Ausschreibung „Abschied“: Ein Stück Himmel

    Ein Stück Himmel

    von Bettina Schneider

    Der Himmel war blauer denn je.

    Das Mädchen mit den dicken, geflochtenen Zöpfen, im gestrickten Rock und weißen T-Shirt, teilte sich den lichten Schatten der Platane mit einer Schar Spatzen, die nach Brotkrumen pickten. Neben ihr erhob sich die gotische Kathedrale auf dem höchsten Punkt der kleinen Stadt. Das Mädchen schien tief versunken zu sein in das Licht- und Schattenspiel vor sich.

    Sie wartete. Sie wartete auf das allstündliche Läuten der mächtigen Glocken der Kirche, das sie noch einmal aus nächster Nähe hören wollte. Ein letztes Mal. Gleichzeitig würde die Sirene über die Stadt hallen und den Mittag verkünden. Zwei Laute, die ihr über die vergangenen Jahre so vertraut wie der eigene Herzschlag geworden waren. Sie hob den Blick, als sie ein gemächliches Trappeln von Hufen auf dem Kopfsteinpflaster vernahm.

    Ein Karren, davor ein Maultier, rollte langsam heran. Er kam neben einem dreirädrigen Motorrad mit einem leichten Ruck zum Stehen. Mühevoll kletterte der zahnlose Alte, der Kalk verkaufte, von dem Gefährt. Sie kannte ihn, kannte seinen lang gezogenen, klagenden, durch die Straßen hallenden Singsang, mit dem er seine Ware anpries. Unzählige Male hatte sie ihn gesehen, den alten Mann, der stets wie ein Überbleibsel seiner selbst zusammengekrümmt auf dem klapprigen Wagen kauerte. Und nicht ein einziges Mal hatte sie mitbekommen, dass irgendjemand ihm Kalk abgekauft hätte. Trotzdem zog er Monat um Monat, Jahr um Jahr durch die Stadt.

    Als die vollen Töne der Glocken erklangen, erhob sie sich. Beunruhigt stoben die Spatzen vor ihr auf. Unter dem lang anhaltenden Heulen der Mittagssirene spazierte sie durch die Gasse, in der ein Souvenirladen am nächsten klebte. Nur flüchtig betrachtete sie die Auslagen, die bemalten Kacheln, Tonwaren, das Korbwerk. Wie ein Außenseiter hockte zwischen den bunten Reiseandenken der alte Schuster, aus dessen schummrigen Laden der Geruch von Leder und Schuhwichse dünstete. Wie immer grüßte er freundlich, wenn er sie sah. Sie winkte ihm stets zurück, so auch heute.

    Wenige Meter weiter mündete die Gasse in den Hauptplatz des Städtchens, der sie nicht nur am Abend im Licht der Laternen an eine prächtige Opernkulisse erinnerte. Unvermittelt hielt sie an, immer wieder überwältigt von dem Anblick. Noch einmal schauen, mit den Augen aufsaugen, einprägen, um es mitzunehmen, um es für die Ewigkeit als Erinnerung zu bewahren.

    Sie schaute sich um, erblickte die schattigen Arkadengänge, die sich an der einen Längsseite des ovalen Platzes erstreckten, betrachtete die darüber liegenden schönen Häuser mit den schmiedeeisernen Brüstungen, als sähe sie diese zum allerersten Mal. Ihre Augen tasteten sich weiter, sie nahm den marmornen Brunnen vor der Kirche am anderen Ende des Platzes unter die Lupe, auf dessen Beckenrand schwarz gekleidete Männer neben einer Handvoll Tauben saßen und ein Mittagsschwätzchen hielten.

    Kurz darauf zweigte sie in eine der Gassen, die hangabwärts führten. Sie wandelte auf angestammten Pfaden, hatte vermutlich über die Jahre zigmal ihren Fuß auf genau denselben Stein des mittelalterlichen Pflasters gesetzt. Blank, wie glatt poliert, sahen die grauen Steine unter ihren Füßen aus. Ganz anders, wenn es regnete, dann schimmerten sie wie silbrige Fischschuppen und wurden rutschig wie Schmierseife. Das Kopfsteinpflaster war der Albtraum der High Heels-Trägerinnen.

