Im Ministerium für Nix

    von Werner Hermann

    Man stelle sich eine Behörde vor, dessen Aufgabengebiet gänzlich unbekannt ist. Ein riesiges Gebäude, hoch, lang und schmal, grau in grau, eine Hochburg der Bürokratie, eine Festung des Verwaltungsapparates. Ein Ministerium, in dessen Kompetenz eigentlich nichts fällt. Es gibt diese Institution wirklich, in der realen Welt. Sie trotzt jeder Logik, dem rationalen Verstand. Ohne praktische Bedeutung, in die Sinnlosigkeit verdammt, existiert dieses Gebilde zu seinem Eigenzweck. Woher ich das weiss? Ich bin ein Teil davon.
    Ich arbeite in einem der zahlreichen Zimmer, die sich fast gar nicht voneinander unterscheiden, es sei denn durch die Nummerierung ihrer Türschilder. Nummern. Keine Namen. Auch keine Bezeichnungen. Wozu auch? Es gibt keine Bereiche, um definiert zu werden. In jedem Raum werkt ein Mitarbeiter für sich selbst.
    Ich sitze vor einem mittelgrossen Schreibtisch, einen Computer-Arbeitsplatz vor meinen Augen, ein Programm zur Verarbeitung elektronischer Akten läuft im Hintergrund. Weder in mein E-Mail-Postfach noch in meinen Arbeitsvorrat verirrt sich ein Eingangsstück. Ich habe noch nie Post oder einen Akt zugeteilt bekommen, und ich arbeite schon viele Jahre hier in der Abteilung 329. Auch gibt es keine Papierstücke. Ich wüsste beim besten Willen nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich habe noch mit keinen darüber gesprochen, und ich bin noch nie selbst gefragt worden. Nie gab es eine Einschulung oder Abteilungsbesprechung und die Dienstvorschrift ist seit dem Beginn meines Arbeitsverhältnisses „vorübergehend nicht verfügbar“.
    Sicher ist nur, dass ich im Ministerium angestellt bin. Hier sitze ich und warte darauf, eine Amtshandlung, welche auch immer, durchführen zu können, verweile geduldig, denke konzentriert nach, ja, ich grüble angestrengt, nur dem gewissenhaften Dienst im Ministerium für Nix verpflichtet.

    Eines Tages geschah es. In meinem elektronischen Arbeitsvorrat blitzte ein Akt zur Bearbeitung auf. Der Betreff lautete: Akt des Ministeriums. Aufgabe: Bearbeitung. Ich fiel fast von meinem Bürostuhl. Endlich bekam meine Arbeit, mein Leben einen Sinn. Ich wurde gebraucht. Das Ministerium betraute mich, vertraute mir, verliess sich auf mich. Mir war, als trüge ich die Verantwortung für die ganze Welt auf meinen Schultern. Für das ganze Universum.
    Endlich war was los, gab es Action. Würde ich meiner grossen Aufgabe gewachsen sein? Was, wenn…
    Ich bekam Angst. Schweißperlen standen auf meiner Stirn. Mit zitternder Hand bewegte ich meine Maus über das Mousepad. Der Cursor auf meinem Bildschirm näherte sich dem virtuellen Aktenordner „Inhalte“. Ich hielt kurz inne, entschloss mich aber dann, mein Schicksal in die Hände zu nehmen, klickte forsch und wagemutig mit meinem bebenden Zeigefinger auf die linke Maustaste. Die Datei öffnete sich. Ich schloss die Augen. Der erste Schritt war getan. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Aufgeregt blinzelnd las ich die drei Wörter im Textverarbeitungsprogramm: „Die Welt retten.“

    Eine Weisung. Ein Befehl. Eine Aufgabe. Endlich was zu tun. Jetzt oder nie. Die Welt, nicht das ganze Universum. Unseren kleinen, einsamen, blauen Planeten. Retten. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht neu erfinden, nur retten, bewahren. Kleinigkeit.
    Die Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Vor wem oder was retten? Gab es denn eine Bedrohung? Mir war eigentlich nichts davon bekannt. Das heisst, es wurde uns von der Leitung des Ministeriums nie etwas Derartiges mitgeteilt. Ratlosigkeit machte sich in mir breit. Wo sollte ich anfangen?
    Ich beschloss, weitere Informationen und verschiedene Meinungen einzuholen. Zuerst begab ich mich in das Zimmer neben dem meinen, wo eine Kollegin an ihrem Arbeitsplatz saß und auf den Bildschirm starrte. Auch sie hatte den famosen Akt bekommen. Auch für sie war es ihr erster. Auch sie war ratlos. Auch sie wollte wen anderen fragen.

