Interview und Vorstellung: REALTRAUM München e.V.

    Die Redaktion hat es sich zur Aufgabe gemacht, immer wieder regionale und überregionale Literaturprojekte, Verlage, AutorInnen, Medienschaffende und Foren vorzustellen. Dabei wollen wir Anregungen bereitstellen und Beispiele für sich sprechen lassen, wie Kunst und Literatur sich selbst immer wieder erfolgreich organisieren. Wichtig ist uns auch die Vernetzung. Wenn man als Kunstschaffender bekannt werden möchte, muss man immer wieder „hinaus in die (feindliche?) Welt“. In der Region zu bleiben, kann eine Karrierestopper sein.
    Darüber hinaus melden wir Termine aus den Regionen für den Fall, dass ein Interessierter in der jeweiligen Region unterwegs ist und sich gerne ein wenig dort umschauen will. Und zum letzten wünschen wir uns, dass die regionalen Initiativen sich verbinden und dem Austausch ein überregionales Element beigeben.
    Diesmal freuen wir uns, den Künstlerverein REALTRAUM aus München vorzustellen. Die Redaktion dankt den MacherInnen Sabine Brandl (erste Vorsitzendes des Vereins), Gisela Weinhändler und dem Lyriker Eike Hornauer für die Bereitschaft zum Interview. Die handelnden Personen werden in Form von Profilen vorgestellt. Das Interview führte unser Redakteur Walther.

    Wie sind das Projekt und die Webseite „http://www.realtraum-muenchen.de“ entstanden? Wann gab es die erste Idee dazu, und wie waren die ersten Schritte zur Umsetzung?

    Als Autorin suchte ich vor etwa 15 Jahren Kontakt zu weiteren Autoren und Künstlern, ich besuchte verschiedene Autorenverbände und Literaturgruppen und z. T. deren Veranstaltungen, fand darunter aber keine Vereinigung, die mir so sehr entsprach, dass ich langfristig Mitglied sein wollte. Ich hatte schon damals das Ziel, eine Gruppe zu finden, die Literatur, Kunst, Musik und weitere Kunstformen, wie z. B. Schauspiel, miteinander verbindet. Außerdem wünschte ich mir eine offene Gruppe, in der jederzeit Gäste dazu stoßen können und in der jeder Künstler gleich willkommen ist – unabhängig von seinen bisherigen künstlerischen Erfolgen. Nachdem ich recht konkrete Vorstellungen hatte, wurde ich im Jahr 2004 selbst aktiv und begab mich durch Inserate in Zeitungen und durch das Verteilen von Flyern in gesamt München auf die Suche nach Gleichgesinnten und Interessierten. Etwa ein halbes Jahr nach Beginn meiner Akquise konnte im Oktober 2004 das erste REALTRAUM-Künstlertreffen stattfinden. Noch vor dem ersten Künstlertreffen bauten wir eine eigene Webseite auf, um auch online präsent zu sein, die Webseite wird regelmäßig aktualisiert und erweitert.

    Welche Zielgruppe(n) hatten Sie beim Aufbau von Literaturverein und Webseite im Sinn? Welches Konzept verfolgt REALTRAUM München e.V.? Wie erfolgen die Auswahl und das Gewinnen neuer AutorInnen?

    Der Verein ist sowohl für erfahrene Künstler als auch für noch unerfahrene Kunstschaffende aus den Bereichen Literatur, Kunst und Musik offen. Junge Talente erhalten hier eine Anlaufstelle, um ihre Werke innerhalb der Mitgliedertreffen vorzustellen und konstruktive Kritik einzuholen. Bereits erfahrene Künstler werden in ihrer Professionalität weiter gefördert und unterstützt. Wie aus dem Namen des Vereins hervorgeht, möchte der REALTRAUM künstlerische Träume und Wünsche real werden lassen. Diesbezüglich bietet der Verein jedem Mitglied Unterstützung an, u. a. durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung der einzelnen Mitglieder untereinander sowie mit befreundeten Kulturvereinen und -gruppen. Zentrale Punkte sind der künstlerische Austausch und das Schaffen von Auftritts- sowie Publikationsmöglichkeiten. Bei Interesse an einer Mitgliedschaft verweisen wir auf die Satzung, unsere Beitragsordnung und Grundsätze; es kann jeder Kunstschaffende ab 16 Jahren bei uns Mitglied werden, solange er sich mit unseren Richtlinien und Grundsätzen identifiziert. Wir betreiben seit einigen Jahren keine aktive Akquise mehr, da sich so schon immer wieder Interessenten über unsere Webseite bei uns melden und bei jedem Künstlertreffen durchschnittlich drei bis vier Gäste aus eigener Initiative zu uns stoßen. Viele Gäste entscheiden sich dann für eine Mitgliedschaft oder bleiben uns als Vereinsfreunde und Vernetzungspartner erhalten.
    Jeder Gast und jedes Mitglied kann bei unseren monatlichen Treffen künstlerische Beiträge präsentieren und dazu Feedback erhalten. Wichtig ist uns natürlich, dass wir im Vorfeld unserer öffentlichen Veranstaltungen eine strukturierte und überlegte Auswahl der Texte, Musikstücke und Bilder durch eine vereinsinterne Jury durchführen, damit das Publikum nicht zum „Versuchsobjekt“ wird, sondern eine erlesene Auswahl an hochwertigen Beiträgen erhält.

