Mara Laue: Von der Idee zum fertigen Text VSS Verlag

Von der Kunst des Prosaschreibens – 3. Die Kunst des Anfangs

    Tipps von Mara Laue

    Der Anfang jeder Geschichte, jedes Romans ist die „Eintrittskarte“ zum Verlag und später zum Lesepublikum. Deshalb muss der Anfang, müssen schon die ersten Zeilen die Lesenden packen und „zwingen“ weiterzulesen. Das ist bei Kurzgeschichten noch wichtiger als bei Romanen (wo es genrebedingte Ausnahmen gibt, z. B. beim Liebesroman oder Humoresken), weil in KURZgeschichten der „Platz“ für „geruhsame“ Anfänge nicht reicht. (Mehr zur Kunst der Kurzgeschichte in einer späteren Folge.)

    Im Verlag liest man nach dem Exposé, das den Inhalt des Romans zusammenfasst (auch dazu in einer späteren Folge mehr), nicht mehr als vier, höchstens fünf Seiten des eingereichten Manuskripts, manchmal sogar nur die erste oder die ersten zwei. Aufgrund dieser Seiten entscheidet sich, ob man weiterliest oder nicht. Der Grund: Die Fehler, die ein Text hat (womit nicht nur Rechtschreib- und Grammatikfehler gemeint sind), erkennen erfahrene Lektorierende bereits auf diesen wenigen Seiten. Diese Fehler setzen sich gewöhnlich in der gesamten Geschichte/dem gesamten Roman fort.

    Der zweite und noch wichtigere Grund ist, dass der Anfang des Romans ein wichtiges Kriterium für die Kaufentscheidung der Lesenden ist. Die meisten Menschen werden zunächst vom Titelbild und dem Titel (oder umgekehrt) angesprochen. Hat ein Buch dadurch ihre Aufmerksamkeit erregt, lesen sie als Nächstes den Klappentext, der ihnen verrät, worum es in dem Roman geht. Hält das Interesse danach immer noch an, blättern sie zum Anfang des ersten Kapitels und lesen mindestens den ersten Absatz, manchmal die erste Seite oder sogar das erste Kapitel.

    Wenn ein Buch mit einem Anfang aufwartet, wie ihn viele Neulinge mangels besseren Wissens bevorzugen, nämlich mit einer Beschreibung von Landschaft, Ort oder Person oder einer Erklärung zur Vorgeschichte der Romanhandlung, wird das Manuskript gar nicht erst verlegt, geschweige denn als buch gekauft. (Wie gesagt: Bei manchen Genres gibt es Ausnahmen. Aber auch bei denen wirkt ein mitreißender Anfang besser als ein „geruhsamer“.) Moderne Lesende wollen keine langatmigen Vorgeschichten, Erklärungen, Beschreibungen von was auch immer als Einstieg in ein Buch, sondern etwas, das ihr Interesse weckt, das sie packt, das ihnen „verspricht“, dass der Rest des Buches so interessant und/oder spannend bleibt, wie es Klappentext und Anfang verheißen. Deshalb sollte man den Anfang besonders sorgfältig entwerfen. (Den Rest des Romans, der Geschichte natürlich auch.)

    Hier ein paar Beispiele für gute Anfänge:

    „So lautet meine Entscheidung. Wir werden sie nicht diskutieren“, sagte der Mann am Schreibtisch. Er schaute bereits wieder in ein Buch. Seine beiden Kinder verließen den Raum und schlossen die Tür hinter sich. (Tamora Pierce: „Die schwarze Stadt“)

    Und natürlich wollen wir wissen, was der Vater entschieden hat, denn dass seinen Kindern diese Entscheidung nicht gefällt, impliziert seine nachdrückliche Weigerung, sie zu diskutieren.

    Der Sturmwind zerrte an ihm. Er spürte, wie die Kälte sich tief in ihm ausbreitete, und er wusste: wenn sie nicht binnen drei Tagen Land sichteten, würden sie alle tot sein. (James Clavell: „Shogun“)

    Hier springen wir mitten hinein in eine lebensbedrohliche Szene und tauchen sofort darin ein. Die Erklärungen, wo sich das Schiff befindet, welche Mission es hat etc., kann nachgereicht werden. Wir wollen jetzt erst mal wissen, ob es den Seeleuten gelingt, sich an Land zu retten.

    Dass die Hölle so schön sein kann! (Josef Martin Bauer: „So weit die Füße tragen“)

    Wie bitte? Die Hölle soll schön sein? Unmöglich! Und um eine Erklärung für dieses auf den ersten Blick Unmögliche zu erhalten, werden wir weiterlesen.

