Bienenstich und kalter Kaffee

    von Kat Falkenroth

    „Und wer ist das?“
    Käthe liebte die Sonntage bei Oma Millie. Das war schon so, seit sie ein kleines Mädchen war, und damals wie heute stöberte sie am liebsten durch die alten Fotoalben. Da waren die Schwarzweißbilder noch mit Fotoecken fein säuberlich reingeklebt, und das Seidenpapier zwischen den schweren Kartonseiten knisterte beim Umblättern. Oma Millie hatte bestimmt zehn dieser dicken, in Leder gebundenen Alben in ihrem Wohnzimmerregal stehen.

    „Wer?“ Oma Millie schaute kurz auf. „Ach, das ist Opa Herbert, das muss so Juli 44 gewesen sein.“
    Käthe drehte das Bild zum Licht und betrachtete es genauer.
    „Da muss auch noch ein Foto von unserer Hochzeit sein, das war ja da auch um die Zeit.“
    Käthe kramte ein bisschen in der Kiste mit losen Fotos, die sie heute zum ersten Mal entdeckt hatte, und richtig, da war eins. Oma Millie trug ein helles Kostüm mit einem plissierten Rock, auf dem Kopf dazu ein dunkles Hütchen, und Opa Herbert trug einen schwarzen Anzug. Sie hielt es kurz hoch, und Oma Millie lächelte, dann legte Käthe das Foto zurück und kramte ein weiteres aus der Kiste.
    „Und wer ist das hier?“
    Während sie Käthe ein Stück Bienenstich auf den Teller legte, schielte Oma Millie auf das neue Foto. Der Tortenheber schlug klirrend gegen den weißen Porzellanteller mit Goldrand, und Oma Millie war auf einmal ganz bleich im Gesicht.
    „Oma? Geht’s dir nicht gut? Oma, was ist denn?“
    „Woher…“
    „Oma, komm setzt dich erstmal hin, du bist ja ganz blass.“
    Käthe rückte ihr einen Stuhl zurecht.
    „Warte, ich hol dir ein Glas Wasser.“
    „Nein, schon gut, ich… mir geht’s gut. Ich war nur… Woher hast du das Foto?“
    „Das Foto?“
    „Ja, Katharina, woher hast du das Foto?“

    Wenn Oma Millie sie Katharina nannte, dann war es wirklich ernst. Niemand in ihrer Familie nannte sie so – außer natürlich, sie hatte etwas ausgefressen.
    „Ich… das war… da war so eine Kiste mit Fotos, ganz hinten im Schrank.“
    Käthe fühlte sich auf einmal ganz elend, auch wenn Oma sie selbst an den Schrank zum Fotos Holen geschickt hatte.
    Oma Millie zog das Bild zu sich rüber, das Käthe vor Schreck einfach achtlos auf den Tisch geworfen hatte. Mit faltigen Händen strich sie liebevoll über die vergilbte Fotografie. Ein junger Mann war darauf zu sehen, ein wirklich hübscher Bursche, wie Käthe fand. Auch wenn der Kerl mittlerweile so um die neunzig sein musste, dachte sie, und verzog das Gesicht. Der könnte glatt ihr Großvater sein.
    „Das ist Bubi.“
    Oma Millie strich erneut über das alte Bild, bevor sie es hochnahm und umdrehte.
    „April 1944,“ las sie vor und seufzte.

    Käthe setzte sich wieder und betrachtete ihre Oma schweigend. Seit sie denken konnte, war die immer eine praktische Frau gewesen, nicht kalt, aber auch nicht sonderlich überschwänglich. Sie jetzt so emotional zu erleben, das brachte Käthe irgendwie aus dem Konzept.
    „Hubert eigentlich,“ sagte Oma Millie mit rauer Stimme, „er war meine erste Liebe.“
    Der junge Mann auf dem Foto wirkte so fröhlich, so voller Leben. Aber 1944? Da brauchte es nicht sonderlich viel Fantasie, um sich das Schlimmste auszumalen.
    „Er ist im Krieg geblieben,“ sagte Oma Millie. Der Kaffee war inzwischen kalt und der Bienenstich vergessen.
    „Wir waren Nachbarn. Da wo jetzt Elfriede und Kurt wohnen, das war das Haus meiner Eltern, aber das weißt du ja. Und Bubi hat nebenan gewohnt. Wir waren verliebt, weißt du?“
    Käthe nickte, auch wenn sie eigentlich gar nichts mehr wusste.
    „Er hat mir einen Ring gegeben, einen ganz feinen goldenen mit Rubinen. Da hat er lange drauf gespart. Wir wollten heiraten, aber dann ist er in den Krieg gegangen. Er wollte nicht, aber die Jungens hatten ja keine Wahl damals. Kampfpilot ist er geworden, und viele Briefe hat er mir geschrieben. Dann war er auf Heimaturlaub, da ist das Foto entstanden.“
    Oma Millie zeigte auf das Bild, das jetzt eingerahmt von Kuchentellern auf der dunkelblauen Tischdecke lag.
    „Da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen.“
    Ihre Stimme war so leiste, dass Käthe sie kaum verstehen konnte.
    „Er wollte zu mir zurückkommen, weißt du? Er hat gesagt, dieser Krieg sei sowieso verloren. Also hat er sich eines Abends in sein Flugzeug gesetzt und ist hergeflogen.“
    „Whoa?!“ machte Käthe überrascht, und Oma Millies Augen füllten sich mit Tränen.
    Nach einer Weile fragte Käthe leise: „Aber er ist nie angekommen, oder?“
    Oma Millie schüttelte den Kopf. Was für eine verrückte Idee auch, ein Militärflugzeug zu klauen und dann in Richtung Heimat zu fliegen. Klar, irgendein Feld zum Landen gab es immer, aber so richtig zu Ende gedacht war die Aktion nicht. Wie verzweifelt musste man sein?
    „Sie haben das Wrack keine zehn Kilometer entfernt gefunden, das muss so fünf Jahre später gewesen sein. Hinten im Moor. “

    „Ach Oma,“ sagte Käthe mit belegter Stimme.
    „Er wurde nie offiziell identifiziert, das wollten die Eltern nicht. Wenn einer im Krieg geblieben war, dann gab’s ja Geld, wenn auch nicht viel. Für einen Fahnenflüchtigen hätten sie halt nichts mehr bekommen. Und dann hatte er ja auch das Flugzeug gestohlen, das kam noch dazu.“
    Oma Millie wischte sich über die Augen.
    „Aber ich wusste immer, dass er es war. In seiner Brusttasche haben sie das Medaillon gefunden, da war noch ein Foto von mir drin, ein ganz unscharfes. Ich hab’s in der Zeitung gesehen und es gleich erkannt, aber mich auch nie gemeldet. Was hätte das noch gebracht?“
    Darauf wusste Käthe auch keine Antwort, und so aßen sie schweigend ihren Bienenstich. Dann erzählte Käthe von ihrem neuen Job und den Kollegen, von dem Chef, der nie zuhörte und einen immer nur mit leeren Phrasen abspeiste, und nach einer Weile verschwand der traurige Blick aus Oma Millies Augen.

    Erst als die Haustür hinter ihr ins Schloss fiel, kam Käthe ein Gedanke. Was, wenn ihr Vater doch ganz pünktlich auf die Welt gekommen war?

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