    Zwischen weiß getünchten Wohnhäusern, mit gelben Umrandungen um Fenster und Türen, die sich an die Gasse schmiegten, verbargen sich wenige Läden. Blind hätte sie sich in dieser Gasse zurechtfinden können. Der köstliche Duft süßen Gebäcks, vermischt mit dem Aroma starken Kaffees, entströmte dem winzigen Café, es roch unverkennbar nach Mottenkugeln und Reinigungsmitteln aus dem Laden, wo es alles gab, neben dessen Eingangstür im vergitterten Glasschrank Messer aller Art prangten. Wie oft hatte sie sich diese Respekt abnötigenden Werkzeuge angesehen?

    Aus der im Keller gelegenen Küche eines Restaurants entwich durch ein kleines Fenster ein Potpourri der Wohlgerüche. Es duftete nach Knoblauch, frischen Kräutern, Fisch, gedünstetem Gemüse, Brot, wahrscheinlich noch ofenwarm, unmittelbar appetitanregend. Am schönsten aber war das Parfüm der Blumen, die in kleinen Gärten, versteckt hinter hohen Mauern wuchsen. Zu Anfang des Jahres duftete es lieblich nach den Blüten der Orangen und Mimosen, später waren es dann die lilafarbenen Glyzinien, die ihren Duft verströmten. Sie lehnte sich an eine schattige Hauswand, um die riesigen gelben Blüten eines Feigenkaktus, der über eine Mauer ragte, gebührend zu bewundern.

    Jede Jahreszeit brachte etwas Wunderbares, Einzigartiges hervor, ging ihr durch den Kopf und gleichzeitig strömte eine Flut von Bildern und Erinnerungen auf sie ein. Das Land braun, golden, ausgemergelt, ausgedörrt im Sommer unter einem wolkenlosen knallblauen Himmel. Und als man gerade meinte, es nicht mehr ohne Wasser aushalten zu können, verkündete der erste Tau den Herbst. Im Winter gab es Regen, bis die Erde kein Wasser mehr aufnehmen konnte, sich teilweise in Schlamm verwandelte. Dafür legte der Frühling Blütenteppiche in allen Regenbogenfarben über die Hügel.

    Gestern war sie noch einmal draußen vor der Stadt, auf dem Feld, gewesen. Alleine, nur für sich, hatte sie still und ungestört Abschied genommen. Dort, wo die Zistrosen ihr harziges Aroma verströmten, hatte sie ihre Lungen vollgesogen, als könnte sie den Duft auf Vorrat tanken und mitnehmen. Sie hatte die ätherischen Öle des Eukalyptus geatmet, im Ohr das anheimelnde Rascheln der silbrigen Blätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten, während sie für eine kleine Ewigkeit nichts anderes getan hatte, als über das Land zu starren. Die Unendlichkeit des Himmels hatte sie noch einmal bestaunt, etwas, woran sie sich nicht sattsehen konnte.

    Wenigstens den Himmel würde sie auch anderswo sehen, ebenso wie die Sterne bei Nacht, die hier zum Greifen nahe schienen. Der Himmel würde sie begleiten. Das war ihr Silberstreif am Horizont für die nächste Zeit.

    Noch nie war es ihr besser gelungen, im Hier und Jetzt zu leben, jeden Moment zu genießen, als gerade in den letzten Wochen, als jeder Gang zu einem melancholischen Abschiedsgang, jedes Treffen zu einem von der Trennung überschatteten Lebewohltreffen wurde, und sie am liebsten jeden einzelnen dieser Augenblick festgehalten hätte. Voller Wehmut verabschiedete sie sich von allem, was ihr über die Jahre ans Herz gewachsen war. Natürlich würde sie irgendwann wiederkommen, ging ihr durch den Kopf, als sie sich erneut langsam in Bewegung setzte, aber dann wäre alles anders.