    Somit beschlossen wir, gemeinsam zu unserem Abteilungsleiter zu gehen und ihn um Rat zu bitten. Wir begaben uns in das Zimmer am Ende des Ganges, wo unser unmittelbarer Vorgesetzter an seinem Arbeitsplatz saß und auf den Bildschirm starrte. Er hatte ebenfalls besagten Akt bekommen. Auch für ihn war es sein erster. Auch er war ratlos. Auch er wollte wen anderen fragen.
    Somit beschlossen wir, gemeinsam zu unserer Sektionsleiterin zu gehen und sie um Rat zu bitten. Wir begaben uns mittels Aufzug in das oberste Stockwerk, meldeten uns im Sekretariat an, betraten den Raum, wo unsere Sektionschefin an ihrem Arbeitsplatz saß und auf den Bildschirm starrte. Sie hatte ebenfalls denselben Akt bekommen. Auch für sie war es ihr erster. Auch sie war ratlos. Auch sie wollte wen anderen fragen. Wir sahen uns alle gegenseitig schweigend an. Zum Herrn Minister konnten wir nicht gehen. Er hatte uns ja beauftragt, ebendiese Aufgabe zu lösen. Wir waren schliesslich seine Spezialisten, die Fachkräfte des Ministeriums. Was für eine blöde Situation. Also zogen wir uns alle unverrichteter Dinge in unsere Büroräume zurück. Wir waren auf uns selbst gestellt.

    Es blieb mir nichts anderes übrig, als mir selbst etwas einfallen zu lassen. Was ich dann auch tat. Selbst ist der Mann, und gemacht ist eben gemacht.
    Ich ließ meinen Blick nachdenklich durch das Fenster in die Weite schweifen, ohne mich jedoch auf etwas zu fokussieren. Man nennt so etwas auch „ins Narrenkastl schauen“. Gedankenblitze durchquerten mein Gehirn… Das war’s. Bingo! Ich widmete mich meiner Tastatur, und eine Viertelstunde später lag das Resultat in der Form eines Berichtes an die Leitung des Ministeriums auf meinem Bildschirm. Ich sendete die Datei an ihren hohen Empfänger ab. Es war vollbracht.

    Ministerium für Nix                                                                                  Ort, Datum:

    Hauptstadt des Landes                                                                             Hier, jetzt

    Verwaltungszentrale                                                                                  Sachbearbeiter:

    Abteilung 329                                                                                              N° 987.654.321

    A k t e n v e r m e r k

    Die Welt zu retten ist kein leichtes Unterfangen. Aber auch kein schweres. Definieren wir zuerst, was man darunter versteht. Verwerfen wir die Floskeln wie Umweltschutz, Solidarität, Frieden und den ganzen utopischen, unrealistischen Krimskrams. Das ist nur für den Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Und den gibt’s ja gar nicht.
    Mit dem „Welt retten“ verhält es sich genauso wie mit dem „Sinn des Lebens“. Den gibt’s zwar auch nicht, aber jeder kann einen suchen und finden, für sich selbst aussuchen. Ebenso kann auch jeder auf seine Art und Weise die Welt retten, und wenn genügend dabei mitmachen, wird das dann auch etwas. Jedenfalls sollte man es probieren. Es besteht sogar eine moralische Verpflichtung dazu. Wenn man es nicht tut, ist die Strafe nichts Geringeres als der Weltuntergang. Versteht sich von selbst.

    So einfach ist das. Aber Vorsicht!
    Vom Willen zum Weg, vom Vorsatz zur Tat, bedarf es einer beträchtlichen Überwindung und einer gewaltigen Anstrengung. Das Wichtigste dabei ist: Durchhaltevermögen! Man rettet die Welt nicht an einem Tag und lehnt sich am Feierabend zufrieden zurück.

    NEIN!

    Man rettet die Welt JEDEN Tag (so wie man sie aus Unachtsamkeit oder Mutwilligkeit auch jeden Tag kaputt macht). Ich würde jedoch auf die Bürde „Welt retten“ kein Geld wetten. Mal sehen, ob das wirklich auch praktisch funktioniert. Betroffen sind wir alle gemeinsam, jedermann. Und wo fängt man an?
    Der Jedermann ist natürlich in Salzburg daheim. Und für die ganz grossen Brocken und überaus gravierende Probleme bleibt uns sowieso nur eine Lösung: Wir rufen einfach das A-Team. Mr. T wird’s schon richten.

    (Weltstadt, den 11.11.2019

     Nix W.I.E. Nix, Sachbearbeiter)

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