Stille Beobachtungen. Literaturempfehlung Nr. 3: Sei Shonagon: Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon

    Ein Textbeitrag von Anna W. von Huber

    © AWVH

     

    Wie werden Worte geschrieben, wenn der Austausch als Notiz fungiert. Als reines Material der Beobachtung, welche in ihrer Wesenhaftigkeit kein Meer verlangt, kein mehr an Austauschformen, an Kommunikation, an Dialogen, an tausendfacher Interpretation.

    Wenn Gedanken als Notizen verewigt nur für sich bestehen. Wenn sie nicht nach Außen schreien, um von möglichst vielem gehört zu werden. Was verändert sich? Was passiert mit Worten, wenn sie nicht Ausdruck der Kommunikation sein sollen, sondern allein der „eigentlichen“ Notizhaftigkeit dienen? Notizhaftigkeit als das Festhalten einer Beobachtung, die einseitig bleibt, die kein Zurück verlangt. Kann das existieren? Gibt es diese reine Form der Notizen überhaupt oder sind nicht vielmehr alle Formen des Ausdruckes eine Form der Kommunikation, eine Form des festzuhaltenden Übrigbleibens?

    Weil wir niemals loslassen können, uns niemals befreien können, vom Drang etwas zu hinterlassen, in welcher Form auch immer?

    Weil wir als Lebewesen uns erhalten wollen, weil wir uns Ruinen als Denkmäler setzen und das zumeist in unglücklicher Form, als Denkmäler unserer Mächtigkeit unserer Größe und Stärke und nicht als Denkmäler unser verlorenen Gemeinsamkeit begreifen.

    Weil wir besessen davon sind und gerade deswegen weitermachen? Wer setzt den Maßstab? Was muss man wissen, um darüber urteilen zu können. Welche Tagebücher für sich selbst geschrieben und welche für ein größeres Publikum sind, woher weiß man was?

    Wenn Ich an unbekannte Autoren denke, so scheint es doch auf der Hand zu liegen, dass man, wenn man sich als kunstschaffende Person wahrnimmt, immer auf der Suche nach Kommunikation seine Arme streckt, dass man immer versucht ist zu zeigen, was man sieht und wie man sieht?

    Zwar ist da kein vorrangiger Platz für Kommunikation, für die Bedeutung, in einem Schaffen für die Nachwelt vorgesehen und doch findet etwas statt. Zwar ist da kein intentionales Kunstschaffen vorhergesehen und doch zeigt sich etwas mehr. Es ist diese dünne Linie, die man zu sehen beginnt, wenn man anerkennt.

    Denn Kommunikation, der Ausdruck verändert sich im kreativen Prozess, nur indem man ihn als kreativ anerkennt. Alles kann seine Bedeutung gewinnen, alles kann seine Kunst gewinnen, seine Kreativität erhalten, wenn wir nur beginnen zu sehen, was wir schaffen wollen und zu sehen was wir finden wollen. Also ist es vielleicht die Perspektive die man einnimmt. Durch die Perspektive legt man fest, in welche Richtung sich etwas zu entwickeln beginnt und damit auch welche Richtung dem Beobachter vorgegeben wird indem dieser das Bild mit seiner Intention wahrnimmt.

    Lesenswert hierzu: John Brough, Something that is nothing but can be anything und dessen Verweis auf das Kunstobjekt Vir Heroicus Sublimis von Barnett Newmann  [1]

    Nicht in einer scheinbaren schnellen Form ohne an die Publikation zu denken. Wenn der Schaffende eines kreativen Prozesses, daran glaubt, unbeobachtet zu sein, weil seine Kunst, sein Schaffen, sein Werk, nicht als solches von irgendjemand anderen als von sich selbst wahrgenommen werden würde. Weil der Anreiz als Künstlerin einen Schaffensprozess zu erhalten und damit eine Kreativität und ein Kunstobjekt zu erreichen, vielleicht gar nicht da ist? Wie verändert sich dabei die Schrift, das Nachdenken über Etwas und damit auch das Schreiben darüber? Vielleicht finden wir darin etwas, in einem Tagebuch einer Frau, die, so jedenfalls ihre Worte, nicht daran dachte, dass diese Notizen veröffentlicht werden würden. Es ist ein Buch, das mich vielmehr in seiner Form als reine Notizhaftigkeit interessiert, welche dann zweitrangig den Inhalt ebnet. Nicht umgekehrt. Form dann Inhalt.

