Hinauf
Kurzprosa von Lukas Felix Pohl
Zu Hunderten steigen sie auf, mit einer gnadenlosen Selbstbestimmtheit und ohne jedes Zögern. Immer weiter nach oben, als hätten sie eine Mission, von deren Sinn sie tief in ihrem Inneren vollends überzeugt sind. Mal funkeln sie auffallend, und dann sind sie wieder kaum zu sehen. Jeder Augenblick trägt sie weiter, bis sie letztlich an ihrem Ziel angelangt ausatmen und eins werden mit den anderen und jenen, die schon länger da sind.
Blinzelnd schaue ich hinterher, wie sie immer unschärfer werden. Sie scheinen keinerlei Zweifel zu haben, dass dies der richtige Weg ist. Warum aber unbedingt hinauf und nicht sonst wohin? Der Raum bietet doch so viele Möglichkeiten. Wie kann man im Moment des eigenen Ursprungs schon wissen, wohin die Reise geht? Im Moment meiner Geburt wusste ich ja auch noch nicht, wer ich mal werden würde. Nicht mal jetzt kann ich darüber eine klare Aussage treffen.
Wie können sie sich also so sicher sein? Und sind sie es überhaupt? Vielleicht haben sie gar keine andere Wahl, und das ist halt einfach der einzige Weg, der in Frage kommt. Ein in sich geschlossener Handlungsablauf, wie bei einem Filmstreifen. Für die Charaktere und ihre Welt gibt es nur diese eine Geschichte. Das Ende steht bereits fest. Erschaffen in einer übergeordneten Welt für ein Publikum, als Entertainment.
Ich schaue immer noch hoch. Könnte die Natur ihres Daseins also auch ihre Geschichte determinieren, so wie das Konzept des Films das Leben der Figuren bestimmt? Und dienen sie ebenfalls nur zur Unterhaltung oder zu einem Zweck, der gar nichts mit ihnen selbst zu tun hat? Und wo lässt mich das, wo ich doch denke, entscheiden zu können, ob ich ihnen folge oder eine andere Richtung einschlage?
Nun sind fast alle oben angekommen. Verpufft und Vergangenheit, als seien sie nie da gewesen. Um mich herum ist Stille eingekehrt. Dumpf drückend, ein Gefühl von Taubheit, es ist friedlich. Ein weiteres Mal öffne ich langsam den Mund, spitze die Lippen und schiele über meine Nase hinweg. Gemächlich zieht der nächste Schwall dahin, gen oben zum Ausgang, der Taubheit entfliehend. So Bläschen unter Wasser sind schon etwas Spannendes.
Wer mich wohl ausgeatmet hat, in dieses Leben hinein. Jetzt geht mir die Luft aus. Offenbar steuert auch die Natur meines Daseins mein Handeln, bestimmt die Grenzen meiner Freiheit. Ich stoße mich kräftig vom Boden ab. Zu guter Letzt folge ich den Bläschen also. Es gibt keine andere Möglichkeit. Noch drei Meter, die Oberfläche ist nicht mehr fern, sie wirkt so glatt aus dieser Perspektive. Meine Spiegelung, ein verzerrtes Bild. Ich strecke die Hände aus, um endlich eins zu werden. Der letzte geübte Beinschlag. Die Hände knicken mir weg, dann die Arme, ein stechender Schmerz im Ellenbogen. Mein Kopf rasselt mit voller Wucht gegen etwas Hartes.
Ich bin immer noch unter Wasser, habe nur noch wenig Luft. Etwas benommen schaue ich hoch. Ein weiterer, diesmal schwächerer Beinschlag. Die Spiegelung über mir, meine Hand gestreckt, etwas Festes. Ich drücke gegen eine flache, harte Substanz, bewege meine Hand hin und her. Sie ist überall und trennt mich von der anderen Seite. Mit der überbleibenden Luft tauche ich voran und fahre mit der Hand die Unterfläche der Oberfläche ab. Unverändert, der Ausgang bleibt mir verwehrt. Ich stoppe, wende den Kopf ab vom sturen Blick nach oben und schrecke zurück.
Eine Gestalt starrt mich von der Seite an. Zwei transparent kristallene Kugeln in Augenform, die mich fixieren. “Du kannst noch nicht auftauchen”, sagt die Gestalt. Ich erkenne nicht richtig, was ihr beim Sprechen unter Wasser aus dem Mund kommt und dann beginnt, aufzusteigen, aber es erscheint absolut selbstbestimmt.
