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„I would breathe water.“ – „Ich möchte Wasser atmen.“

    Literaturempfehlung Nr. 1: Sylvia Plath: The Colossus (deutsche Übersetzung: Judith Zander)

    Ein Textbeitrag von Anna W. von Huber

     

    für einen kurzen moment / wenn ich nachempfinden könnte was du schreibst / wenn ich erfahren könnte was sich verbirgt hinter all den wunden / dem schmerz der trauer in unzählige metaphern vergraben / für einen langen moment / deine worte wie wunderschön wenn du die natur besingst

    und doch bleibt es / wenn ich es nicht erfahre / ein geheimnis das mich zu fragen verleitet / und doch wird es / wenn ich es nicht erfahre / zu einem spannenden erlebnis / weil ich suchen muss nach dir nach mir nach der welt und ihrer vielfalt / die wir allzu oft im rausch der täglichkeit verlieren

     

    Allgemeines zum Werk

    Sylvia Plath (*1932-1960) schreibt Bekenntnisse ihres eigenen Lebens und doch so metaphorisch vergraben, dass sie weit mehr liefern als eine lyrische Autobiographie. (Wer sich mit dem Leben von Sylvia Plath auseinandersetzen will, dem ist zudem der von Christine Jeffs redigierte Film, Sylvia (gespielt von Gwyneth Paltrow) zu empfehlen.)

    Der hier kurz besprochene Lyrikband The Colossus erschien 1960 erstmals bei einem britischen Verlag und zwei Jahre später in ihrem Heimatland den USA. Zugeordnet wird dieser Band, sowie das gesamte Lyrikwerk von Sylvia Plath der sogenannten confessional poetry, dt. Bekenntnislyrik. (Bekenntnislyrik ist eine Form der Lyrik, die wie der Name es sagt, vorrangig Innerlichkeiten, wie Gedanken und Gefühle des/r Autor/in in lyrischer Form verarbeiten.)  In Sylvia Plaths Fall werden ihre Krankheit der Depression, ihre Erfahrung als Frau in einer männerdominierten Literaturszene, ihre Selbstzweifel als Autorin sowie ihre Familienkonflikte verarbeitet. Es zeigen sich in diesem Band zudem wiederholt Anspielungen auf ihre Suizidgedanken.

    Die besprochene Ausgabe ist eine zweisprachige Ausgabe mit deutscher Übersetzung der Lyrikerin Judith Zander 2013 im Suhrkamp Verlag erstmals veröffentlicht. Judith Zander gelingt es eine übersetzte Lyrik zu schreiben, die sowohl dem Original sehr nahekommt, als auch einen eigenen Ton in deutscher Sprache darstellt.

    Im Allgemeinen ist Colossus schwer zu greifen und genau das macht diesen Lyrikband so wunderschön. Immer wieder entdeckt man neue Anknüpfungen, neue Verborgenheiten, neue Metaphern. Sylvia Plath schafft es im Verborgenen dem Kryptischen zu entgehen.

    Das worauf ich meine Empfehlung schreiben will, ist nicht Sylvia Plaths literarische Verarbeitung der Beziehung zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter oder zu Ted Hudges. Diese rein autobiographische Deutung wurde bei der Autorin Sylvia Plath, besonders durch ihr turbulentes Leben einerseits und ihrem Stil der Bekenntnislyrik andererseits immer wieder in den Fokus gelegt. Sylvia Plaths Kunstwerk schafft weitaus mehr als eine autobiographische Offenbarung. Ihre Werke und dabei besonders Colossus können gelesen werden, ohne überhaupt vom Leben der Autorin Kenntnis zu besitzen.

    In diesem Fall erwähnte Sylvia Plath in einem Interview, dass für sie die direkte Verschriftlichung von ihren innersten Kämpfen den Ausgangspunkt ihrer Lyrik darstellt. Sie hält es und darauf soll es in meiner Aussage ankommen für eine Notwendigkeit dieses Empfinden in einem zweiten Schritt als Material zu verwenden künstlerisch, akademisch zu bearbeiten, damit es nicht mehr eine Verarbeitung tagebuchartiger Empfindungen sei. (Vgl. Sylvia Plath, BBC Interview, 1962: https://www.youtube.com/watch?v=g2lMsVpRh5c )

    Was mich am eindrücklichsten erstaunt hat ist ihre Art über die Natur zu schreiben. Die Natur ist es auch, die mir letztendlich in Sylvia Plaths Werk Hoffnung gibt weiter zu schreiben, weiter zu leben, weiter zumindest zu versuchen, die Welt zu sehen und was in ihr verborgen ist.

    „At this wharf there are no grand landings to speak of. / Red and orange barges list and blister/ Shackled to the dock, outmoded, gaudy, / And apparently indestructible. / The sea pulses under a skin of oil.“ (dt. „An diesem Kai gibt es keine Anlandungen, die der Rede wert wären. / Rote und orangene Kähne krängen und werfen Blasen, / Eingeschäkelt am Dock, veraltet, doch / Anscheinend unverwüstlich, und grell. / Das Meer pulsiert unter einer Haut aus Öl.“)

    Diese Fokussierung auf die Natur zeigt sich deutlich in ihrem Lyrikband. In diesem unglaublich traurigen und auch düsteren Band findet sich immer wieder eine Detailtreue für Naturereignisse, die mich ins Staunen versetzen. Wie aufmerksam Sylvia Plath mit dieser Zerrissenheit die Natur mit einbezog, als Metapher verwendete und mir dabei einen Zugang schenkte unglaublich tiefe Empfindungen in der Beschreibung alltäglicher Natur zu erdichten.

    Vielleicht kann uns The Colossus Hilfe geben, eine Hilfe dafür feinfühlig die Natur und unsere Umgebung zu sehen. Mich, als eine Person, die die Natur offen sehen will und doch immer wieder in das Rauschen der Stadt gezogen wird und angeregter von Menschengesprächen als von dem Rascheln der Blätter ist, hat sie mit Sicherheit immerhin den Anreiz gegeben, die Natur mehr zu schätzen und stets versucht achtsam gegenüber dem zu sein, was uns am Leben hält und zu überdenken was wichtig ist für uns und unsere Umwelt. Unglaublich, trotz ihres verzweifelnden Duktus, ihrer zutiefst traurigen scheinbar hoffnungslosen Worte konnte sie diesen Anreiz in mir auslösen. Das allein veranlasst mich dieses Buch zu empfehlen.

    Sie bleibt ein Rätsel. Ihre Gedichte sind Bekenntnisse und doch weit mehr als das.

    Für jeden der versucht ist, mehr zu erfahren als äußerliche Empfindungen, der versucht ist, Bekenntnisse in detaillierter Naturpoetisierung zu erhalten, dem ist dieser Lyrikband von Sylvia Plath wärmstens zu empfehlen.

     

    Sylvia Plath (2013) : Der Koloss. Gedichte. Englisch und deutsch., Übertragen von Judith Zander. Suhrkamp Verlag: Berlin.

    Die nächste Lyrikempfehlung folgt…

     

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