante: Eine Person, die sich mit der Hauptperson identifiziert, ficht deren Konflikt mit der anderen an ihm beteiligten Person anstellte der Hauptperson aus, mit oder ohne deren Wissen.
Dauerkonflikte sind Kriege (manche dauern Jahrzehnte), Konkurrenzkämpfe von Firmen oder zwischen Familienmitgliedern. Auch der „Kampf“ um die Liebe eines Menschen gegen die „Konkurrenz“ ist bis zur Entscheidung der/des Geliebten = dem Sieg einer der konkurrierenden Figuren ein Dauerkonflikt, der einen ganzen Roman füllen kann. Wichtig zu beachten ist, dass es sich beim Dauerkonflikt immer um denselben Konflikt handelt, nicht um aus ihm entstehende/entstandene Nebenkonflikte.
Der Dauerkonflikt ist jedoch ein schwieriges Metier. Oft gerät er allzu schnell statisch und wird dadurch langweilig. Als Neuling sind Sie mit einem der anderen drei klassischen Konflikte auf der sicheren Seite.

Grundsätzlich wird die Intensität des Konfliktes durch die Charakter- und Willensstärke der betreffenden Personen festgelegt. Sind beide (alle) beteiligten Personen körperlich und/oder seelisch/charakterlich gleich stark, fliegen unter Umständen die Fetzen, aber in jedem Fall geht es intensiv zur Sache, bevor der Konflikt gelöst ist. Ist einer der Beteiligten schwächer, wird er relativ schnell nachgeben, aufgeben oder unterliegen – und vielleicht eine hinterhältige Methode der Rache oder der Durchsetzung seiner Interessen finden, bei denen seine Unterlegenheit zu einem Vorteil wird (z. B. weil sein Gegner ihn deshalb unterschätzt). Aber ohne Konflikt fehlt jeder Story die Spannung.

In der nächsten Folge: Die Bedeutung von Originalität für eine Geschichte

2 thoughts on “Von der Kunst des Prosaschreibens – 5. Salz in der Suppe oder: Die Kunst des Konflikts

  1. Hallo, Mara,
    wieder einmal ein Beitrag, den ich mit Interesse und Genuss gelesen habe. Nicht zuletzt, weil ich mir bei jeder Konfliktart ein Beispiel aus Literatur oder Film ins Gedächtnis rief. Ich selbst bemühe mich (beim Schreiben, wohlgemerkt!) um Konflikte, habe über deren Kategorisierung jedoch nie nachgedacht. Eine Ergänzung möchte ich anbringen: Der Blog fokussiert auf äußer Konflikte, die sich in der Handlung ausleben, also auf die äußere Heldenreise. Nur kurz beleuchtet wird der innere Konflikt, der einer Erzählung oder einem Roman die eigentliche Tiefe gibt. Ich spreche von der Divergenz besonders zu Beginn, wenn die Heldin/der Held die Aufgabe anblehnt. Wenn bewusst wird, dass Leser sich eher an die Romanfigur erinnern als an die Handlung (Man frage nach einer spontanen Antwort!), ist gerade die innere Heldenreise bedeutsam. Hier darf der Grund für das Zurückschrecken echt sein (Held/Heldin ist der Aufgabe anfangs wirklich nicht gewachsen.) oder eingebildet (Heldin/Held ist schüchtern/ängstlich.), die Hauptsache ist, der Konflikt wird im Verlauf durch die Charakterentwicklung gelöst. Nicht jedoch darf es ein irrelevantes Handicap sein wie Prof. Dr. Robert Langdons Klaustrophobie bei Dan Brown, weil die nie irgendeine Auswirkung auf seine Entscheidung oder Handlung hat. Einen wirklichen inneren Konflikt habe ich vor Jahrzehnten bei Hammond Innes gelesen, als ein Kriegsversehrter auf Island nach seinem Bruder suchte: Sein Zögern war gut begründet, denn die Folgen seiner Unterschenkelamputation beeinflussten notgedrungen sein Vorgehen und brachten ihn mehr als einmal in Lebensgefahr. Bestes Kopfkino!
    Beste Grüße
    Michael Kothe, Autor

    1. Hallo Michael Kothe,

      danke für diesen interessanten Kommentar. Wir werden die Autorin des Beitrags darüber informieren!

      Herzl. Gruß Die Redaktion

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