Nur eine Putzfrau

    von Rosemai M. Schmidt

    Olga Roth kam mir in der Fußgängerzone entgegen. Ich kam mit vollen Taschen vom Markt, sie war offensichtlich auf dem Weg dorthin und schob einen Kinderwagen. Ein blonder, süßer kleiner Junge lachte mir daraus entgegen, und ich lachte zurück.
    Als sie mich erkannte, grüßte sie und blieb stehen.
    „Sind Sie Oma geworden?“, fragte ich, und sie nickte ernst.
    „Ja“, antwortete sie, „Oma bin ich geworden, aber auch Mutter. Ich bin sozusagen beides gleichzeitig und das mit fünfundfünfzig Jahren.“ Sie strich sich die mit grauen Fäden durchzogenen schwarzen Haare aus der Stirn.
    Im ersten Moment dachte ich an einen dieser Fälle, wo die Mutter für die Tochter ein Kind ausgetragen haben soll, und ich schaute sie wohl etwas verdutzt an.
    „Ja, ja“, fuhr Olga Roth fort, „das hätt‘ ich mir auch anders gedacht. Aber ich hab‘ mich dafür entschieden, und seit einiger Zeit habe ich auch meine Putzstelle aufgegeben, damit ich für das Kind da sein kann.“
    Und dann erzählte sie mir ihre Geschichte.

    Selbst heute noch bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich kenne keine Geschichte, die mich so sehr betroffen, gerührt und bewegt hat wie diese, die mir eine einfache Frau auf der Straße erzählte, während die Leute geschäftig um uns herum eilten.
    „Wissen Sie“, begann sie, während ihre rauen, abgearbeiteten Hände gedankenverloren den Kinderwagengriff streichelten, „der Kai ist das Kind von meinem Johannes, was mein Sohn ist.“
    Sie schien auf eine Bemerkung zu warten.
    „Wissen Sie, das ist mein Ältester, der so schlimm heroinsüchtig ist. Schon seit zehn Jahren hängt er an der Nadel. In der Schule hat er schon angefangen mit Haschisch, aber wir wussten nichts davon. Erst als es schon zu spät war, haben wir’s erfahren. Erst haben wir’s immer wieder mit ihm probiert, aber wie er uns bestohlen hat, oft und oft, da hat mein Mann ihn ‚rausgworfen. Es war schlimm, aber ich hab‘s ja eingesehen. Irgendwann geht’s einfach nicht mehr.“
    Sie zuckte resigniert mit den Schultern, als sie weitererzählte.

    Johannes war knapp siebenundzwanzig Jahre alt und seit zehn Jahren heroinsüchtig, und die Eltern hatten die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, er könnte noch einmal davon loskommen, bis sie seine Freundin Ronda kennen lernten, die so sehr süchtig war, dass der Goldene Schuss wahrscheinlicher war als alles andere.
    Die beiden jungen Leute hatten sich mehr oder weniger von ihren Familien losgesagt und lebten, zwei der vielen Junkies in der Stadt, praktisch auf der Straße.
    Und wenn Johannes‘ Mutter ihren Sohn sehen wollte, musste sie ihn an einem der drei oder vier Junkie-Treffpunkte suchen. Doch dies war so schrecklich für sie, dass sie bald damit aufhörte. Sie konnte nicht mehr ertragen, ihren Sohn so heruntergekommen zu sehen.
    Dann wurde Ronda schwanger.
    An dieser Stelle konnte Johannes‘ Mutter ihren Kummer nicht verbergen.
    „Stellen Sie sich vor“, sagte sie leise, „so eine Verantwortungslosigkeit. Aber was will man machen. Ich hab‘ doch das Mädchen nicht können hängen lassen, wo sie doch mein Enkelkind im Bauch hatte. Und dabei hab‘ ich sie noch anflehen müssen, dass sie ab und zu zum Essen kommt, damit das arme Wurm in ihr nicht verhungert, so dürr und fertig wie die war.“

