Kaffee zum Nachmittag

    von Julia Petereit

    Feuer. Es brennt wie Feuer, dachte er bei sich, während er den verzerrten Gesichtsausdruck der alten Frau eingehend betrachtete. Wie züngelnde Flammen, die sich nach und nach ausbreiten, um sich zum alles vernichtenden Strom zu vereinigen, so hatte die Traurigkeit sich in ihre Züge gefressen. Hatte ihr Gesicht mit den Jahren zerfurcht. Tiefe Gräben gezogen, wie ein Pflug, der die Erde aufbricht, um ihr Innerstes zu bestellen – nur, dass diese Risse dem frischen Grün des Frühlings auf ewig entsagen mussten.
    Gebückt stand sie da. Ihre von Falten zerfurchten Hände tasteten nach der mit einer gräulichen Staubschicht bedeckten Zuckerdose. Die Augen waren geschlossen. Sie zu öffnen strengte sie zu sehr an – doch das machte nichts. Sie kannte jede Ecke, jede Einzelheit dieses Zimmers. Ihre Hände zitterten leicht, aber die Handgriffe selbst waren sicher. Jahrelange Übung sprach aus ihnen. Fast schien es, als wären es gar keine Handlungen mehr, sondern ein fester Bestandteil ihrer Selbst. Um ihren Mund spielte ein Lächeln. Nicht wirklich sichtbar zeichnete es ihre Züge weich. Ein Kontrast zu dem ansonsten so hart umrissenen Gesicht.
    Jetzt hob sie den Kopf. Die Zuckerdose befand sich wieder an ihrem Platz. Auf dem ehemals silbernen Tablett, dessen angelaufene Ränder von fehlender Pflege kündeten, standen zwei Tassen. Ordentlich drapiert thronten sie auf kleinen Untertassen, die mit ihrer zierlichen Gestalt und dem in den zartesten Pastelltönen ausgeführten Blumendekor so gar nicht zu den klobigen Händen der alten Frau passen wollten, welche sich nun mit schlurfenden Schritten in Richtung des weiß gestrichenen Türrahmens fortschob. Bevor sie den Rahmen passierte, drehte sie sich noch einmal kaum merklich um, fast schien es, als würde sie auf etwas warten, dann ließ sie die kleine Einbauküche hinter sich und betrat das durch schwere Gardinen verdunkelte Wohnzimmer.
    Zielstrebig, mit gesenktem Blick, steuerte sie den formlosen Körper zu dem mit grünem Samtstoff bespannten Sofa. Ganz vereinzelt kündeten hellere Flecken von dem ehemals strahlenden Smaragd, welches den Raum mit Behaglichkeit erfüllt haben musste. Langsam stellte die alte Frau das Tablett auf den Holztisch vor sich. Die Oberfläche war mit beigefarbenen Fliesen besetzt. Saftig aussehende Reben, umrankt von wilden Weinblättern wechselten sich mit gebündelten Ähren ab. Ringe von Gläsern, die vor Jahren hier abgestellt worden sein mussten, kündeten von Nächten voller Gelächter und Lebendigkeit.
    Nun war es still. Mit einer Behändigkeit, die man der aus abgewetzten Kleidern und schweren Gliedmaßen gebildeten Silhouette niemals zugetraut hätte, ließ sie sich in den großen Sessel fallen. Bedächtig nahm sie die Tassen von dem Tablett und stellte sie vor sich ab. Langsam ergriff sie die Kaffeekanne aus dem feinen chinesischen Porzellan, welche vor einer gefühlten Ewigkeit als manifestierter Glückwunsch überreicht worden war. Von wem – das hatte sie über die Jahre vergessen. Doch war es stets diese Kanne gewesen, die sie am Sonntag Nachmittag aus dem Schrank holte, um die verbleibenden Stunden voller Gemütlichkeit einzuläuten. Langsam, aber stetig, senkte sie den weiß schimmernden Ausguss, um den schwarz dampfenden Inhalt seiner Bestimmung zuzuführen. Nachdem sie beide Tassen gefüllt hatte, schob sie das rechts von ihr stehende Trinkgefäß ein Stück weiter auf den beigefarbenen Fliesen entlang. Rebe – Ähre – Rebe. Sie hielt inne. Die Tasse stand nun ganz am Rand. Einen Moment wartete sie. Dann nahm sie das vor ihr stehende Tässchen vorsichtig in die zitternden Hände, führte es zum Mund und trank. Einen, zwei, drei Schlucke. Sie stellte die Tasse wieder vor sich ab, griff zu der sich noch auf dem Tablett befindenden Keksdose und fischte ein spröde aussehendes Gebäckstück aus dieser hervor. Mit derselben Bedächtigkeit, mit der sie getrunken hatte, biss sie in den Keks.
