Vorstellung: „Morgennachrichten. Haiku-Jahrbuch 2018“

    Das ist zwar etwas untypisch, aber hier geht es auch um ein besonderes Projekt: Das Haiku-Jahrbuch, das Volker Friebel in Eigenregie zum nunmehr 16. Mal seit 2003 herausgibt. Das Jahrbuch verschafft einen hervorragenden Überblick über das deutschsprachige Schaffen des ursprünglich japanischen Kurzgedichts und ist auf seiner Webseite kostenfrei als PDF erhältlich. Nur für die Printausgaben und für das eBuch ist ein Obolus zu entrichten, mit dem der Herausgeber allenfalls sein Gestehungskosten deckt. Die Redaktion hält dieses Projekt für eine sehr ehren- und bewundernswerte Aktion, deren Erwähnung hier dem Projekt zusätzliche Bekanntheit und LeserInnen verschaffen soll. Die Redaktion sagt an dieser Stelle stellvertretend laut und vernehmlich „Danke, lieber Volker Friebel!“  und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass das Haiku-Jahrbuch auch in den kommenden Jahren weiterhin erscheint!   

    Friebel, Volker (Herausgeber, 2019): Morgennachrichten. Haiku-Jahrbuch 2018. Edition Blaue Felder, Tübingen. PapierBuch: 96 Seiten, 12,90 Euro; eBuch, epub-Format: 4,99 Euro; pdf-Datei: kostenfrei unter www.haiku-heute.de/jahrbuch .

    Haiku heute ist ein Projekt zur Förderung des deutschsprachigen Kurzgedichts. Die Netzpräsenz www.Haiku-heute.de erstellt aus der Vielzahl an eingereichten Texten jeden Monat eine Auswahl nach literarischen Gesichtspunkten. Die Jahrbücher, von denen hier das sechzehnte vorliegt, versammeln davon die interessantesten Haiku jedes Jahres. Zusätzlich werden speziell für das Jahrbuch eingereichte Haiku aufgenommen – das Jahrbuch berücksichtigt dabei ausdrücklich auch bereits anderweitig veröffentlichte Texte. Alle Beiträge eines Jahrbuchs sollten im jeweiligen Jahr entweder geschrieben oder aber erstveröffentlicht worden sein.

    Vorwort

    Der Frosch im Teich hat viel zu sagen, ich höre ihm zu und freue mich dran, auch wenn ich kein Wort verstehe. Die Morgennachrichten im Netz verstehe ich zwar, sie handeln allerdings fast nie vom Weiher im Wald und dem Frosch, sondern von Menschen und Geschehnissen, die mir fremd sind, weit weg in der Welt.

    Der ganzen Welt? Die Technik schreitet voran, Teleskope durchforschen das All. Bald werden die Morgennachrichten womöglich auch über den Streit am Hof von Epsilon Eridani um die Goldene Wabe oder den Skandal um das illegale Klonen von Arbeiterinnen auf Tau Ceti berichten.

    Die Erfahrungen eines Froschs sind – vermutlich – alle direkt, er lebt ganz in der Welt, die ihn unmittelbar umgibt. Wir allerdings sind Menschen, auch die von uns, die eigentlich lieber Spatzen, Kiefern oder Schmetterlinge wären.

    Vielleicht wird irgendwann ein Analysegerät angeboten, das beim Gewichten von Erfahrungen behilflich ist. Wie viel Prozent indirekte Erfahrungen sind stimulierend für uns, bei wie viel Prozent sind wir gesättigt, ab wann wird es negativ?

    Auf Stimulation und Übersättigung wird sich das Gerät wohl beschränken. Denn bei der Frage, wie viel all der indirekten Erfahrungen tatsächlich hilfreich für das eigene Leben sind, nicht für Konstrukte wie den „geistigen Horizont“ oder die „Bildung“, sondern für unser ganz alltägliches Leben, tendiere ich nach kurzer Abschätzung auf einen Wert dicht bei Null.

    Trotzdem will ich auf die Morgennachrichten des eigenen Planeten nicht verzichten und wäre begeistert über die Zuschaltung weiterer Welten.

    Ist das Lust am bloßen Nervenkitzel? Lust an der Stimulation von Gefühlen, um zu spüren, dass man lebt? Hat sich die Neu-Gier einfach evolutionär als erfolgreich erwiesen und stichelt uns nun aus den Genen an?

    Allerdings können wir nicht immer mehr Informationen aufnehmen – und so treten direkte Erfahrungen zurück, wenn die indirekten zunehmen. Wahrscheinlich kennen wir alle mehr Menschen aus den Medien als aus unserer unmittelbaren Umgebung. Es kann sogar vorteilhaft sein, wenn wir für unsere negativen Gefühle ein paar böse Stellvertreter auf dem Schirm ernennen, das erleichtert uns das Auskommen mit dem eigenartigen Nachbarn.

    Trotzdem finde ich, dass direkte Erfahrungen zu kurz kommen und gestärkt werden sollten. Das wird einer der Gründe sein, weshalb ich Haiku so schätze. Da ärgere ich mich in der Stadt über die Laubbläser und die schlechte Ampelschaltung, da lausche ich im Wald den Morgennachrichten der Vögel, des Windes, der Grashalme – und schreibe etwas davon mit.

    Auch wenn ich Haiku lese, werde ich eher mit Dingen aus realen Welten konfrontiert, mit der U-Bahn, den Kiefernnadeln, dem Sonnenaufgang, einem Lächeln. Dagegen sind Meinungen, Urteile, Weltanschauungen dem Haiku nicht eigen, Trotzdem kommen sie vor; ihren halsstarrigen Dichtern sei auch für sie ein Dank,

    Um die Auseinandersetzung mit der eigenen Welt geht es also im Haiku, um Momentaufnahmen unserer Gegenwart, In diesem Jahrbuch werden wir wieder eine Vielzahl an Sichtweisen finden.

    Aufgenommen wurden 553 Haiku von 116 Autoren sowie neun Tan-Renga. Die meisten Texte erschienen erstmals in den Monatsauswahlen von Haiku heute, in den Organen der Deutschen Haiku-Gesellschaft (Vierteljahresschrift Sommergras, Werkstatt), in Chrysanthemum (halbjährliche internationale eZeitschrift), in der Facebook-Gruppe Haiku-like. Weitere Texte wurden von den Autoren auf die Ausschreibung des Jahrbuchs hin eingereicht. Für die Aufnahme war Bedingung, dass die Texte im Jahr 2018 geschrieben oder in diesem Jahr erstveröffentlicht worden sind. Alle Texte wurden durch den Herausgeber ausgewählt und von ihm zusammengestellt, kritisch unterstützt durch Elisabeth Menrad.

    Freude beim Lesen und viel Inspiration wünscht

    Volker Friebel

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