Die Wasserwandler – Ein Jugendroman, der weit über sein Genre hinausweist.
Sabine Zaplin, „Die Wasserwandler“, STROUX Edition 2026, ISBN 978-3-948065-48-5, Taschenbuch, € 16,00
Rezension von Claudia Grothus
Deutschland, heute: Der Junge Sami flieht vor seinen mobbenden Mitschülern in einen kleinen Laden und begegnet dort einer alten Frau und einem leuchtenden Stein. Die Frau beginnt, von der kleinen Anna zu erzählen – und ihre Geschichte führt weit zurück: ins 18. Jahrhundert, in ein Schwarzwalddorf, in dem bittere Armut herrscht und der Tod allgegenwärtig ist.
Annas Familie gehört zu jenen, die dem lockenden Versprechen eines kaiserlichen Werbers folgen: Eigenes Land, Freiheit und ein neues Leben in Ungarn. Über tausend Kilometer liegen vor ihnen, und der Weg führt auf einem hölzernen Floß die Donau hinab – von Ulm aus in eine vollkommen unbekannte Welt.
Die Wasserwandler verbindet Annas Schicksal mit dem von Samis Familie, dessen Eltern aus Eritrea aufbrachen, um in Europa ein sicheres Leben zu suchen. Zwei Fluchten, zwei Jahrhunderte.
Ein Anfang, der Fragen aufwirft
Wer die ersten Seiten von Die Wasserwandler liest, reibt sich vielleicht verwundert die Augen: Das erste Kapitel erinnert auffällig an den Beginn von Michael Endes Unendliche Geschichte: Ein gemobbter Junge flüchtet in den nächstbesten Laden, Glöckchen über der Tür bimmeln und der Junge findet sich unversehens in einem mit Büchern vollgestopften, antiquierten Laden wieder, der etwas Mystisches birgt.
Es erzeugt mindestens Verwunderung, in einem neuen Roman das Anfangsmotiv eines Klassikers wiederzufinden.
Was folgt, geschieht mit einiger Hast: Binnen weniger Seiten entlädt der Junge seinen gesamten Leidensweg – Mobbing, Ausgrenzung wegen seines Aussehens und eine beruflich absorbierte Mutter. Und er ist für ein gehetztes Kind erstaunlich reflektiert: „Dabei bin ich doch genauso hier geboren wie sie.“
Die Ladenbesitzerin berichtet ebenso unvermittelt ihre eigene Geschichte als Flüchtlingskind, einst beschimpft als „Rucksackdeutsche“. Das Thema Migration und Zugehörigkeit liegt damit klar auf dem Tisch – vielleicht etwas zu klar, zu früh, zu deutlich benannt, wo ein leiseres, ausführlicheres Erzählen mehr Wirkung hätte entfalten können.
Das Herzstück: Annas Reise
Dann wechselt die Schriftart – und von diesem Moment an entfaltet das Buch seine eigentliche, bezaubernde Kraft.
Die kleine Anna lebt vor mehr als zweihundert Jahren im Schwarzwald. Ihre Familie folgt dem Versprechen eines kaiserlichen Anwerbers: ein neues Leben in Ungarn, Freiheit und eigenes Land.
Ein bisschen anachronistisch ist die Beschreibung von Annas Schwarzwälder Heimat als ein riesiger Wald aus Nadelbäumen. So sieht diese Landschaft aber erst heute aus. Zu Zeiten der dritten Welle der Donauschwaben-Siedlungsbewegung (1782–1787) waren die heutigen Fichten-Monokulturen noch gar nicht angepflanzt und der ehemalige Wald war fast zur Gänze abgeholzt.
Wie dem auch sei: Annas spannende Reise über die Donau beginnt und sofort ist alles Stirnrunzeln vergessen. Anna ist wunderbar, ihre Art, wie sie die Welt um sich wahrnimmt, ihre Ernsthaftigkeit, ihre Träume und Wünsche und wie sie sich standhaft in ihr Schicksal fügt, ohne je zu kapitulieren.