    © Manesse Verlag

     

    Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon// von Sei Shnagon// ISBN: 3717513648// Buch: Gebunden// Illustriert von Msami Iwata// Übersetzt von Mamoru Watanbé// Manesse Verlag//  2004//  320 Seiten// 17,95 Euro

     

     

    Worum geht es?

    Sei Shangon (ca. 966-1010) notiert als Hofdame der Kaiserin Fujiawara No Sadako (976-1001) ihre Eindrücke über die Welt, ihre Beobachtungen über menschliches Verhalten und Natur. Sie tut dies, weil sie von der Kaiserin hochwertiges Papier erhält, da jene mit dem Geschenk nichts zu tun weiß. Shangon beschließt ein Skizzenheft anzulegen, heute auch bekannt als Makura – no Soshi (Das Kopfkissenbuch).

    „Alle Lebewesen, die in der Nacht singen oder schreien, finde ich wunderlich, mit einer Ausnahme: den Säugling.“ (105)

    Sei Shonagon stammt aus einer künstlerischen Familie. So war ihr Vater Kiyohara no Motosuke (908-990) https://www.metmuseum.org/art/collection/search/60441 ein damals bekannter Dichter. Wie es in unzähligen Rezensionen und Geschichten über Shonagon beschrieben wird und in diesem Notizbuch unübersehbar ist, war Shonagon eine sehr belesene und gebildete Frau. Diese Bildung äußert sie immer wieder in ihren Beobachtungen, vorallem aber auch negativ in ihren herablassenden sarkastischen Notizen über ungebildete, dem Hof ferne Menschen. Dies zeigt wohl auch auf eindringliche Art und Weise die damals absolut unpolitische Haltung am Hofe, an welchem sich die Anwohner lieber mit den schönen Künsten voll und ganz befassten und einen Sinn für ein politisches Bewusstsein, wie wir es heute geprägt sind, nicht hatten. Inwieweit diese Art des Schreibens, des unpolitischen, des interesselosen Lebens abseits von der Umgebung, zu kritisieren sei, ist wichtig, wird aber wohl eindeutiger an anderer Stelle erwähnt werden.

    Doch das, was dieses Notizheft so stark macht, sind ihre persönlichen Eindrücke und die so detaillierten Beschreibungen der Heian- Zeit.

    Die literarische Gattung nennt sich zuhitsu und bedeutet so viel wie „dem Pinsel folgend.“. Es soll umso mehr davon handeln, dass das, was notiert wird aus dem Augenblick heraus entsteht. Als Quelle für die japanische Literatur bis heute von unglaublichen Wert. So schreibt Mamoru Watanbé in seiner Einleitung:

    Wenn man von Gedichtsammlungen absieht, haben zwei Werke aus dieser Zeit höchste Bedeutung erlangt. Das eine ist der große Roman `Die Geschichte des Prinzen Genji` der Hofdame Murasaki Shikibu, das klassische Meisterwerk der japanischen Literatur. Das andere ist das `Kopfkissenbuch der Sei Shonagon.´ (13)

    Diese Ausgabe ist mit Illustrationen von Masami Iwata geschmückt und wurde vom Japanischen übersetzt und mit einer Einleitung herausgegeben von Mamoru Watanbé. Die Einleitung von Mamoru Watanbé liefert interessante Aspekte zu der Herkunft dieses Buches, zu ihrer Einordnung in die Literatur Japans und zu Sei Shonagon und ihrem Umfeld selbst.

    Wer sich davon anstecken hat lassen und nun das Buch zur Hand legen will, dem sei auch die Buchverfilmung The Pillow Book aus dem Jahr 1996 von Peter Greenway https://www.youtube.com/watch?v=z4I75Rvb0zo wärmstens zu empfehlen.  Die Frau im Fokus der Dramatik. Es handelt von der Liebe zur Kalligrafie und verändert das Kopfkissenbuch auf eine postmoderne Zeit mit Musik von der fabelhaften Guesch Patti.

    Eindeutig empfehlenswert!

     

    Wie werden Worte geschrieben, wenn der Austausch als Notiz fungiert?

     

    [1] John Brough (2015) »Something that is Nothing but Can be Anything: The Image and Our Consciousness of It« in: Zahavi, D. (Hg.): The Oxford Handbook of Contemporary Phenomenology, Oxford. S. 545-563 und Barnett Newmann: Vir Heroicus Sublimis, 1950, 1951 ausgestellt im Museum of Modern Art, New York,  https://www.moma.org/collection/works/79250

     

     

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