    Seit einiger Zeit gibt es parallel und mit dem Verein vernetzt den muc-Verlag? Was war das Motiv der Gründung? Trägt sich der Verlag mittlerweile?

    Das Hauptmotiv zur Gründung des muc-Verlags waren zunächst einige Anthologieprojekte, die ich ehrenamtlich umsetzen wollte. So entstanden zwei Bücher aus einer Senioren-Schreibwerkstatt, die ich fünf Jahre lang leitete („Spätzünder – Texte von Senioren“ 2012 sowie „Liebe, Laster, Leben – Texte von Jung und Alt“ 2012) und eine Anthologie von Jugendlichen, die ich in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme betreute („Freundschaft – Texte und Bilder von Jugendlichen“ 2014). Etwa zur gleichen Zeit und z. T. parallel zu meinen eigenen Buchprojekten nahm der REALTRAUM zwei Anthologieprojekte in Angriff: „Berauscht & Besessen“ (2013) und „Fußball – nur eine Nebensache“ (2014). Wir diskutierten im Vorstand über das Vorgehen bei der Publikation und entschieden uns dafür, beide REALTRAUM-Bücher im muc Verlag erscheinen zu lassen.
    Der Verlag ist ein von REALTRAUM e.V. unabhängiges Unternehmen (GbR). Wir sind ein „Nano-Verlag“, ein Zwei-Frau-Betrieb, den wir neben unseren Gelderwerbs-Berufen und unseren eigenen künstlerischen Tätigkeiten führen. Wir verlegen max. ein bis zwei Bücher pro Jahr. Gisela Weinhändler – auch schon bei der Gründung des REALTRAUM e.V. mit im Boot – kümmert sich hier äußerst engagiert um die Verlagsgeschäfte, Marketing usw. – macht für die Bücher in der Regel auch das Layout bzw. den Buchsatz. Meine Rolle im Verlag ist die der Literatur-Chefin, d.h. ich achte auf die literarische Qualität der uns vorgelegten Manuskripte, übernehme gelegentlich auch das Lektorat.
    Zur Tragfähigkeit unseres Verlags muss man sagen, dass die Buchprojekte, welche wir bis 2015 umgesetzt hatten, zwar sehr schöne, aber im Grunde reine Idealismus-Projekte waren, bei denen wir sehr darauf achten mussten, dass wir nicht in ein Verlustgeschäft geraten. Natürlich wollen wir langfristig, dass das anders wird, und uns zunehmend professionalisieren. Dazu hatten wir Ende des Jahres 2015 die Idee, den Verlag für Einzelautoren zu öffnen und eine öffentliche Ausschreibung zu initiieren, welche dann eben auch breitgefächert in allen möglichen Literaturforen bekannt gegeben wird. 2016 haben wir beide Ideen umgesetzt.
    Die Resonanz zu unserer ersten öffentlichen Ausschreibung zum Thema „Gefangensein – Drinnen & Draußen“ war enorm: Wir erhielten ca. 2.000 Text- und Bildbeiträge, im Grunde aus ganz Europa. Ein Beitrag erreichte uns sogar aus den USA. Aktuell sind wir mit der Beitragsauswahl befasst. Dieses Buch ist ohne Zweifel unser bisher aufwendigstes Projekt. Wir können jetzt schon sagen, dass hier ein ganz besonders qualitativ hochwertiges Buch entstehen wird. Zudem veröffentlichten wir 2016 erstmals ein Buch eines Einzelautors (den Lyrik-Band von Jan-Eike Hornauer „Das Objekt ist beschädigt – zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt“). Jan-Eike Hornauer ist ein enorm hart arbeitender, engagierter Lyriker aus München, der zudem auch sehr gut vernetzt ist.
    Die große Resonanz auf das von uns gewählte Thema unserer öffentlichen Ausschreibung lässt darauf hoffen, dass sich das spätere Buch dazu auch gut verkaufen wird. Die gute Vernetzung und Eigeninitiative eines Einzelautors (so wie eben bei Jan-Eike Hornauer der Fall) ist enorm viel Wert. Das zeigt sich dann eben auch an den Verkaufszahlen.
    Wir können zwar nicht vom Verlagsgeschäft leben, denn dafür sind wir insgesamt zu klein angelegt. Aufgrund der beiden Projekte aus 2016 sehen wir aber aktuell sehr optimistisch in die verlegerische Zukunft.