    Ronda behielt das Kind, trotz gegenteiliger Prognosen, und es wuchs in ihrem Leib.
    Während der ganzen Zeit ihrer Schwangerschaft spritzte sie sich weiterhin die Droge.
    Und eines Tages, zwei Monate zu früh, setzten dann die Wehen ein.
    „Wissen Sie“, sagte die Frau gepresst, „wir hätten ja davon gar nichts mitgekriegt, aber sie haben aus der Klinik angerufen. Ronda hat in ihrer Not unsere Adresse angegeben. Ein Junge sei es, hat uns die Ärztin gesagt, und sie müssen ihn künstlich beatmen, hat sie gesagt, und dass sie so etwas noch nie erlebt hat, dass man einer Mutter noch im Kreissaal Drogen besorgen muss, weil sie sonst überschnappt. Und dass ganz klar ist, dass sie das Kind nicht behalten kann, weil sie gar nicht in der Lage ist, sich um ein Kind zu kümmern, und schon gleich gar nicht um so ein schwaches und krankes, und dass sie bei dem Kleinen gleich einen Entzug machen müssen, weil er natürlich auch süchtig ist durchs Blut seiner Mutter.“

    Sie verstummte, von neuem sprachlos darüber, dass ein Neugeborenes schon süchtig sein konnte und sein kleines Leben mit einer derart grauenhaften Hypothek beginnen musste.
    Die Ärztin hatte dann der Großmutter mitgeteilt, dass das Jugendamt schon verständigt sei und eine Pflegefamilie gesucht werde, die das Kleine aufnehmen würde, wenn es entlassen wurde.
    „Wissen Sie, da hab‘ ich mir dann gedacht, dass das nicht sein darf. Schließlich ist das ja das Kind von meinem Sohn, und das kleine Würmchen kann ja schließlich nichts dafür. Und da hab‘ ich zu meinem Mann gesagt, dass ich den Kleinen zu uns holen werd‘, und mein Mann hat gesagt, nur über seine Leiche.
    Und da hab‘ ich gedroht und gesagt, du hast dein Leben schon gelebt und kannst dir selber forthelfen, der Kleine aber nicht. Entweder hast du uns beide, oder du bist allein. Ich jedenfalls sorg‘ für das Kind, das kommt mir in keine Pflegefamilie. Und ich hätt‘ meinen Mann verlassen, das kann ich beschwören. Und er hat’s auch gemerkt, dass es mir ernst ist.“
    So war es dann gekommen, dass die beiden Großeltern am selben Tag zusammen zur Klinik gefahren waren und ihr Enkelkind zum ersten Mal sahen.
    Die Frau hatte Tränen in den Augen als sie erzählte: „Wenn Sie das gesehen hätten! So klein“, sie hielt die Hände ungefähr dreißig Zentimeter auseinander, „und schrumplig wie ein Äffchen! Im Brutkasten! Und überall die Schläuche und die Nadeln und das Rohr in dem kleinen Mund, der Beatmungsschlauch! Ich konnte nur weinen. Und mein Mann war wie umgedreht. Ich hab‘ ihn gar nicht mehr vom Kai weggebracht. Am liebsten hätt‘ er ihn gleich mit heim genommen, mitsamt dem Kasten. Aber ich hab‘ das schon vorher gewusst: Lass‘ ihn das Kind nur erst mal sehn, dann wird er schon wegschmelzen.“

    Sie lächelte stolz auf den Kleinen hinab.
    Das Kind war fast ein halbes Jahr in der Klinik gewesen und musste auch danach sehr intensiv betreut werden.
    „Ohne Sauerstoffflasche neben dem Bettchen ging gar nichts. Am Anfang haben wir die Flasche fast jede Nacht gebraucht. Ich hab‘ fast nicht geschlafen in der Zeit. Das war ein hartes Jahr. Aber jetzt sind wir durch. Er ist ein bisschen klein, aber das wird schon. Gell, Kai?“
    Wieder ein liebevoller Blick zu dem Kleinen.
    „Und jetzt haben wir ihn auch noch adoptiert, wissen Sie, damit man ihn uns nicht wieder nehmen kann. Bisher haben wir zwar Pflegegeld gekriegt, das fällt jetzt weg, aber das war uns wirklich nicht wichtig.“
    Was aus ihrem Sohn und Kais Mutter geworden war, konnte Olga Roth nicht sagen, sie hatte schon monatelang nichts mehr von ihnen gehört.
    Schließlich ging sie weiter, und ich sah den beiden nach, bis sie sich im Gewühl des Wochenmarktes verloren.

    Einige Monate später wurde ein junger Mann in der öffentlichen Toilette vor dem Rathaus gefunden, der sich den Goldenen Schuss gesetzt hatte.
    Er hieß Johannes Roth.

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