Verbrecherjagd

    Verbrecherjagd

    von Gesine Cahenzli

    „Guck mal der da!“, zischte Tina und stieß mich mit ihrem Ellenbogen in die Seite. „Ich fress nen Besen, wenn mit dem alles in Ordnung ist.“
    Gebannt starrten wir beide zwischen den Blättern des Busches hindurch, der uns vor unerwünschten Blicken schützte. Noch nie hatte uns einer der Spaziergänger hier bemerkt, obwohl wir schon sehr oft an dieser Stelle auf der Lauer gelegen waren. Doch meist hatten wir, sehr zu unserem Bedauern, nichts wirklich Verdächtiges beobachten können. Aber heute schien unser Tag gekommen zu sein.
    Der Tag für unseren ersten Einsatz als Fahndungsduo T&T.

    Der Typ trug einen schwarzen, langen Mantel, alle seine Klamotten waren schwarz, sogar die runde Mütze, die er sich auf den Kopf gesetzt hatte. Er lief mit großen Schritten den Rheinuferweg entlang. Schon von Weitem konnte man an seinem sich immer fort öffnenden und schließenden Mund erkennen, dass er sprach. Außer ihm war aber weit und breit niemand zu sehen, nicht einmal ein Hund oder eine Katze. Ganz klar, der Kerl führte Selbstgespräche.
    Als er näher kam, hörten wir eine tiefe, heisere Stimme und dann, als er an unserem Versteck vorbeilief, konnten wir sogar jedes Wort verstehen, so deutlich sprach er. Doch was er sagte, ließ uns den Atem stocken. Völlig geschockt starrte ich Tina an. Ihre weit aufgerissenen Augen zeigten mir, dass ich mich nicht verhört hatte. Fassungslos blickten wir ihm hinterher, bis sein flatternder, schwarzer Mantel hinter einer Biegung verschwand.

    Erst jetzt trauten wir uns wieder zu sprechen.
    „Mensch, Theresa, hast du das auch gehört?“
    Tina war kreideweiß im Gesicht.
    „Hat der wirklich gesagt: ,Ich mach sie zum Krüppel, ich verstümmle sie´?“
    Tina starrte mich erwartungsvoll an. Ich nickte nur, während meine Gedanken Achterbahn fuhren. Tina schien zu erraten, was mir durch den Kopf ging.
    „Das ist ein ganz schön heftiger Fall für einen ersten Einsatz, findest du nicht auch?“, fragte sie mich.
    „Aber echt, der Typ ist ja voll aggro“, pflichtete ich ihr bei, „von dem sollten wir wohl besser die Finger lassen.“
    „Kommt gar nicht in Frage“, zischte Tina, „wir können den doch nicht einfach so laufen lassen. Wer weiß was der vorhat?“
    Mir wurde ganz mulmig bei diesem Gedanken. Mit so einem Kerl war echt nicht zu spaßen.
    „Ich glaube, es ist besser, wenn wir den Fall gleich der Polizei übergeben“, schlug ich deshalb vor. Aber Tina winkte nur ab.
    „Du denkst doch nicht im Ernst, dass die uns glauben würden. Und wenn überhaupt, dann würden die den Typen erst mal fragen, ob das stimmt, was wir über ihn erzählen. Und was glaubst du, wird der ihnen antworten?“

    Tina hatte sich richtig in Fahrt geredet, und mir fiel nichts mehr ein, was ich noch hätte sagen können. Wahrscheinlich hatte sie sogar recht. Wieso sollte die Polizei zwei zehnjährigen Mädchen eher glauben als einem Erwachsenen, wenn sie nichts gegen ihn in der Hand hatten?
    „Zumindest müssen wir vorher einige Beweise sammeln, damit uns die Polizei überhaupt ernst nimmt.“
    Wieder kam es mir so vor, als hätte Tina meine Gedanken gelesen. Wir waren wirklich ein eingeschworenes Team.
    „Ja, aber wie stellst du dir das vor?“, fragte ich.
    „Achtung“, flüsterte Tina aufgeregt, „da ist er wieder.“
    Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, uns zu ducken. Gespannt spähten wir durch eine schmale Öffnung im Laub.

    Der dunkle Fremde kam mit langen Schritten den Spazierweg entlanggelaufen. Dann blieb er ruckartig vor einer alten Kastanie stehen und sagte mit wutentbrannte Stimme: „Wenn du nicht augenblicklich verschwindest, zerreibe ich die zu Pulver. Ich hab so einen Charakter, ich kann dich fürs ganze Leben zum Krüppel machen.“
    Dabei griff er mit beiden Händen nach dem Stamm des Baumes, als wollte er ihn erwürgen.

    Mir lief ein eisiger Schauer den Rücken herunter. Ich schaute zu Tina rüber, um zu sehen, ob sie genauso geschockt war wie ich. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Freundin ihr Handy in der Hand hielt. Sie hatte es so zwischen die Blätter geschoben, dass sie den Mann filmen konnte. Meine Freundin hatte echt Nerven. Während ich auf den Typen gestarrt hatte, wie das Kaninchen auf die Schlange, hatte sie schon mal angefangen, Beweise zu sichern.
    Kaum war der Kerl wieder aus unserem Blickfeld verschwunden, ließ Tina den Film laufen.

