Grauer Schnee
Kurzgeschichte von Kathrin Thenhausen
Du watest durch den Schnee, sodass deine Waden später Muskelkater haben werden und deine Beine schwer an deinem Körper hängen. Der Schnee ist grau in dieser Stadt, du erinnerst dich an eine Zeit, in der er weiß war, das hat sie dir erzählt. Weiß wie die Blütenköpfe, deren Namen du nicht kennst, aber ihre Fotographien aus dem Album erinnerst. Weiß, hatte sie gesagt, war ihre Lieblingsfarbe, bevor die Deutschen kamen. Danach wäre es nie wieder so hell gewesen, danach war das Weiß immer trübe.
Du stellst sie dir als Mädchen vor und kannst es nicht, kannst ihre Haut nicht glatt, ihre Stirn nicht weich, ihr Lächeln nicht bedingungslos vorstellen. Zuletzt hat sie das Bein hinter sich gezogen, schlurfen, kann man es nennen. Du hast ihr krampfhaft in die Augen gestarrt, bloß nicht den Körper, bloß nicht ihr Altern ansehen. Du stehst in ihrer Stadt, die lange nicht mehr ihre ist. Die Menschen hier kennen sie nicht, sie kennt die Menschen nicht und wenn sich jemand an sie erinnert, dann würde er sie jetzt nicht mehr erkennen.
Der Zug war pünktlich eingefahren, Endstation, alle mussten aussteigen, du auch. Die Sitze waren aus rotem Fließ, es fühlte sich edel an, wie erste Klasse. Wenn du dir ihr Gesicht hinter den Zugfenstern vorstellst, ist es bleich und die Lehnen aus Holz, das hart in ihr Rückgrat drückt, bis es bricht.
Du bist ausgestiegen und hast am Steig nach Anhaltspunkten gesucht, sie haben Gebäck verkauft, die Menschen waren laut, und du standest dort verloren und wusstest nicht. Auf Google Maps hast du ein Hostel gesucht und dir ein Sechsbettzimmer genommen, dessen Betten noch alle frei waren. Du hast dein Gepäck auf das ganz rechts oben gelegt, es bezogen und erst danach die Nummer gesehen, die nicht deine war. Deine Matratze war die untere an der grauen Wand und hatte einen braunen Fleck auf Höhe des Unterleibes. Du hast das weiße Laken darüberbreitet und das Zimmer verlassen. Draußen liegt Schnee.
Du weißt nicht, was das Sein vom Nichtsein trennt, warst einmal erst im Krankenhaus und hast in Religionskunde den Beginn des Menschseins untersucht. Das wäre wichtig, wegen der Frage von Abtreibung und von X, hat der Lehrer gesagt, und euch verschiedene Meinungen an die Tafel geschrieben, angefangen bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, über das Ende der Nidation zur Entwicklung eines Herzschlages. Du hättest lieber das Ende besprochen, es erschien dir wichtiger. Ende ist der Verlust der Hirnfunktion. Es ist messbar.
Nicht messbar sind: der graue Schnee in ihrem Kopf, die Verwaschung von Worten, das Sterben der Erinnerungen und dass sie deinen Namen nicht mehr kennt. Sie schlurft auch nicht mehr, denn der Kopf hat die Verbindung zu den Beinen verloren, beherrscht den Klogang nicht mehr und die Nahrungszugabe. Du, am Bett wie ein Fischer, angelst nach Sätzen mit Sinn.
Deine Kamera schwenkt vor der Brust hin und her, du hast sie mitgenommen, wolltest fotografieren und ihr die Bilder zeigen, Fischfutter, Erinnerungen. Hirnfunktionen am Leben halten. Sobald du die Linse vor deine Augen hältst, senkst du sie wieder, das kannst du ihr nicht zeigen.
Ihr habt selten über damals gesprochen, damals, als der Schnee dunkel geworden ist. Wenn ihr geredet habt, dann über davor, über die Großmutter und den Großvater und stets mit leicht gedämpfter Stimme, weil es sich falsch anfühlt, die Vergangenheit zu glücklich zu denken. Nur wenn sie über den Schnee sprach, lächelte sie, den ersten Schnee im Jahr, habe sie vom Fenster aus erwartet, die Hand der Schwester in ihrer, ganz fest.
Du erinnerst dich an keine Tante. Zuletzt, bevor der Schnee in ihrem Kopf grau wurde, habt ihr zusammen am Fenster gesessen, zwischen euch das Album. Sie hatte es fest an sich geklammert, hat sie gesagt, den ganzen Weg hat sie es nicht losgelassen. Das war die einzige Möglichkeit, mein Wissen von dem Glauben zu unterscheiden. Du hast genickt. Alles in der schwarz-weißen Fotografie-Farbe war Wissen, alles andere wurde mit der Zeit zu Glauben.
Das ist sie als Kind, an der Ecke eine Bäckerei, in der es die Brötchen einmal günstig gab, danach überhaupt noch gab, weil es nicht mehr viel gab in dieser Stadt. Den dunklen Schnee im Winter.
Das ist Wissen: Die Bäckerei schloss, weil es nichts mehr gab, manchmal nicht mal mehr Mehl.
Das ist Glauben: Die Bäckerei schloss, weil die Stadt die Hoffnung aufgegeben hatte, Hoffnungslosigkeit und Tod nisteten sich in die Ecken.
Das ist Wissen: Woanders ist es besser, weg hier. Halbwissen, denn woanders war es auch nicht gut.