    Es waren nur noch wenige Schritte bis zu der wuchtigen Mauer, die die Stadt wie eine Festung umschloss. Gleich würde sie zum allerletzten Mal durch das Stadttor gehen.

    Ihren Freunden hatte sie bereits „Auf Wiedersehen“ gesagt. Sie nannte es nicht Abschied, nicht offiziell, es klang zu traurig, und so waren es „vorerst letzte Treffen“ gewesen. Diese Treffen waren besonders herzlich, ungemein rührend ausgefallen. Jeder zeigte sich noch einmal von seiner besten Seite. Das machte die Sache nicht leichter.

    Sie ließ den dicken Ring der Stadtmauer hinter sich und kam nun durch Straßen, die von Einfamilienhäusern, die in wunderschönen Gärten lagen, gesäumt wurden. Palmen, Pinien, Olivenbäume, Oleander und überall die blühende Pracht der Bougainvillea und des Hibiskus. Zitronenbäume neigten sich unter der Last ihrer Früchte, die sich vor dem Blau des Himmels im schönsten Komplementärkontrast abhoben. Alles erfassen, sammeln, jeden Eindruck. Ihn verinnerlichen, um ihn jederzeit wieder abrufen zu können. Nicht die kleinste Einzelheit wollte sie vergessen.

    Selbst was ihr sonst banal erschienen war, bekam heute einen Ehrenplatz in ihrem Gedächtnis, es war alles wichtig. Sie sah Eidechsen über das Mauerwerk flitzen und in Ritzen verschwinden, sichtete den braunen Hund, den kleinen Kläffer, der im Schatten einer Palme neben den von rosa Geranien berankten Terrakottatöpfen döste, entdeckte die dreibeinige Katze auf dem Dach einer Garage. Selbst die unscheinbaren, von Bienen umschwirrten, Blüten des Rosmarins nahm sie wahr. Das Kraut wuchs hier so hoch wie ein Strauch.

    Wie sehr würde das alles ihr fehlen. Noch konnte sie es nicht fassen, dass dies in wenigen Stunden der Vergangenheit angehören sollte. Es ging ihr nicht gut. Sie fühlte sich wie ein Baum, dessen Wurzeln gerade gekappt wurden, und sie war sich nicht sicher, ob es ihren Wurzeln gelingen würde, an anderer Stelle wieder auszuschlagen und sich neu zu verankern. Sie wollte dem Land nicht den Rücken kehren. Alles, was sie glücklich machte, hatte sie hier. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären sie geblieben, aber die Eltern hatten anders entschieden. Ein Kapitel ihres Lebens würde enden, ein neues unweigerlich aufgeschlagen. Nur gab es nichts, worauf sie sich bei diesem Neuanfang freute und was ihr den Fortgang versüßte.

    Mit einem gewissen Widerwillen schlug sie die letzten Meter zu ihrem Haus ein. Unzählige Male hatte sie die abschließenden Minuten in Gedanken durchgespielt. Vielleicht gab es eine Verspätung, ging ihr hoffnungsfroh durch den Kopf, und sie bekäme einen Aufschub. Nur ein paar Stunden, im günstigsten Fall sogar einen Tag. Ein wunderbares Geschenk wäre es, sie würde lauthals „Juhu“ schreien.

    Auf dem letzten Stück des Weges verlangsamte sich ihr Schritt zusehends. Bloß keine kostbare Minute in der vertrauten, lieb gewonnenen Umgebung verschenken. Ihr Atem stockte und sie spürte, wie ihr das Adrenalin in die Adern schoss, als sie das Unvermeidliche, den Fremdkörper, vor ihrem Haus entdeckte.

    Jetzt schon?!

    Der Umzugswagen.

    Kein Aufschub, keine zusätzliche Minute war ihr vergönnt.

    Bevor sie das Haus betrat, sagte sie leise „Auf Wiedersehen“ und warf dabei einen kurzen Blick zum Himmel. Er war sagenhaft blau.

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