Altbierperspektiven

    Rezension von Walther

    A.J. Weigoni, Lokalhelden, Roman, Edition Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2018, 317 Seiten, Taschenbuch 19,80 € / Hardcover (handsigniert und limitiert) 29,80 €, zu beziehen bei Edition Das Labor unter http://www.editiondaslabor.de/

    (c) Edition Das Labor

    Der Ungarorheinländer, Poet, Novellist, Dramatiker, Romancier und Gesamtkünstler A.J. Weigoni hat mit „Lokalhelden“ einen weiteren „Romanessay“ vorgelegt. Diesmal reflektiert er über die deutsche Republik in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts nach der Wiedervereinigung. Die „Bonner Republik“, so nennt man die Bundesrepublik zwischen 1949 und 1989 gerne und zielgenau, geht gerade unter. Ein neuer Zustand ist bis heute nicht gefunden, die konvulsivischen Schübe der Regruppierung aller Körperteile unter Aufnahme der Hinzugekommenen er- und durchleben wir gerade.
    Ein Ende ist nicht abzusehen.

    Weigoni schaut und hört genau hin. Man darf vermuten, dass er selbst einige Nächte an der längsten Theke der Welt verbracht hat, im Herzen der „Alkstadt“, wie er diesen Teil des Weltdorfes bezeichnet, das am Rheinnebenfluss Düssel gelegen ist und von ihm seinen Namen geerbt hat. Er erklärt dem Leser zusätzlich, warum selbst des Pegeltrinken mit dem berühmten „Obergärig“ absolut gesund ist – wenn man von der Nebenwirkung des Alkstoffs auf Leber und Bauchspeicheldrüse mal absieht.
    Dieses „Obergärig“ unterscheidet sich übrigens nur in der Farbe vom „Spölwasser“ us Kölle; schließlich ist die Bierfeindschaft von Kölsch und Alt legendär, und der Düsseldorfer „Lokalheld“ hat das entscheidende Geschmacks-Prä uff singe Sick, dass obergärige Hefe und dunkles Malz nun einmal nachgewiesenermaßen besser munden als obergärige Hefe mit hellem Malz in einem glasklar gefilterten hellen Bier.
    Der Autor liefert uns in wenigstens zwei launigen Aufzügen eine ausführliche Erläuterung des obergärigen Herstellungsprozesses und der gesundheitsfördernden Ingredienzien des strengstens nach deutschem Reinheitsgebot erzeugten Durstlöschers (sei es der tatsächliche oder der seelische) samt des erläuternden Hinweises, dass das Obergärig des beschriebenen Stammlokals ganz besonders gesund sei, da nicht ganz auf Klarheit des Bieres gefiltert. Er lässt dieser Aufklärung über das Bier im Allgemeinen und das betreffende Obergärig im Besonderen noch den Hinweis folgen, dass das Geheimnis in der Direktverwertung liege; der Stoff müsse gar nicht besonders lang halten, weil er sowieso nie alt genug dafür werden würde.

    Man muss dem Autor lassen, dass er auch die Netzwerke und den Klüngel trefflich beschreibt; ebenso stellt er klar, dass die Nähe der Trinker und Trinkerinnen an der längsten Theke der Welt nicht mit menschlicher Nähe zu verwechseln ist. Der, der das Rheinland selbst am eigenen Leib erlebt hat, weiß mehr als ein Trinklied davon zu singen, dessen spezielle Abart „Karnevalslied“ inzwischen rheinauf-rheinab in Form der Höhner ganzjährig gegrölt werden darf: Hier sind die Kölner ihrerseits eindeutig im Vorteil, weswegen der Autor dieses Kapitel wohl auch mit dem Tuche des sittsamen Verschweigen versehen hat. Denn der Siegeszug des kölschen Karnevalshits nahm bereits um die Jahrtausendwende an Fahrt auf.
    Seinen Ausflügen in die Ökonomie wollen wir eher nicht folgen; sie sind um einiges weniger brauchbar als seine Anmerkungen zum Entstehen von House und Dance und der modernen Musik im Großen und Ganzen. Auch dort brilliert er – was aber nach Cyberspasz, den wir ebenfalls empfehlend besprachen, nicht verwundern sollte. Am Ende kann man nicht in Allem und Jedem Bescheid wissen. Jeder versteht das. Nur sollte man sich dann darüber nicht im Brustton einer weltverändernden Sendung verbreiten.

    Die Zeitspanne von ca. 12 Jahren, deren der Autor sich widmet, ist dem bundesrepublikanischen Gedächtnis fast entschwunden; Kohl ist in dieser Phase abgewählt worden, und der Niedersachse Schröder leitete mit Hartz IV auf die mittelostdeutsche Kanzlerin Merkel über, die nun ihrerseits den Stab an wer weiß schon wen weiterleitet. Der Westfale Merz wird’s wohl eher nicht, was wiederum eher dafürspricht, dass die Herzkammer der Bundesrepublik (West-)Deutschland weiterhin im Unbeachtlichen verbleibt.
    Wer aber eben diese besondere Bonner Republik verstehen will und auch die Verletzungen, die durch ihr Ende im Westen gerade entstehen, der sollte sich dieser detaillierten Milieustudie zuwenden, um eine Ahnung in sich aufzunehmen, was da brodelt, dümpelt und mieft.

    Wir wollen bei alledem nicht verschweigen, dass der Autor ein geradezu unglaublicher Wortkünstler ist, der es schafft, aus geradezu wahnwitzigen Zusammenfügungen philosophischen Wortwitz zu zaubern. Wir wollen einige dieser Neologismen aufzählen, um zum weiteren Nachlesen und Entdecken anzustiften: „Eskapismusvehikel“ (S. 6), „Affirmatives Ausagieren“ und „Kaputtheitsremmidemmi“ (S. 7), „Heteronormative Mehrheitsgesellschaft“ (S. 128), „Privatheitslimit“ und „Unbedenklichkeitspflaster“ (S. 186), „Identitätspoker im Verdrängungsalltag“ (S. 218), „Erzwungenschaften“ und „Vergangenheitsarthrose und Geschichtsrheumatismus“ (beides S. 219), „Biologistische Zwangshaftigkeit“ (S. 238), „Verschlusskappenblues“ und „Testesterondampfende Hochdruckzone“ (beides S. 250), um willkürlich ein starkes Dutzend aus sicherlich mehr als fünfhundert solcher Wort- und Sprachschmankerln herauszugreifen.
    Man beachte, dass diese Spitzen essayistisch aufbereitet werden; sie sind die eigentliche Story, die Menschen, deren Unterhaltungen – oder exakter: Aneinandervorbeigerede – durch den Erzähler mitgeplottet werden, sind der Hebel für die Erkenntnisvermittlung. Sie sind nicht die Hauptfiguren, haben allenfalls Nebenrollen und Beiwerkfunktion.

    Er setzt mindesten einem Künstlerkollegen im Schlusskapitel des Romans noch ein Denkmal, das die vielen parallellaufenden Parabeln zusammenfasst. Es geht um das Siegen durch und im Scheitern. Und damit um nichts weniger als nicht nur das Rheinland im Besonderen, das eine ganz spezielle Art der Niederlagenherstellung und des daraus folgenden Niedergangsgenusses entwickelt hat, sondern um das, was wir im Allgemeinen „ein Leben“ nennen, also exactement um das Leben selbst.

    Borkum, im Januar 2019

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