Zwischentextlich

    von Heidrun Schwinger

    Es ist Abend, fast schon Nacht. Du liegst neben mir, die Decke bis zu den Ohren. Das Fenster ist offen und dein Atem  ruhig. Deutlich spürbarbar nehme ich die Schwere deines Körpers wahr – und deiner Gedanken. Es ist spät.
    Vorsichtig beginne ich zu sprechen. Ein abschließender Gedanke noch, vielleicht auch zwei, für die in den Erforderlichkeiten des Tages noch kein Platz war. Du drehst den Kopf in meine Richtung, hörst mir zu.
    Das zunächst nur grob umrissene Thema wird neu entfacht, entwickelt sich, verselbständigt sich gleichsam. Eine kleine Pause. Hörst du mir noch zu? Verstehst du mich?
    Dein ruhiges „Hmm“ bestätigt oder fragt nach, und je nachdem spreche ich weiter oder erläutere noch einmal im Detail. Die Gedanken nehmen Form an, spinnen sich aus zunächst losen Fäden zu einem Bild. Ich weiß nicht, ob du es sehen kannst, vielleicht schläfst du schon, behutsam zugetextet von mir.
    Fast automatisch antwortest du auf mein „Gute Nacht“ mit einem sanften Kuss, drehst dich auf die Seite und schläfst. Ich horche noch auf deinen ruhigen Atem, spüre deine Schwere, genieße die Frische, die aus dem immer noch geöffneten Fenster in den Raum strömt und überlasse mich schließlich vertrauensvoll den kommenden Träumen.

    Mehr als dass ich es sehe, weiß ich, wie du neben mir sitzt, angelehnt an die Wand hinter dem Bett, ein Buch in der Hand. Die Augen noch fest geschlossen, nehme ich den Raum wahr. Das Fenster ist geschlossen, vermutlich schon länger. Dein Atem ruhig aber kräftig, deine Bewegungen gezielt und ausgeruht. Ich spähe zwischen den Wimpern hervor und genieße die Tatsache, dass du da bist. Vielleicht lächle ich sogar.
    „Guten Morgen.“
    Du streichelst mir über den Kopf.
    „Was du gestern gesagt hast…“, beginnst du zögernd.
    Eine Pause.
    „Hmm …“, antworte ich, und du fährst fort, entwickelst Gedanken, aufbauend auf meine vom Vortag, trägst sie aber weiter, immer weiter in deine Richtung.
    Mein Kopf ist noch zu schwer, um einzugreifen. Also höre ich zu.
    Angenehm ruhig plätschert deine Stimme dahin. Du bemühst dich, einfach darzustellen, was bereits komplex vor dir liegt. Und ich folge dir, verschlafen, träge und glücklich, dass ich nicht vorangehen muss.
    Allmählich entsteht ein Bild. Die einzelnen Fäden fügen sich zu einem Ganzen. Ganz ohne mein Zutun, aber deutlich sichtbar in meiner Vorstellung.
    „Hmm …“, bestätige ich, folge dir weiter und werde irgendwann einstimmen oder zwischenfragen. Je nachdem. Später.
    Jetzt liege ich noch friedlich neben dir, lasse mich sanft von dir zutexten und freue mich über unsere so wunderbar gegensätzlichen Redezeiten …

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