Berichte von der Insel – 4. Verpuppung / Mumie

    Eine Prosaminiatur von Walther

    Zu den Festen der Rehabilitation gehört „Schlick und Schlack“, gefolgt von „Knick und Knack“. Jetzt stellt sich die berechtigte Frage, was diese doppelte Wohltat für den gequälten Rücken mit den Begrifflichkeiten in der Überschrift zu tun haben könnte. Für die Aufklärung ist ein kleiner Umweg nötig.
    Die Sache beginnt damit, den Oberkörper frei zu machen. Danach kommt eine Packung warmer Meeresschlick auf den Behandlungstisch der Physiotherapeuten, in die sich der Kurende hineinlegt. Er wird in Tücher eingehüllt, wie eine Mumie eingewickelt, wenn auch nur um den Oberkörper herum. Er liegt dort ca. 20 Minuten und lässt es sich gut ergehen.

    In dieser Zeit können die Gedanken schweifen. Während der Behandelte im wahrsten Sinn des Worts im Dreck (hier: Schlick, diese graubraune Pampe vom Nordseestrand) liegt, geht sein Denken auf Wanderschaft. Da wir uns an der See befinden, passte „Große Ausfahrt“ eigentlich besser. Die Musik esoterisiert blubbernd im Hintergrund. Die Lider werden schwer. Zum Glück gibt es keine Räucherstäubchen – die sind nichts für Asthmatiker und Allergiker.
    Außerdem stören sie beim Gedankenflug, weil sie die Nervenbahnen und die Synapsen verstopfen. Jetzt wisst ihrs mal, werte Esoterikfreaks: Räucherstäbchen stinken, machen krank und lenken beim Träumen ab.
    Die Wärme von unten, obgleich nur den Rücken betreffend, schafft eine wohlige Wärme, bei der man durchaus darauf achten sollte, nicht auf falsche Gedanken zu kommen. Nun, die Teilzeitmumie findet jedenfalls Zeit, den Gedanken „Mumie“ weiterzuspinnen.

    Zuerst kommt man auf den nicht abwegigen Gedanken, sich der Mumie zuzuwenden, die spätestens seit den Mumienfilmen – oder war es Indiana Jones? – durch unsere innere Filmwelt geistert: die Ausformung „Ägytpische Mumie“, auch zu finden auf der Berliner Museumsinsel und in Kairo selbstreden. Sie ist die bekannteste unter den Mumien. In Pyramiden haust sie heute seltener, dieweil „ausgegraben oder geraubt“, meist aber „und“. Auch die im Ägyptischen Museum zu Berlin und in der Mumiensammlung der Universität Tübingen usw. usf. gehören wohl eher zur Kategorie „und“.
    Dabei gibt es noch ganz andere Mumien. Und zwar weder geraubt noch ausgegraben. Sie hängen zumeist einfach an Halmen oder Ästen. Zum Beispiel einer Wasserlilie etwa. Und sind dann nichts Anderes als der übriggebliebene Chitinkorpus einer Libellenlarve, die das geschlüpfte Großinsekt zurücklässt. Ganz schöne Kaventsmänner, die Große Königslibelle. Sie brummt ab Sommer in unserem Garten herum – ihre Larven wachsen im Teich heran.
    Schwierig wird es immer, sie zu fangen, nachdem sie sich durch die offene Verandatür in den Wintergarten verirrt haben, neugierig wie sie sind. Man möchte die großen Flügelwunderwerke zerstören; mit einer hohlen Hand gelingt das ganz gut, die Libellen beißen und stechen nicht, obschon sie als Fleischfresser unterwegs sind.
    Mumien kommen in der Insektenwelt häufiger vor, als man denkt. Auch die verlassenen Verpuppungen von Schmetterlingen beispielsweise sind Mumien. Die Sprache liebt solche Figurationen. Jedenfalls hat die dritte Behandlung den Behandelten um die Blütenstände des Sommerflieders tanzenden Pfauenaugen gebracht – und das in der dritten Januardekade auf Borkum.

    Irgendwann kommt der Physiotherapeut herein, die Schlickpackung ist deutlich abgekühlt, man fühlt sich wohlig entspannt und ein wenig müde. Jetzt geht es an die Rückenmassage. Lebende „Mumien“ haben den entscheidenden Nachteil der Schmerzempfindlichkeit; „Knick und Knack“ für den zweiten Behandlungsteil aufzurufen, stellt sich als besonders treffend heraus.
    Nach der Massierung des Rückgrats oberhalb des Jeansgürtels ist der Rückeneigner jedenfalls wieder hellwach und fühlt neben spürbarer Erleichterung auch den einen oder anderen kleinen Muskel- und Sehnenschmerz. Er ist an Nacken, Schultern, Wirbelsäule bis hinunter an den Ansatz des Hüftbeugers entspannt – wenn auch das recht ISG-Gelenk immer noch zieht, aber das wurde ja auch nicht gewalkt (bzw. die Muskeln und Sehnen drumherum, um es zu aktivieren).

    Wie heißt es so schön: „Wenn du am Morgen Schmerzen spürst, bist du noch am Leben.“ Und wer möchte schon gerne auf Dauer eine Mumie sein. Schließlich sind selbige in jeder Ausprägung ziemlich total tot.

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