Jakob Leiner: Ikarische Nummern. Gedichte Titel

Jakob Leiner: Ikarische Nummern. Gedichte

    Rezension von Anna W. von Huber

    Das Schöne an der Kunst der Poesie ist für mich immer, dass sie aus allen Welten kommen kann. Sie kennt kaum Grenzen. Ein Lyriker, eine Lyrikerin zu sein, bedarf kein Studium, keine Ausbildung oder eine Fähigkeit eines spezifischen Lyrik -Vokabulars.  Das gibt es nicht!

    Es benötigt allein den Willen, etwas über die Welt, über die ganz eigene Welt zu erzählen, etwas Individuelles. Dieses Individuelle zeigt die Einzigartigkeit der Lyrik. Sie offenbart uns durch Diversität so viele unendliche Sprachen, so viele unendliche Zugänge zur Welt und doch behandelt sie zumeist sich immer wiederholende Themen. Sie behandelt Liebe, den Verlust, die Freude am Leben, Trauer- übertragen auf individuelle, gesellschaftliche Strukturen und Schicksalsschläge.

    Wenn sie es schafft, führt sie uns zurück. Wohin kann man sich vorstellen, aber nicht reduktiv erklären.

    Und die Welt sie ruht für einen kurzen Augenblick. Das drehende Rat es ruht.  Kein Ergänzen, kein Belehren, kein Zueinanderfinden.

    Eine Welt der Medizin, der Fachsprachen treffe ich bei Jakob Leiners Ikarische Nummern. Er schreibt eine Lyrik, die beim Lesen in eine Welt der Medizin führt.

     

    Jakob Leiner// Ikarische Nummern. Gedichte// ISBN: 978-3-87173-052-8// Buch: Hardcover// Radius- Verlag// Stuttgart// 2019// 72 Seiten // 18,00 Euro 

    https://www.jakobleiner.com/

     

    Jakob Leiners Lyrikband gibt an einigen Stellen Verweise auf sein autobiographisches Leben. Daher kurz für ein besseres Verständnis seiner Texte:

    Jakob Leiner selbst ist 1992 geboren, studierte Medizin und praktiziert seit seiner Kindheit Musik. Ein Leben zwischen Kunst und Wissenschaft. Dass der Autor sich auf geisteswissenschaftliche und besonders philosophische und mythische Themen und Figuren bezieht, ist wohl frühestens mit der Wahl des Titels: Ikarische Nummern verdeutlicht worden. Cortex erinnert an nietzscheanisches Schreiben, and rhizomatische Strukturen der Philosophie von Deleuze/ Guattari- an das werdende Moment, die seiende Bewegung, die sich ruhend in einem Werden verwandelt – Ein Ich auf der Suche nach seinen tausend sich selbst verlierenden Identitäten.

     

    „ Ich bin Variation

    und war ein Soll, ein Werde.“ (Cortex, S. 11)

     

    Doch wie hängt Cortex nun mit seinen restlichen Texten zusammen. Zumindest kann man den persönlichen Faden des Autors erkennen- ein Gasthörerstudium der Philosophie beeinflusst. Ein Vollzeitmedizinstudium beeinflusst noch mehr. Das Alter des Autoren spiegelt sich in seiner Orientierungslosigkeit wieder, die man zu oft in den 20-ern erlebt. Eine Art Orientierungslosigkeit, die es ermöglicht sich selbst zu finden.

    Leider vermittelte es mir mehr intellektuelles Wissen, als einen innerlichen Drang etwas auszudrücken. Der intuitive Drang danach sein innerstes Wesen, seine innersten Dränge, Wünsche auszudrücken, konnte ich nur spurenweise finden.

    Sprachlich erinnert Leiners Lyrik an Gegenwartslyrik. Eine prosaische Lyrik- Eine Lyrik in einem Objekt verfasst und doch nahezu subjektive Bewusstseinsströme darstellend.

    Die behandelten Themen sind schwer zu fassen, ob das Absicht war, ist eine andere Frage. Ich vermute unteranderem eine Liebe. Wie ein Auszug aus dem Gedicht Einöd zeigt:

    „ Du hast mich nicht nur aufgehoben

    Hast du mich

    mein Doppelflügel gleichsam

    um die Welt gespannt.

    Ich werde

    werde ich

    mein Maximum an Kraft

    …“  (Einöd, S. 26)

     

      

     Es spricht ein junger Mensch, auf der Suche nach Orientierungen, nach Stabilität der sich zugleich darin in Erfüllung sieht, in einem orientierungslosem Dasein zu wanken.

    Was sind Ikarische Nummern?

    Ikarier, akrobatische Artisten. Sieht sich Jakob Leiner als Ikarier?

    Schade finde ich es bei Leiner, dass er nahezu so viele Fachsprachen, so viele Metaphern, so viele Querverweise auf intellektuelles Wissen betätigt, dass es oft unzugänglich wird und sich die Frage stellt, ob es aus meinen Mangel an Fachwissen fundiert ist oder die Suche nach intellektuellen Wörtern größer war als der Anreiz sein Innerstes auszudrücken. Ist das gewollt? An welches Publikum wendet sich Leiner? 

    Abschließend ist zu sagen, dass Leiners Buch eine gute Lektüre sein kann, um zu verstehen aus welchen unterschiedlichen Kontexten Lyrik stammen kann und ein Gefühl für das Denken eines jungen Medizinstudenten zu erhalten. Vielleicht, wenn man sich mit der Materie befasst, wenn man weitere Fragen stellt, was es mit den Ikarischen Nummern zu tun hat, wenn man wissen will, wer nun ein Ikarist ist, vielleicht findet man dann neue weitere Anspielungen auf weitere Stränge, die uns im Alltag fesseln und zu weiteren Fragen und Dringlichkeiten drängen und verfangen.

     

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