    „Matrosen, Leprakranke, Opiumraucher, Spione – mit so ’ner Familiengeschichte, wie haben wir da was anderes werden können als Schlampen?“
    Das waren Jess’ letzte Worte zu ihrer Großmutter Pono. In der Nacht, wo Pono ins Meer gegangen is’. (Kiana Davenport: „Haifischfrauen“)

    Schon der „Stammbaum“ aus nicht allzu gesellschaftsfähigen Vorfahren weckt unser Interesse. Und die Großmutter ist „ins Meer gegangen“? Hat sie sich umgebracht? Wie mag es weitergehen? Auch die hier bewusst verwendete Umgangssprache („… wo Pono ins Meer gegangen is’“ statt „… in der Pono ins Meer gegangen ist“) ist ungewöhnlich und zeugt davon, dass hier nicht die Autorin den Lesenden eine Geschichte berichtet, sondern eine der handelnden Figuren das tut.

    Nur wenige Menschen wagten sich in den alten Teil von Castle Leger. Das Licht von tausend Kerzen hätte nicht ausgereicht, die Dunkelheit aus der großen mittelalterlichen Halle zu vertreiben. Finstere Schatten lauerten hier, und uralte Geheimnisse hatten sich seit Jahrhunderten angesammelt (…) (Susan Carroll: „Der Fluch der Feuerfrau“)

    Hier steigen wir ein in eine düstere Atmosphäre mit unheimlichen Lichtverhältnissen und dem Hinweis auf garantiert nicht weniger düstere Geheimnisse, die wir unbedingt ergründen wollen und deshalb weiterlesen werden. Denn: Warum wagen sich nur wenige Menschen in den alten Teil des Schlosses? Hier wird eine „Behauptung“ aufgestellt, deren „Beweis“ erst später erbracht wird. Weil wir den aber wissen wollen, werden wir weiterlesen.

    Zu einem guten Anfang eignen sich die folgenden Stilmittel:

      1. Hineinspringen in eine Actionszene oder mitten in einer spannenden Szene beginnen. Die Erklärung, wie es zu dieser Szene gekommen ist, kann wohldosiert nachgereicht werden (darf aber zu keiner Zeit nicht mehr als nötig preisgeben).
      2. Beginnen mit der aktiven Einführung einer Hauptperson oder wichtigen Nebenperson (das heißt, die Person tut, erlebt oder erleidet etwas). Hierbei muss die Person nicht unbedingt namentlich genannt werden.
      3. Schilderung eines Ereignisses, das von entscheidender Bedeutung für den Roman/die Geschichte ist, auch wenn sich den Lesenden diese Bedeutung erst am Ende erschließt. Auch hierbei darf nicht schon zu viel vorab verraten werden.
      4. Preisgeben einer Information, die neugierig macht und eine wichtige Rolle für die Handlung spielt („So lautet meine Entscheidung, und wir werden sie nicht diskutieren.“).
      5. Falls aus dramaturgischen Gründen doch einmal mit einer Beschreibung eines Ortes, Gegenstandes oder einer Person begonnen wird, sollte die Schilderung die Sinne die Lesenden ansprechen und ein lebendiges, „fühlbares“ Bild in ihnen hervorrufen. Sie sollten nicht nur sehen, sondern auch hören, riechen, fühlen, schmecken etc. (Mehr dazu in einer späteren Folge zum Thema gutes Beschreiben.)
      6. Etwas Kryptisches in einem Wort, einem Satz oder einem kurzen Absatz mit anschließendem Umblenden zur nächsten Szene: „Das letzte Ziel lag vor ihr. Sobald sie es erreicht hatte, würde sie endlich frei sein. Nur noch wenige Stunden (…)“ Absatz. Nächste Szene mit völlig anderer Perspektive. Und die armen, von Spannung gequälten Lesenden rätseln, was es mit diesem seltsamen Anfang wohl auf sich hat und werden weiterlesen, um eben das zu erfahren.

    Wichtig ist ebenfalls, dass der gewählte Anfang zur Gesamtgeschichte und zum Genre passt. Eine geballte Actionszene eignet sich eher nicht als Beginn eines Liebesromans. Bei Science Fiction ist je nach Situation eine Beschreibung der fremden Welt oder des Inneren der Raumstation erforderlich, bevor man dort eine Handlung stattfinden lassen kann, weil die Lesenden sich ohne diese Information in der Szene nicht orientieren könnten. Hier greift die Prämisse nicht, dass man nach Möglichkeit eine Geschichte/einen Roman nicht mit einer Beschreibung beginnen sollte. Und wenn ein Dialog, mit dem man beginnt, nicht die Situation erklärt, in der sich die sich unterhaltenden Personen befinden, sollte man besser einen anderen Anfang wählen. Aber hierin kommt die Finesse mit der persönlichen Schreiberfahrung.