    Ihre Hand sank auf ihren Schoß. Einige Krümel sammelten sich in einer Falte des grauen Rocks. Sie saß völlig still, nur der Kopf bewegte sich allmählich in Richtung der von ihr fortgeschobenen Tasse. Träge öffnete sie die schweren Augenlider ein Stück und starrte auf den leeren Platz zu ihrer Rechten. So verharrte sie.

    „Was hältst du davon?“, fragte das junge Mädchen.
    Ihre Stimme war von einer deutlich wahrnehmbaren Neugierde erfüllt. Die roten Locken wippten bei jeder ihrer Bewegungen und verliehen der ohnehin schon lebendig schwingenden Silhouette einen fast tanzenden Ausdruck.
    „Ich denke, es ist erbärmlich“, antwortete der Mann im grauen Anzug.
    Er war deutlich älter als das Mädchen. Das Grau des Anzugs setzte sich in den sich allmählich lichtenden Koteletten fort. Sein Gesicht war von feinen Linien durchzogen, die, sich hier und da vertiefend, den Ausdruck des kantigen Gesichts maßgeblich beeinflussten. Die Augen waren von einem strahlenden Blau. Hell und kühl erinnerte es an die frische Klarheit eines winterlichen Himmels. Seine Miene war ernst, aber nicht direkt unfreundlich. Gleichgültig blickten seine eisblauen Augen auf das Geschehen vor ihm und auch als sie den Blick seiner Gesprächpartnerin suchten, büßten sie nichts an ihrer nüchternen Sachlichkeit ein.
    Sein Gegenüber hätte gegensätzlicher nicht sein können. Das Mädchen war jung, kein Kind mehr, aber in jenem Stadium, wo sich die Frische des Kindes und die Schönheit der Frau das erste Mal scheu berühren. Ihre roten Haare schienen aus sich selbst heraus zu leuchten und malten zarte Reflexe auf das mit leichten Sommersprossen überzogene Gesicht. Die Augen vereinten das dunkle Braun frischer Erde mit dem satten Grün dichter Wälder. Sie funkelten aufgeweckt und offen, scheinbar begierig darauf lauernd, Neues zu entdecken. Aus ihrem Blick sprach Freundlichkeit und Neugierde, aber auch eine Art beschwichtigende Güte, wie man sie in diesem jungen Alter nicht erwartet hätte. Gespannt auf die Reaktion des Anzugträgers wartete sie seine Antwort ab.
    „Es ist ein scheußlicher Anblick“, fuhr dieser nun seine Ausführungen fort, „mir scheint, wir sind gerade zur rechten Zeit gekommen.“
    Das Mädchen lächelte noch immer, doch in ihren Augen schien sich eine Veränderung zu vollziehen. An die Stelle der erwartenden Neugierde trat etwas anderes. Traurigkeit. Doch nicht die Traurigkeit, die plötzlich auftaucht, um ihr Opfer in einem Gemisch auf Schmerz und Hilflosigkeit zu übermannen. Es war eine stille Traurigkeit. Sie hatte nichts Überraschendes. Vielmehr schienen die Augen des Mädchens sie schon viele Male gefühlt zu haben. Wie einen alten Bekannten begrüßten sie sie, nahmen sie in sich auf und ließen sie zum Teil des Ganzen werden.
