„Ein eindringliches Buch über gesellschaftliche Verschiebungen“ – Rezension
Aksel Seul, Wölfe mitten im Mai, Roman, dahlemer verlagsanstalt, Berlin 2025, Paperback, 278 Seiten € 19,-, ISBN 978–3949941-10-8
Besprechung von Anke Blacha
Der Roman „Wölfe mitten im Mai“ von Aksel Seul ist ein stilles, zugleich eindringliches Buch über gesellschaftliche Verschiebungen – und darüber, wie sehr sich politische Entwicklungen in den privaten Raum hineinziehen und wie sich Haltungen sowie Handlungen verändern, verhärten und schließlich normalisieren.
Bereits der Titel verweist dabei auf ein literarisch-musikalisches Vorbild: Wölfe mitten im Mai von Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965 kann als Bild einer Gesellschaft gesehen werden, in der vermeintlich überwunden geglaubte autoritäre und reaktionäre Kräfte plötzlich wieder sichtbar werden – „Wölfe“, die nicht im Verborgenen, sondern mitten im scheinbar zivilisierten Alltag auftreten. Seul greift dieses Motiv auf und überträgt es in die Gegenwart: Die Bedrohung kommt nicht von außen, sondern wächst im Inneren der Gesellschaft, oft unerkannt oder lange verharmlost.
Auf den ersten eineinhalb Seiten werden die Leser*innen direkt in eine düstere Fluchtszene geworfen, der Ausgang verspricht nichts Gutes… Doch dann nimmt Seul die Lesenden erst einmal mit zum Anfang seines in Düsseldorf und in einer klassischen Familienkonstellation – Mutter, Vater, Sohn – platzierten Romans. Startzeit ist 2023, ein Jahr, in dem die rechte Partei DAP bereits im Parlament sitzt und auch auf Landesebene Stimmenzuwächse verzeichnet. Doch im Lebensalltag ist noch alles normal: Der Sohn, Fabian, ist im Nachwuchskader von Fortuna Düsseldorf, und Leonie und Daniel sind gut situiert. In Gesprächen in der Kneipe gegenüber fallen zwar schon mal rassistische, diskriminierende Sprüche oder werden entsprechende Memes weitergeleitet. Doch es gibt nach wie vor ein Dagegenhalten, ein Ins-Gespräch-Kommen. Wie im aktuellen Ist-Zustand des Landes verschieben sich jedoch die Grenzen von der Mitte nach rechts, vom Unsagbaren zum Normalen. Fabian nimmt durch die Anbindung an völkische Siedler nationales Gedankengut und Haltung ein, Leonie, deren jüdische Vorfahren die Verbrechen des Nationalsozialismus erlebten, und Daniel möchten Haltung wahren, schweigen aber immer öfter und finden keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn. Die Lage kippt endgültig, als die DAP mit Hilfe der Konservativen an die Regierung kommt.
Seul zeigt auf wie Beziehungen, die lange stabil wirkten, ins Wanken geraten, Gespräche kippen, Selbstverständlichkeiten sich auflösen. Dem Autor gelingt es dabei, politische Dynamiken nicht abstrakt zu verhandeln, sondern in alltäglichen Situationen sichtbar zu machen: am Küchentisch, auf dem Fußballplatz, in der Kneipe gegenüber. Gerade diese Nähe ist eine der großen Stärken des Romans. Die Verschiebung nach rechts erscheint nicht als plötzlicher Bruch, sondern als schleichender Prozess – oft kaum wahrnehmbar, bis er nicht mehr zu übersehen ist. Die Entwicklung wird vor allem aus Perspektive von Leonie, Daniel und Fabian erzählt. Doch: Es geht nicht nur um individuelle Veränderungen, sondern um das langsame Auseinanderdriften eines gemeinsamen Verständnisses von Wirklichkeit. Gespräche werden brüchig, gemeinsame Werte verlieren ihre Selbstverständlichkeit.
Besonders überzeugend ist, wie der Text zeigt, dass rechtes, nationalistisches Gedankengut selten mit einem lauten Knall in die Mitte der Gesellschaft einzieht. Stattdessen kommt es in Form von scheinbar harmlosen Bemerkungen, ironisch gebrochenen Aussagen oder vermeintlich „legitimen Sorgen“. Der Roman macht deutlich, wie sich solche Positionen durch Wiederholung und fehlenden Widerspruch verfestigen. Besonders eindringlich sind die Momente, in denen Figuren vor der Frage stehen, ob sie widersprechen oder schweigen sollen. Offener Widerspruch kann Beziehungen gefährden, Schweigen wiederum trägt zur Normalisierung bei – ein Spannungsfeld, das der Text konsequent offenhält. Diese Darstellung wirkt erschreckend nah und trifft einen Nerv der aktuellen gesellschaftlichen Debatten in Deutschland.