    Nichts ist in Stein gemeißelt. Das einzig wirklich Wichtige ist, dass der gewählte Anfang die Lesenden in die Geschichte hineinzieht und sie zum Weiterlesen „zwingt“. Und ob er das tut, hängt letztendlich vom persönlichen Geschmack der Lesenden ab.

    Natürlich ist es nicht damit getan, nur einen guten ersten Satz oder Absatz zu schreiben. Haben wir die Lesenden erst einmal an der Angel, sollen sie auch ins Netz gehen und uns nicht wieder vom Haken gleiten. Wir müssen sie also bei der Stange halten und so spannend weiterschreiben, wie unser interessanter, appetitanregender Anfang es ihnen versprochen hat.

     

    Der Prolog als Anfang

    Der Prolog (griechisch „Einleitung, Vorwort“) hat eine besondere Funktion. Er dient dazu:

      1. die Spannung zu steigern, indem er den Lesenden Informationen gibt, die die Hauptfigur nicht hat.
      2. den Lesenden Informationen zu geben, die für die spätere Handlung eine wichtige Bedeutung erlangen, auch wenn sich diese Bedeutung erst ganz am Ende erschließt.
      3. ein wichtiges Detail der Vorgeschichte zu liefern, ohne die die Lesenden die Handlung nicht oder nicht vollständig verstehen könnten.
      4. bei einem Fortsetzungsband die wichtigsten Handlungen aus dem/den vorangegangenen Band/Bänden kurz (!) zusammenzufassen.

    Er dient NICHT dazu, die gesamte Vorgeschichte der Handlung zu erklären und auch nicht, um den Handlungsort oder dessen Geschichte zu beschreiben. Das sollte an Stellen, wo ihre Kenntnis für die jeweilige aktuelle Handlung oder ihr Verständnis relevant ist, wohldosiert in Rückblenden oder durch andere passende Stilmittel (Dialog, innerer Monolog, Zeitungsbericht, Tagebucheintrag etc.) preisgegeben werden. Für Lesende ist kaum etwas langweiliger, als sich gleich zu Anfang durch eine evt. mehrere Seiten lange prologisierte Rückblende kämpfen zu müssen, die ihnen nacherzählt, was war. Oder die – noch schlimmer – den gesamten Lebenslauf der Hauptfigur von der Geburt über ihre Schulzeit bis zu Beginn der eigentlichen Romanhandlung aufzählt. Da aber eine längere Rückblende nicht in jede Handlung passt, nehmen wir einen Prolog zu Hilfe.

    Das Hauptkennzeichen eines Prologs ist, dass er inhaltlich vom unmittelbar folgenden Text abgehoben ist, manchmal auch von einem großen Teil des weiteren Textes, d. h. er steht immer in einem eigenen Kapitel. das nicht unbedingt mit „Prolog“ überschrieben sein muss. Oft handelt er von/in einer länger vergangenen Zeit oder/und spielt an einem anderen Ort als der überwiegende Rest des Romans. Dieser Ort kommt vielleicht in der Haupthandlung gar nicht (mehr) vor oder wird sehr viel später eingeführt, vielleicht sogar erst ganz am Schluss.

    Ein weiteres Kennzeichen, das aber nicht immer zutrifft, ist seine Kürze. Er ist oft erheblich kürzer als das kürzeste Kapitel eines Romans. Ein Prolog kann aus wenigen Sätzen bestehen oder einer bis zwei Seiten, aber er sollte so kurz wie möglich sein. Ausnahmen gibt es natürlich auch hier; deshalb gibt es in manchen Romanen Prologe, die ebenso lang oder sogar länger als einige der restlichen Kapitel sind. Doch, wie gesagt, er sollte möglichst kurz sein und nur ein Schlaglicht auf ein für den Roman wichtiges Ereignis werfen.

    Grundsätzlich gilt: Wo ein Prolog nicht für die oben genannten Dinge zwingend erforderlich ist, sollte man auf ihn verzichten. Ebenso darauf, ihn mit „Prolog“ zu überschreiben. Viele Lektorierenden reagieren „allergisch“ auf Prologe, weil sie lange Zeit als „out“ galten, gegenwärtig jedoch eine Renaissance erleben, was aber noch nicht jeder Verlag realisiert hat. Um den Prolog nicht auf den ersten Blick als solchen zu outen, kann man ihn mit der Kapitelnummer (1.) überschreib en und, wenn erforderlich, als „Unter-Überschrift“ die Zeit und/oder den Ort angeben, zu der/an dem die Handlung spielt.

    Die nächste Folge beleuchtet die Kunst, ein gutes Ende zu schreiben.

     

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