    „Was genau“, setzte sie nun an, „findest du so abscheulich an ihr?“
    „Sie ist leer“, erfolgte seine Antwort, „leer und einsam. Sie hat keine Ziele mehr. Nichts, dass sie antreibt. Spielt sich was vor, redet mit Gespenstern, ja, kocht sogar Kaffee für die, die schon lange vor ihr gegangen sind. Nichts in ihrem Leben hat mehr Bedeutung. Und somit hat auch sie selbst keine Bedeutung mehr.“
    „Du irrst“, ihre Stimme blieb sanft, war nun aber von einem Nachdruck erfüllt, der es nicht erlaubte, ihr zu widersprechen.
    „Sie hat Bedeutung, weil sie diejenige ist, die den Kaffee kocht, sie diejenige ist, die den Kaffee trinkt. Sie wird diejenige sein, die das Geschirr abspült.“
    „Aber es nützt keinem. All diese Dinge, tut sie nur für sich selbst. Und auch sie selbst zieht keinen wahren Nutzen daraus. Sie wird weder reich, noch beliebt, noch bekannt dadurch. Keinen kümmert es. Es ist verschwendete Zeit.“
    „Wie kann sie Zeit verschwenden, die sie im Überfluss hat? Wie kann sie leer sein, wenn sie voll ist mit Erinnerungen. Wem stünde es zu, sie nutzlos zu nennen, wenn sie sich selbst nützt?“
    Die Augen des Mädchens ruhten auf dem Mann im grauen Anzug.
    Er schien nachzudenken, dann nach einer kleinen Weile sprach er: „Sie ist voller Schmerz. Es gibt nichts Neues mehr für sie. Ihre Gefährten sind die Schatten des Vergangenen. Nichts von dem, was die Menschen zufrieden nennen, liegt in ihrem Blick. Nichts von dem, was sie glücklich nennen, berührt sie.“
    „Und doch“, unterbrach sie ihn mit sanfter Bestimmtheit, „vereint sie beides in sich. Ihre Erinnerungen mögen heute Schatten sein, doch rühren sie vom Lebendigen. Ihr Ausdruck mag heute schmerzvoll sein, doch nur, weil er einst voller Liebe war.“
    „Liebe“, sagte er verächtlich, „die Liebe ist überhaupt die schlimmste aller menschlichen Neigungen. Sie allein ist schuld, dass man mich fürchtet, sie alleine ist die Mutter der Verzweiflung, sie alleine lässt die Menschen leiden, wie nichts sonst auf der Welt es zu tun vermag. Und sie alleine macht diese Alte lächerlich in ihrem Bemühen, das ehemals Dagewesene festzuhalten.
    „Du irrst erneut“, sprach sie mit sanfter Bestimmtheit, „Liebe ist es, die ihre Taten von jedweder Lächerlichkeit befreit, sie hat ihre eigenen Regeln, folgt keinem, ergreift ohne Unterschiede und gibt, was immer sie zu geben bereit ist.“
    Bei ihren letzten Worten ließ sie ihre funkelnden Augen auf der alten Frau ruhen. Noch immer schaute diese auf den leeren Platz an ihrer Seite, doch auf ihre Lippen hatte sie ein breites Lächeln gelegt.
    Auch der Anzugträger blickte nun auf die Szenerie. Sein Ausdruck blieb ernst und nachdenklich. Dann setzte er erneut an.
    „Mir scheint“, sprach er langsam, „es liegt in meiner Natur, die Liebe nicht so sehen zu können wie du. Ich kenne nur ihre schmerzvolle Seite, die Tränen, die Enttäuschung, die Wut und die Leere, die sie hinterlässt. Das ist mein Los und muss es sein, damit sie dich als schön begreifen, kleine Schwester.“
    Sein Blick traf den des Mädchens und langsam, ganz langsam nickten beide einander zu.
    „Mit einer Sache“, erwiderte die Kleine schließlich, „hattest du aber Recht“, sanft neigte sie den Kopf, ihre Hand ergriff die des Mannes im grauen Anzug. Dann wandte sie sich um und verschwand.
    Mit langsamen Schritten ging der Mann auf die alte Frau zu, und diese lächelte noch immer.

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