    „Der ist ja wirklich irre“, sagte ich, während der Mann im Handy dem Baumstamm an die Gurgel ging.“
    „Vielleicht ist der ja ein Psycho und aus irgendeiner Anstalt abgehauen“, überlegte Tina laut.
    „Na ihr seid mir ja zwei schöne Detektivinnen. Ihr habt wohl zu viele Krimis gelesen.“
    Tina ließ vor lauter Schreck ihr Handy fallen. Ich zuckte zusammen und hätte beinah laut aufgeschrien. Wie ein Geist war der Fremde plötzlich hinter uns aufgetaucht. Mein Herz raste mit Überschallgeschwindigkeit. Der Schweiß brach mir aus. Sicher würde der Typ gleich wieder ausrasten, bloß dass seine Opfer dieses Mal kein Baum, sondern zwei zehnjährige Mädchen sein würden. Was hatten wir uns da nur eingebrockt?
    Der Fremde bückte sich und hob Tinas Handy auf. Seine Hände waren groß und hatten lange Finger, wie Spinnenbeine. Er fummelte auf dem Display herum.

    „Das dürfen Sie nicht“, sagte Tina mit beherzter Stimme. Sie war schon immer die mutigere von uns beiden gewesen; aber dass sie sich traute, diesen unheimlichen Typen herauszufordern, das war schon waghalsig.
    „Na, du traust dich ja was, Mädchen.“
    Der Fremde schaute Tina lange an. Er hatte schmale, wasserblaue Augen. Gleich würde er seine Spinnenfinger nach ihr ausstrecken, dachte ich.
    Doch stattdessen sagte er: „Du kannst dein Handy wiederhaben, aber nur unter einer Bedingung.“
    „Und die wäre?“, fragte Tina.
    Ich konnte dem leichten Flackern ihrer Stimme anhören, dass meine Freundin nicht so sicher war, wie sie tat.
    „Du löschst den Film und zwar hier, vor meinen Augen.“
    „Sie haben wohl Angst, dass wir damit zur Polizei gehen“, platzte Tina heraus. Kaum hatte sie das ausgesprochen, hielt sie sich die Hand vor den Mund, aber Worte lassen sich nicht zurückschieben. Ich traute mich kaum zu atmen. Tina hatte sich eindeutig zu weit vorgewagt. Sie hatte den Kerl regelrecht provoziert, dabei wusste sie doch genau, wie schräg der drauf war. Ich hätte mich am liebsten ins Gebüsch verkrochen, aber der Typ ließ uns nicht aus den Augen.
    „Gut, dann gehen wir jetzt zusammen zur Polizei“, sagte er mit einem breiten Grinsen und auf einmal sah er gar nicht mehr so unheimlich aus, „dann könnt ihr denen mal erklären, wieso ihr mich heimlich beim Proben filmt.“
    „Proben?“, riefen Tina und ich wie aus einem Mund.
    „Ja genau. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr ja heute Abend zur Premiere kommen. Wir spielen ,Das Jubiläum´ von Tschechow , ist echt witzig.“

    Er griff in seine Manteltasche, zog einen Flyer heraus und drückte ihn Tina in die Hand. Dann fingerte er kurz auf Tinas Handy herum und gab es ihr zurück. Während wir noch völlig entgeistert auf den Programmzettel starrten, hatte er uns auch schon den Rücken gekehrt und eilte laut fluchend mit großen Schritten davon.

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    4 Gedanken zu „Verbrecherjagd“

    1. Man liest gerne weiter, weil man sich die Situation und die Spannung der zwei kleinen Protagonistinnen so gut vorstellen kann und man wissen möchte, wie es ausgeht, denn dem häufigen Leser fällt die gestelzte Sprache des „Verbrechers“ auf, ist sie doch für jemand, der echt wütend ist, zu ausführlich und explizit und so kommt einem natürlich schnell in den Sinn, dass hier ein Missverständnis der zwei kleinen Detektivinnen vorliegt. Die Ich-Erzählerin charakterisiert sich und ihre Freundin gut. Eine gelungene Erzählung!

    2. Wunderbar, wie die Spannung auf aufgebaut wird und dann zu diesem für mich überraschenden Ende kommt.
      Die Phantasie schlägt Kapriolen, und nicht nur bei jungen Mädchen!
      Ja, eine gelungene Erzählung, die mich neugierig auf weitere „Geschichten“ macht.

    3. Kannte die Geschichte von Gesine schon, ich glaube sie wurde vor etlichen Jahren geschrieben?
      Damals erinnerte sie mich an einen Mann, der uns auf Spaziergängen am Rheinuferweg zwischen Kadelburg und Rheinheim regelmäßig begegnete, mit langem schwarzen Mantel und schwarzem Hut und dichtem Bart….
      Eine wirklich spannend geschriebene Geschichte, die ganz auf den überraschenden Schluss ausgerichtet ist.
      Die fände mein 8jähriger Enkel Paul (er liebt Detektivgeschichten) total spannend!!

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