Pia Klemp, Entlarvung, Ventil Verlag, Cover

Ent-Larven

    Rezension von Anke Blacha

    Pia Klemp, Entlarvung, Ventil Verlag, Mainz 2021, ISBN 978-3-95575-142-5, Hardcover, 224 Seiten, 20,00 €(D)

    Sich aus der eigenen Komfortzone herauszuwagen und das eigene Handeln zu hinterfragen, dazu fordert Menschenrechtsaktivistin und Schriftstellerin Pia Klemp in ihrem dritten Roman die Leser*innen auf. Klemp arbeitete für die Meeresschutzorganisation Sea Sheperd und ist trotz eines Strafverfahrens gegen sie für die Rettung von in Seenot geratenen Menschen im Mittelmeer aktiv.

    Die Protagonistin Rubi, die als Präparatorin am liebsten nachts in einem Museum arbeitet, fällt mit ihrem Job, ihrer Beziehung zu einem Callboy und ihrem Hobby – einen Setzkasten mit skurrilen Funden zu füllen – aus der gesellschaftlichen Norm. So eigen sie den Leser*innen auf den ersten Seiten des Buchs erscheint, so einsam wirkt sie zugleich. Verloren in sich selbst und in der Welt.

    Die Chance, der Einsamkeit zu entkommen und dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, ergibt sich, als Rubi nachts im Museum einer Aktivistin namens Iana in die Quere kommt. Ab diesem Moment dreht sich ihr Leben um 180 Grad. Iana engagiert sich politisch und für den Klima- und Tierschutz. Sie öffnet Rubi die Augen und lässt sie die Welt hinterfragen. Perfekter Kontrastpunkt zu Iana sind Rubis Schwester und ihr Schwager. Sie gehören zu den Menschen, die mit dem SUV zum Bio-Markt fahren und das dann nachhaltig nennen.

    Rubi erkennt, dass die Menschen, die Gesellschaft, die Politik sich radikal ändern müssten, um eine lebenswerte Welt für nachfolgende Generationen zu erhalten. Doch ihre eigene Machtlosigkeit überfordert sie mehr und mehr. Rubi ist nicht wie ihr handtellergroßer Lieblingskäfer Goliathus goliatus, sondern wie ein frisch geschlüpfter Käfer mit einem zu weichen Panzer.

    Mit einer wundervollen Sprache gelingt es Pia Klemp, ohne belehrenden Ton den Zustand der Welt zu zeigen. Mit ihrer Sprache baut die Autorin zur Umwelt und Natur eine unglaubliche Nähe auf und hält die Menschen zugleich auf Distanz. Sie bedient sich dabei herrlich altmodischer, fast ein wenig eingestaubt wirkender Worte. In Sprachbildern, wie „der Winter hat die Sonne im Schwitzkasten“ schafft sie es trotz ernster Themen, von Artensterben über Massentierhaltung bis Flüchtlingspolitik, immer humorvoll zu schreiben.

    Bei so viel Wortgewalt hat Pia Klemp auch den Titel des Romans „Entlarvung“ hintergründig gewählt. Ihre Protagonistin durchläuft eine Entwicklung, die aufgrund ihres Faibles für Käfer mit den Entwicklungsstadien der Insekten zu vergleichen ist. Entlarvt werden aber auch ihre Schwester und ihr Schwager, die – wie so manch andere – ökologisches und nachhaltiges Leben für sich entdeckt haben, da es gerade Trend ist. Der Titel „Entlarvung“ und das Cover, das ein großer Käfer ziert, legen eine Assoziation mit Kafkas „Verwandlung“ nah. Die Protagonistin in Klemps Roman wird zwar nicht zum Käfer, aber sie verwandelt sich so stark, dass sie für ihre Freunde und Familie kaum wieder zu erkennen ist.

    Trotz der gesellschaftlichen Relevanz des Romanthemas wirkt es weltfremd, dass eine junge Frau, die in einem zoologischen Museum arbeitet, keine Vorstellung von den Tieren in Massentierhaltungen und ähnlichen Themen hat. Die Figur Rubi wirkt daher ein wenig konstruiert. Der Roman braucht anscheinend den Bruch in der Weltansicht Rubis, um sie auf ihre Heldinnenreise schicken zu können. Pia Klemp nutzt den Roman zudem, um alle aktuellen Themen anzusprechen, die die Welt, Politik und Gesellschaft beschäftigen (sollten). Es umfasst Umweltschutz, Artensterben, Massentierhaltung, politische Systeme und Ernährung – weitere Themen schwingen auf fast jeder Seite des Buches zwischen den Zeilen mit. Der Fokus auf weniger Themen hätte diesen die Chance gegeben, etwas mehr in die Tiefe zu gehen.

    Das Buch „Entlarvung“ von Pia Klemp greift die relevanten Themen unserer Zeit auf. Es richtet sich aber nicht nur an Anhänger*innen von „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“, sondern auch an Leser*innen, die grundsätzlich mit offenen Augen durch die Welt gehen und zugleich Spaß an Wortspielen haben. Es ist ein Buch, das bei den einen oder anderen Leser*innen noch eine Weile nachklingen wird und vielleicht auch bei ihnen eine Ent-Larvung in Gang setzen wird.

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