Vor 10 Jahren: Der Dichtung eine Bresche schlagen

    Der Dichtung eine Bresche schlagen

    Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört

    Kommentar von Walther

    Ein Volk sollst Du an seinen Dichtern erkennen. Oder vielmehr an seiner Wertschätzung derselben. Da ist es, so scheint es auf den ersten Blick, um Deutschland so schlecht nicht bestellt. Immerhin gehören Goethe und Schiller zu DEN deutschen Genies (lt. ZDF). Im Deutschunterricht erleiden deutsche Schüler seit Generationen Schillers Glocke bis zu deren totaler Verballhornung. Und Jahr für Jahr „reitet er durch Nacht und Wind, irgendwer mit irgendeinem Kind“.

    Von neuer deutscher Lyrikwelle ist aber nur im modernen Liedgut eine Spur. Deutsche Popsongs verkaufen sich ebenso glänzend wie deutsche Belletristik. Die Kunst scheint die Gesellschaft wieder eingeholt zu haben, das größere Deutschland seiner selbst wieder bewusster zu werden. Amerikanischer Import ist eben kein dauerhafter Ersatz für eigensprachliche Selbstbespiegelung.
    Bei der Lyrik ist dieses Phänomen, die eigene Sprache wieder als Medium des Ausdrucks eigener Befindlichkeiten zu entdecken, bisher nicht richtig angekommen. Das liegt zum einen daran, dass das, was als prämierte deutsche Lyrik durch den Blätter- und Bücherwald geistert, häufig nur für Eingeweihte verständlich ist.
    Zum anderen haben ganze Generationen von Deutschlehrern ihren armen Schülern den Spaß am deutschen Gedicht so gründlich ausgetrieben, dass man heute in Lyrikforen sich nicht selten fragt, was das ist, was da steht. Ebenso fragt man sich das häufig auch bei dem, was, wenn es gedruckt wird, in Buchform vor einen kommt. Über das Elend der lyrischen Moderne ist an dieser und anderen Stellen häufig berichtet und diskutiert worden. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass zuerst das moderne Gedicht und schließlich jedes Gedicht aus den deutschen Zeitungen verschwunden sind. Dies gilt mit Ausnahme der Frankfurter Anthologie für faktisch alle Literatur- und Feuilletonseiten.

    Dichtung aber ist wieder in aller Munde, wenigstens der Jugend. Musikgruppen zeigen, wie es geht, dass wieder deutsch gereimt und gesungen wird. Und das, was dort zu hören und zu lesen ist, übertrifft in der Regel an Qualität, Aussage und lyrischer Kraft allemal das, was bei den meisten Lyrikwettbewerben alljährlich prämiert wird.
    Es wird also Zeit, eine alte Zeitungstradition wieder aufzunehmen, nämlich die der Entdeckung guter zeitgenössischer Dichtung und die Förderung der bisher unbekannten guten Dichter, von denen es mehr als genug gibt. Das Internet und die vielen Lyrikzeitschriften aus der Independent-Szene, die nichts, aber auch gar nichts mit Leipzig und Klagenfurt am Hut haben, sind ein reicher Quell, aus dem geschöpft werden könnte, was Kurzgeschichte und Lyrik sowie die vielen
    Kurzformen der Sprachkunst um sie herum angeht.

    Daher wird hier laut gefordert und noch lauter eingefordert: Jeden Tag ein junges, neues deutsches Gedicht in das Feuilleton jeder deutschen Tageszeitung. Das sind wenigstens sechs Gedichte die Woche, 52 Wochen lang. Genau das ist jetzt angezeigt. Nicht mehr und nicht weniger.

    Anmerkung der Redaktion: Dieser Kommentar wurde von Walther im Jahr 2007 zum ersten Mal veröffentlicht und führte zum Start des Projekts „Walthers Anthologie der Interlyrik“ im Jahr 2008. Seit 10 Jahren werden im Internet überzeugende Gedichte gefunden und besprochen. Inzwischen sind es über 60 Werke mit fast so vielen Autorinnen und Autoren, die Walther vorgestellt hat. Das ist sicherlich einer Erwähnung wert, und wir werden das in Form einer Lesung gebührend feiern. In der Lesung werden wir unsere Autorinnen und Autoren bitten, ihre besprochenen Werke und weitere Gedichte ihrer Wahl vorzutragen. Mehr dazu in Kürze bei uns auf zugetextet.com.

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