Zwischen Punkrock-Romantik und großen Fußstapfen

    Rezension von Oliver Bruskolini

    Florian Ludwig, Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können, Roman, Satyr Verlag, Berlin 2018, 1. Auflage, ISBN 978-3-947106-12-7, Taschenbuch, 184 Seiten, 14,00€

    Florian Ludwig und der Satyr-Verlag legen die Messlatte hoch an, wenn sie auf Rocko Schamoni und Slime rekurrieren. „Dorfpunks mit Nachwendeblues“ lautet der erste Satz auf dem Buchrücken. Der Titel Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können ist in entfremdeter Form einer der prägendsten Punkrock-Bands entliehen. Die Fußstapfen sind dementsprechend breit und sie werden nicht gänzlich ausgefüllt, so viel sei an dieser Stelle bereits verraten. Aber der Reihe nach…
    Nach seinem Debüt im Jahr 2014 liefert Florian Ludwig mit dem besprochenen Titel seinen zweiten Roman. Der Leser folgt zwei Protagonisten. So erzählt der Autor die Geschichte von Berndte, ein ewiger Punker, und Lude, der mittlerweile ein eher gemäßigtes Leben führt, in zwei fragmentarischen Handlungssträngen, die sich gelegentlich kreuzen.
    Dabei gelingt ihm ein interessantes Wechselspiel. Denn Berndte lebt das Klischee. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren, geht halbherzig einer Ausbildung nach, mit dem Ziel, nicht übernommen zu werden, kämpft an vorderster Front gegen die Nazifizierung des Ostens und flüchtet schließlich aus der Öde der Kleinstadt in das rasante Großstadtleben Berlins.
    Lude spiegelt dagegen, erzählt aus der Ich-Perspektive, das Leben eines Altpunks. Er schwelgt in Erinnerungen, hangelt sich durch seinen Alltag als Familienvater und unmotivierter Arbeitnehmer und flüchtet sich in seiner Freizeit in den Amateurfußball.
    Es sind nicht große Worte, die diesen Roman ausmachen. Es ist auch kein strikt geplotteter Handlungsbogen, der alten Schemata folgt. Charakteristisch für Ludwigs Geschichte sind viel mehr scharfe Beobachtungen, spöttische Kommentare und ein einladender Perspektivwechsel auf zeitgenössische Ereignisse und den Schatten, den die DDR geworfen hat.
    Hier kann durchaus vom Nachwendeblues gesprochen werden, denn der Autor vermittelt das beklemmende Gefühl, das viele Bewohner der neuen Bundesländer kurz nach dem Mauerfall verspürt haben. „Gestartet im Sozialismus, gelandet zwischen Pornos und Bananen“ (S. 32) bringt das Überforderungsgefühl durchaus auf den Punkt.
    Aber das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Enttäuschung sämtlicher Erwartungen ist nicht das einzige, das Ludwig geschickt zu verpacken weiß. So treffen politische Extreme aufeinander, das Dorf trifft auf die Kleinstadt, Punk als Lifestyle trifft auf die Routine des Alltags.
    Was aus diesen Spannungen resultiert, lässt sich mit der mittlerweile etwas gealterten Hypothese Punk is dead auf den Punkt bringen. Florian Ludwig reanimiert ihn kurz wieder, um ihn abschließend ein zweites Mal umzubringen. So sehr sich Berndte wehrt, er wird immer mehr zu dem, was Lude schon zu Beginn des Romans ist. Ein Punkrock-Romantiker, an das System angepasst, zwar nicht unterwürfig und immer noch scharfzüngig, aber doch funktionierend.
    Im Großen und Ganzen ist Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können ein gelungener Roman, dessen Stärken die Schwächen überwiegen. Er ist angenehm zu lesen, hat lediglich im Strang um Lude subjektiv langatmige Passagen und spart nicht an Wortwitz. Dennoch bleibt er, wie eingangs erwähnt, seinem eigenen Maßstab etwas schuldig. Die Leichtigkeit, mit der Rocko Schamoni das Dorfleben als Punk beschreibt, kann Forian Ludwig leider nicht erreichen und, um Slime gerecht zu werden, fehlt es an Extremität. Zwar positioniert der Autor seine Geschichte und seine Figuren recht deutlich, aber es fehlt das berüchtigte letzte Bisschen. Aber trotz alledem sollte festgehalten werden, dass das Buch durchaus lesenswert ist, gerade für Leser, die gerne durch ein schmunzelndes Auge auf die Welt blicken.

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