Du erinnerst diese Mutter, die die Sprache anzog, wie ein fremdes Abendkleid. Aber es passte nicht, engte, ließ dem Atem kaum Raum. Sie stand in der Küche und lächelte deine Freunde nur an, nie sagte sie etwas, bis alle gegangen sind.
Die anderen haben über ihre Eltern gelästert, die nichts verstehen von Technik und ihrem Leben im Allgemeinen, sie meinten, sie lebten in einer anderen Zeit, die sich nicht mit der ihren deckte. Sie fühlten sich allein gelassen und gleichermaßen beschämt, weil ihre Mütter noch immer SMS schickten und kein WhatsApp hatten. Später, weil ihre Mütter jeden Tag zehn Bilder in den Status stellten, du hast immer nur gelächelt und versucht, nicht an deine zu denken.
Du weißt nichts. Du möchtest jemanden fragen, wann es dieses Jahr zum ersten Mal geschneit hatte, jetzt ist es der siebzehnte Dezember. Du kannst diese Frage nicht auf Deutsch stellen und auf Englisch auch nicht, du musst sie in der Muttersprache stellen, aber die kannst du nicht mehr. Seit du die Gleise verlassen hast, fällt dir kein Wort mehr ein und siehst du diese vertrauten Zeichenketten an Wänden und Schildern, begreifst du die Bedeutung nicht.
Du warst nicht schlecht in Mathematik, aber gut warst du auch nicht. Deine Mutter hat dich beobachtet, wie du die Aufgaben gemacht hast. Von oben nach unten die gleiche Methode, dieselbe Art, die Aufgabe zu lösen. Eigentlich fandest du es beruhigend, aber das hast du nicht zugegeben, weil Mathematik das Fach war, in dem die Jungen gut waren. Du hattest also eine schlechte Note. Sie saß dir gegenüber. Eigentlich magst du es doch. Hat sie gesagt. Du glaubst nur, dass du es nicht kannst.
Ab dann konntest du es, konntest du alles, es gab Kartoffeln mit Butter, und du hast verstanden, dass du alles kannst, was du zu können glaubst. Wissen baut sich auf Glauben, hatte sie gesagt, man muss vertrauen. Deine Mutter war intelligenter als all die Ärzteeltern und Anwaltskinder, die du später treffen solltest.
Auf dem letzten Bild im Album stand sie an der Ecke einer Straße, deren Häuser heute noch genauso aussehen. Sie hatte die Haare zu zwei langen braunen Zöpfen geflochten, die sie sich abschneiden wird. Hinter ihr die Kirche, in der die Großeltern geheiratet haben und in der sie alle wichtigen religiösen Feste feiern würden und die, die du heute unwichtig findest, auch. Die Kirche ist grau, aber hat die Züge behalten, Gutmütigkeit. Du denkst dir, wäre sie ein Mensch, würde sie verzeihen, würde an die Fehlbarkeit der Menschen glauben, aber sie nicht dafür urteilen. Du denkst dir die Kirche als sie. In ihren Fenstern liegt bereits der Heilige Abend, aber du traust dir nicht, sie zu betreten, kannst das nicht. Du bleibst in der Kälte stehen, weil du dich zu sehr als Deutsche fühlst. Dir passt kein Land mehr.
Deine Schuhe sind durchweicht und die Socken bereits feucht, du spürst die Kälte nicht.
Deine Mutter liegt in dem Zimmer und fremde Menschen wechseln ihr die Windeln. Jetzt, denkst du, hat sie alles vergessen, wird weder wissen noch glauben noch hoffen können. Ich weiß es, denkst du. Ich weiß, was damals war, und glaube trotzdem, das hat sie mich gelerht. Dass ich aus dem Wissen Glauben schöpfen muss, sie hat ein Ei in die Pfanne geschlagen und das Eigelb Geschichte genannt. Aber die Geschichte baut sich auf die Überzeugungen, und sie deutete auf das Eiweiß, und die Überzeugungen stammen aus der Geschichte. Eigelb und Eiweiß waren noch flüssig, und sie nahm einen Löffel aus Holz und rührte eine blassgelbe Masse, würzte mit Pfeffer und Salz und stellte sie dir auf den Platz.
Hast du es damals verstanden, fragst du dich jetzt.
Ihre Art, die Zöpfe zu flechten, hast du dir abgeschaut, und mit diesen Zöpfen und der Kamera watest du durch den Schnee, der weniger hoch liegt und auf der Straße braune Pfützen bildet. Die Stadt ist eine andere, eine Kulisse ihrer Geschichte bloß, und du bist halb nur Tourist. Du stellst die Schuhe im Hostel auf die Heizung, fragst nach Zeitungspapier, stopfst die Nachrichten, fremde Geschichte gegen die feuchten Stellen. Es sind vier weitere Frauen in das Zimmer gestoßen, lachen, sie haben Notizbücher und Schminkzeug dabei. Als sie dich fragen, sagst du, du wärst auf der Durchreise, Interrail, möchtest mehr über die Geschichte der östlichen Länder lernen. Es wäre wichtig, das zu wissen. Sie nicken, mehr redet ihr nicht.
Du verlässt die Stadt noch am nächsten Morgen, es ist dunkel, und man sieht nur wenig unter den Straßenlaternen. Erst nach einer Stunde geht die Sonne auf, dann machst du die Fotos, von dem Schaffner, von belanglosen Ortschaften aus dem Zugfenster, die es damals vielleicht noch gar nicht gegeben hatte. Du zeigst sie ihr, ihr schaut euch gemeinsam den grauen Schnee an.
