Solidarität als Utopie – Zweitplatzierter des 1. ESK-Schreibwettbewerbs

    von Oliver Bruskolini

    Nach der Ausschreibung ist vor der Ausschreibung. Bis zum nächsten Jahr suchen wir Texte, die sich mit den Themen „Weltstaat“ und „Zersplitterung“ auseinandersetzen. Dass das ein Thema ist, das die Gesellschaft spaltet, hat sich zuletzt bei der Parlamentswahl der EU deutlich gezeigt.

    Im Zuge des 1. ESK-Schreibwettbewerbs 2018 ist ein Kurzessay entstanden, der diese Thematik streicht und als kreativer Input verstanden werden darf. Er wurde von der Jury mit dem zweiten Platz ausgezeichnet.

    Solidarität als Utopie

    Was ist Solidarität? In erster Linie ein Begriff, der verschiedene Ansichten zu sammeln versucht. Ansichten, die verschiedener nicht sein könnten. Und das bei einem Begriff, der in gewisser Weise auf Gemeinsamkeit zielt. Die Ironie ist kaum zu überbieten.

    Solidarität kann heißen, dass mehrere Menschen für bestimmte Werte einstehen. Sie vertreten ein gemeinsames Ziel und unterstützen sich dabei, es zu erreichen.

    Solidarität kann man es aber auch nennen, wenn man bereit ist, zu helfen. Man sieht, dass es jemandem schlecht geht und versucht, etwas an dieser Ausgangssituation zu verändern.

    Es sind Überzeugungen, die Solidarität erzeugen. Überzeugungen, die ein Miteinander ermöglichen. Ein Füreinander. Wir stehen miteinander füreinander ein. Und trotzdem können wir alleine stehen.

    Die Solidarität versucht nicht, alle Wände grau zu streichen. Sie ist keine Form der Gleichschaltung, sondern sie lässt eben jenen Freiraum, den es zur Entfaltung braucht. Aber dennoch schweißt sie zusammen. Sie verbindet, sie gibt frei, sie erhält und sie verändert. Nicht umsonst wird der Begriff im Zuge von Revolutionen und Umwälzungen gebraucht. Aber eben auch im Kampf um den Erhalt eines bestehenden Systems.

    In turbulenten Zeiten ist diese Form der Solidarität wichtiger denn je. Die Meinungen gehen so weit auseinander, dass es schwierig ist, gemeinsame Nenner zu finden. Selbst bei den kleinsten Nichtigkeiten entfachen folgenreiche Streitigkeiten. Es herrscht Uneinigkeit. Unter den Staaten, unter einzelnen Gruppierungen, unter einzelnen Menschen.

    Solidarität ist also eben jene Utopie, die diese Uneinigkeit zu überwinden vermag. Eine Utopie, die verbindet, repariert und einen vielleicht totgeglaubten Geist zu neuem Leben erweckt.

    Oder ist die Uneinigkeit der Sensenmann, der die utopische Solidarität zu Grabe trägt?

    Wie soll ich mich als junger Mensch solidarisch mit konservativen Anschauungen zeigen? Wie soll ich mich mit Menschen verbinden, die nach Unterschieden suchen? Wie, wenn ich selbst nach Unterschieden suche?

    Wie könnte ich solidarisch mit Institutionen wie Frontex sein? Die darauf bedacht sind, Solidarität zu zerschlagen, weil sie sich ihrerseits solidarisch mit den Unsolidarischsten unter uns zeigen? Ich habe keine Solidarität mit Regierungen, die die Selbstbestimmung ihrer Bürger unterwandern. Ich habe keine Solidarität für Ansichten, die sich gegen Liebe, Menschlichkeit und Freiheit richten.

    Wie könnte ich solidarisch mit einem Rechtsruck sein, wenn mein Herz links schlägt? Wie kann ich an ein Miteinander glauben, wenn alles auseinandergerissen wird?

    Ein vereintes Europa ist ein schöner Gedanke. Übertroffen wird er wohl von der Utopie einer vereinten Menschheit. Das sind Ideen, denen Solidarität zugesprochen werden sollte, denen immer wieder Solidarität zugesprochen wird.

    Aber solange es keinen Konsens gibt, ob über die großen politischen Fragen oder kleine Fragen der Menschlichkeit oder der Moral, so lange wird es keine Solidarität geben. Weder von mir, noch von dir oder sonst wem. Bis dahin lässt [sich] die Frage nach der Solidarität nur wie folgt beantworten:

    Die Solidarität ist eine Utopie, die nicht aufgegeben werden sollte, obwohl wir uns immer weiter von ihr entfernen.

    Wer auch die Texte der anderen Gewinner lesen und sich ein wenig Input zur Solidarität im Rahmen der EU aneignen möchte, wird auf der Webseite des Veranstalters fündig.

    Wie die Thematik der kommenden Nummer letztlich literarisch verarbeitet wird, ist den KünstlerInnen selbst überlassen. Wir freuen uns wieder auf zahlreiche spannende Einreichungen und sind gespannt, was ihr Kreatives aufs Papier zaubert.

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