Ihre Geschichte allein hätte vollkommen für dieses schöne Buch gereicht. Sie berührt, sie liest sich sehr angenehm flüssig, sie ist spannend, sie beschreibt detailreich die beschwerliche Reise über den großen Strom und die Beharrlichkeit, den Mut und den Gemeinschaftssinn der Auswanderer. All das wird mit einer Dichte und Atmosphäre geschildert, die einen mächtigen Sogeffekt ausüben.
Besondere Nähe erzeugen die vielen wirklichkeitsnahen Beschreibungen des Alltäglichen in einer historischen Welt. Der Zusammenhalt der Aussiedlerkinder macht die Geschichte zu einem echten Jugendbuch, das aber auf jeden Fall auch Erwachsene ganz und gar in Bann ziehen kann.
Sabine Zaplin erzählt Annas Reise mit feiner Hand und großem Herz – bilderreich, bewegend, ohne je ins Sentimentale abzugleiten.
Diese eindrückliche Geschichte mit viel Tiefe und Gefühl (ohne auch nur im Geringsten kitschig oder anekdotisch zu werden) wird leider immer wieder durch kurze Exkursionen in den Laden mit dem kleinen Sami und der alten Frau mit dem Stein unterbrochen.
Das mystische Element – Stärke und Stolperstein
Dieser Stein ist das verbindende, mystische Element in Die Wasserwandler. Auf geheimnisvolle Weise gelangt er – zunächst in anderer Gestalt – zu Anna, verbunden mit einer rätselhaften Warnung, deren Bedeutung das Buch letztlich schuldig bleibt. Was es mit diesem Objekt auf sich hat, welche Kräfte ihm innewohnen und warum es für Anna so bedeutsam sein soll – all das wird angedeutet, aber nie wirklich auserzählt.
Die symbolische Lesart liegt nahe: Der Stein als Sinnbild für eine noch nicht gefundene Heimat, als unerfülltes Versprechen. Das ist ein schöner, tragfähiger Gedanke. Doch das Buch spannt den erzählerischen Bogen um dieses Motiv weiter auf, als es ihn am Ende zu schließen, bereit ist.
Das wirft eine ehrliche Frage auf: Braucht es das alles? Annas Geschichte steht für sich – rund, inhaltsstark, wunderbar erzählt. Die angerissene Mystik und der Gegenwartsrahmen, in dem stets alles etwas zu schnell passiert, fügen ihr mehr Fragezeichen hinzu als Tiefe.
Zwei Erzählwelten
Fast entsteht der Eindruck, dass die Sami-Kapitelchen (sie sind sehr kurz) von einer ganz anderen Autorin geschrieben wurden. Sie sind plakativ, der Junge ist viel zu reflektiert, die Szenen wirken fast trivial. Alles, was so feinsinnig über Anna und ihre Reise erzählt wird, wird in den Zwischenkapiteln auf stumpfe Schlagworte eingedampft – als müsse man noch eben schnell für die ganz Ahnungslosen erklären, dass es um Flucht, Migration, Schlepper und Diskriminierung geht. Es entsteht keine wirkliche Empathie mit Sami, weil seine Figur zu wenig zur Geltung kommt, genauso wie die der alten Frau.
Das ist schade, denn die Grundidee – zwei Fluchtgeschichten über Jahrhunderte hinweg zu verknüpfen – ist reizvoll und verdient eine Ausführung, die beiden Erzählebenen gleichermaßen Raum und Tiefe gönnt. Der Roman hätte gut und gerne hundert Seiten mehr für seine zweite Gegenwartsebene verdient.
Fazit: In seinem Kern ein außergewöhnliches Stück Erzählkunst.
Auf jeden Fall möchte ich aber Die Wasserwandler empfehlen. Die Gegenwartspassagen sind zwar für mich persönlich störende Unterbrechungen, aber die eigentliche Geschichte der Donaureise und der neuen Siedler in Ungarn ist packend, interessant und emotional. Zusätzlich ist Die Wasserwandler ein wichtiges Stück nahbar gemachter Geschichte. Es ist und bleibt das Schicksal der Menschen, aus einer – wie auch immer gearteten – Not heraus neue Welten und neue Heimat zu suchen.
Endlich mal wieder ein Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte.
Empfehlung: Ja! Lesen!