Auch die Radikalisierung im engsten Umfeld wird differenziert beschrieben. Sie erscheint nicht als abrupte Eskalation, sondern als Prozess kleiner Verschiebungen. Gerade dadurch wirkt sie glaubwürdig – und beunruhigend. Der Roman verweigert die bequeme Trennung zwischen „uns“ und „den anderen“ und legt nahe, dass diese Grenze durchlässiger ist, als man vielleicht annehmen möchte.
Allerdings liegt genau hier auch einer der Punkte, an denen sich Kritik ansetzen lässt. Trotz vieler differenzierter Beobachtungen greift der Roman in der Darstellung rechter Milieus stellenweise auf bekannte, beinahe erwartbare Bilder zurück. Figuren wie völkische Siedler oder klar ideologisch markierte Akteure sind zwar literarisch greifbar, wirken jedoch mitunter stereotyp. Dadurch entsteht ein gewisser Widerspruch: Einerseits zeigt der Text, wie sehr rechtes Denken in der Mitte der Gesellschaft ankommt, andererseits bleibt ein Teil der Darstellung an klassischen, leicht identifizierbaren Typen hängen. Die subtilere, schwerer erkennbare Radikalisierung – bei Menschen, die äußerlich „ganz normal“ erscheinen – hätte den Roman noch stärker gemacht.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Struktur und Gewichtung der erzählten Zeit. Der Klappentext legt nahe, dass die nahe Zukunft eine zentrale Rolle spielt. Tatsächlich jedoch nimmt dieser Teil weniger als die Hälfte des Romans ein. Große Passagen sind stark in der Gegenwart bzw. in den politischen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit verankert. Das ist zunächst kein Nachteil – im Gegenteil: Gerade diese Passagen gehören zu den stärksten des Buches. Sie sind präzise beobachtet, atmosphärisch dicht und gesellschaftlich hoch relevant.
Dennoch entsteht ein Ungleichgewicht. Die im letzten Teil entworfene Zukunft – ein Deutschland Ende 2026 unter einer rechten Regierung – bleibt vergleichsweise skizzenhaft. Während das „Heute“ differenziert und vielschichtig dargestellt wird, wirkt die Zukunft eher wie eine Verdichtung oder Zuspitzung, die nicht ganz die gleiche erzählerische Tiefe erreicht. Gerade hier wäre eine tiefere Ausarbeitung spannend gewesen: Wie genau verändert sich der Alltag? Welche Mechanismen greifen? Wie reagieren Institutionen, wie verändert sich das soziale Gefüge? Der Roman deutet vieles an, führt es aber nicht immer konsequent aus.
Irritierend ist zudem die unterschiedliche Behandlung realpolitischer Bezüge. Während etablierte Parteien im Roman klar benannt werden, wird die AfD verfremdet dargestellt. Diese Entscheidung schafft zwar eine gewisse Distanz und kann als literarisches Mittel verstanden werden, wirkt aber nicht ganz konsequent. Gerade weil der Roman ansonsten stark auf Gegenwartsnähe setzt, wirft diese Verfremdung Fragen auf: Warum wird hier ein anderer Weg gewählt als bei anderen politischen Akteuren?
Trotz dieser Kritikpunkte bleibt der Gesamteindruck stark. „Wölfe mitten im Mai“ ist kein lauter, kein plakativer politischer Roman. Seine Wirkung entfaltet sich gerade durch die leisen Töne, durch das genaue Hinsehen und das Aushalten von Ambivalenzen. Der Bezug zum Degenhardt-Titel verstärkt dabei die Lesart: Die „Wölfe“ sind längst da – nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Alltags.
So bleibt am Ende ein Roman, der weniger durch seine Zukunftsvision als durch seine Gegenwartsanalyse überzeugt. Er ist dort am stärksten, wo er genau hinschaut, wo er Zwischentöne zulässt und Unsicherheiten nicht glättet. Und vielleicht ist es gerade diese Unabgeschlossenheit, die ihn relevant macht: weil sie die Realität spiegelt, in der klare Antworten oft fehlen – und Entscheidungen dennoch – von der Gesellschaft und jede*r Einzelnen – getroffen werden müssen.
„Wölfe mitten im Mai“ von Aksel Seul ist im November 2025 erschienen und hat 278 Seiten.
