Blick in die Zukunft

    von Heinz Zitta

    Die Kameradrohne sendet die Bilder der Ruinen in HD, in bester Auflösung. Perfekt zerstört. Das erst vor Kurzem mit großem Pomp eröffnete neue Einkaufszentrum: eine Ruine. Das achtstöckige Parkhaus: ein trauriger Anblick, wie nach einem Bombenangriff. Der Kinderspielplatz, die Spielgeräte: verrottet, verfault, unbenützbar.
    Ich wende den Blick ab, vom Bildschirm. Der Anblick des Grauens überfordert mich. Ich blicke auf die breite Zufahrtsstraße: eine Autoschlange. Ein Stau, wie man ihn aus alten Zeiten kennt, aus Zeiten vor der großen Zerstörung. Auf einmal sehe ich keine Ruinen mehr, keine Zerstörung. Habe ich Visionen? Kann ich in die Vergangenheit blicken? In die „gute alte Zeit“?
    Die Bilder der Zerstörung auf dem Tablet beamen mich wieder in die Gegenwart zurück. Nein, Hilfe, das stimmt nicht. Das kann, das darf einfach nicht stimmen. Ich habe doch erst kürzlich hier eingekauft, da war die Welt noch in Ordnung. Kein Chaos, keinen Verfall, keine Ruinen. Ich will diese schrecklichen Bilder nicht mehr sehen, aber der Bildschirm zieht mich in seinen Bann. Ich schaffe es nicht, wegzusehen. Ich umfasse meinen Kopf mit meinen Händen und drehe ihn zur Seite, aus dem Blickwinkel dieser ungustiösen Kamerabilder.

    Was ist los, was ist passiert? Habe ich irgendeine Katastrophe verschlafen? Sind wir im Krieg? Wieso weiß ich nichts davon? Ist das alles real? Oder habe ich Halluzinationen? Wenn ja, was ist wirklich wahr? Warum sehe ich die Ruinen nur am Bildschirm? Besteht da noch Hoffnung, ist alles nur ein Traum?
    Die Drohne wird von einem jungen Mann mithilfe eines Joysticks gesteuert. Weiß dieser Drohnenpilot mehr?
    Ich frage ihn, ob er etwas über die Ruinen weiß. Ob er erklären kann, was uns die Kamera da zeigt. Ob das wirklich real ist. Der Mann, er trägt einen Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Future-Video“ am Rücken, antwortet nicht. Er ist voll konzentriert mit der Joystick-Steuerung beschäftigt. Der Bildschirm zeigt jetzt einen Tiefflug über die Ruinen. Viele zerstörte Häuser, marode Straßen, entlaubte Bäume. Menschen sieht man keine. Ich spreche den Mann nochmals an. Er antwortet nicht. Er wirkt irgendwie abwesend. Als käme er aus einer anderen Zeit.
    Ich lese nochmals „Future-Video“, das Logo seiner Firma. Was bringt uns die Zukunft? Noch mehr Ruinen? Irgendwann wird aus jedem Neubau eine Ruine. Abhängig von der Bausubstanz. Aber dieses Einkaufszentrum ist noch nicht alt, es ist, hoffentlich, noch keine Ruine.

    Future. Zukunft? Liegt in diesem Wort der Schlüssel? Kann man damit das Unverständliche erklären? Erlaubt die Drohne einen Blick in die Zukunft? Sind diese Ruinen gar nicht echt, nur eine Fata Morgana? Was ist, wenn uns die Kameradrohne einen Blick in die Zukunft erlaubt? Aber warum sehen wir dann so viele Ruinen? Die Bilder erinnern an Industrieruinen der Gegenwart. Die waren auch alle einmal „neu“ und unser ganzer Stolz des Wirtschaftswachstums. So lange, bis eine Wirtschaftskrise viele Firmen in den Untergang stürzte.

    Was will uns diese Drohne zeigen? Sind das Bilder aus der Zukunft oder aus der Vergangenheit? Spielt hier jemand mit einer Zeitmaschine? Kann es so was geben? Ist eine Zeitmaschine aus der Science-Fiction-Welt in unsere Gegenwart gesprungen? Verträgt sich das mit der modernen Physik? Das sollten wir Einstein fragen. Geht nicht mehr, er ist schon zu lange tot? Na, dann erst recht, nehmen wir eine Zeitmaschine in die Vergangenheit. Der Drohnenpilot hilft uns beim Einsteigen.

    Das Kamerabild verblasst. Die Autokolonne steht im Stau, wie immer an einem Einkaufssamstag. Das Einkaufszentrum wird laufend erweitert, die Baukräne haben Hochsaison. Wie lange werden die Neubauten uptodate sein, bevor auch sie zerfallen, zu Ruinen? Der Drohnenpilot ist im Abgasnebel der Autos verschwunden. Ich muss wohl kurz eingenickt sein. Wo sind jetzt die Ruinen? Ein böser Traum?
    „Eine Reise in die Vergangenheit, Ruinen erzählen ihre Geschichte“ lese ich am Plakat in der Auslage eines Reiseveranstalters. Das Reisebüro sieht heruntergekommen und verlassen aus. Auch ein Opfer der Wirtschaftskrise? Der Supermarkt verkauft jetzt billige Reisen. Zu den Ruinen. Am Plakat beworben mit Luftaufnahmen von Ruinenstätten alter Kulturen. Es geht also doch ohne Zeitmaschine, das Reisen in die Vergangenheit.
    Und wie geht Reisen in die Zukunft? Probiere es mit deinen Träumen!

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