    Wenn Sie die letzten Jahre Revue passieren lassen, was waren die herausragenden Ergebnisse und Ereignisse? Wenn Sie sich die ursprüngliche Konzeption in Erinnerung rufen, was davon haben Sie realisiert, wo gibt es die stärksten Abweichungen, und wo liegen die Gründe dafür? Wie wirken Verein, Verlag und Webseite aufeinander?

    Herausragende Ergebnisse waren mit Sicherheit die drei REALTRAUM-Anthologien „Vernascht – Erotische Geschichten“ (Wortkuss Verlag 2010), „Berauscht&Besessen“ (muc Verlag 2013) und „Fußball – nur eine Nebensache?“ (muc Verlag 2014). Durch eine vereinsinterne Jury wurden hier jeweils die besten Textbeiträge unserer Mitglieder ausgewählt. Wir arbeiteten eng mit unseren Mitgliedern und Lektoren zusammen, und daraus sind drei sehr gute Bücher entstanden, auf die alle Beteiligten stolz sein können. Durch die sehr erfolgreichen Buchpräsentationen, die ich ebenfalls zu den herausragenden Ereignissen zähle, konnten die Autoren ihre Texte einer breiten Öffentlichkeit vorstellen.
    Ein weiteres herausragendes Ereignis war meines Erachtens die „Kunstpunkt“-Veranstaltung im Jahr 2012. Hier trafen sich auf Einladung vom REALTRAUM e. V. 18 Künstlergruppen mit über 60 teilnehmenden Personen, um sich gemeinsam der Öffentlichkeit zu präsentieren. Damit bewiesen wir: Literatur, Musik und bildende Kunst – München hat in allen drei Bereichen richtig was zu bieten, und das nicht nur im etablierten Kulturbetrieb, sondern gerade auch in der unabhängigen Kulturszene.
    Ebenfalls ein schöner Erfolg für uns war unsere monatliche Lesereihe „Literatur zum Frühstück“ im Giesinger Kulturcafé von 2008 bis 2010. 2011 starteten wir eine neue Veranstaltungsreihe „REATRAUM@minibar“, die ein Jahr lang ebenfalls wirklich gut lief. Ab 2012 konzentrierten wir uns auf einige größere Veranstaltungen übers Jahr verteilt, so z. B. die zuvor erwähnte Kunstpunkt-Veranstaltung oder die lose Reihe „REALTRAUM & friends“, in der ausgewählte Vereinsfreunde wie der Liedermacher Christoph Theussl oder der bekannte Münchner Poetry-Slammer Jaromir Konecny mit den REALTRAUM-Künstlern die Bühne teilten.
    Ein dauerhaftes und beständiges Highlight sind natürlich unsere Künstlertreffen, die seit 2004 einmal im Monat stattfinden und kontinuierlich großen Zuspruch erhalten.
    Zur Frage: „Wie wirken Verein, Verlag und Webseite aufeinander?“
    Diese Frage ist leicht zu beantworten: Seit Bestehen des REALTRAUM kamen immer wieder spannende Leute zu uns, die über entsprechendes Fachwissen zum Literatur- und Kunstbetrieb verfügen oder auch zu dem einen oder anderen Projekt, welches wir planten, entsprechende Impulse setzten, d. h. wir tauschen uns regelmäßig darüber aus, wir können voneinander lernen. Die Mitglieder des REALTRAUM gehen nicht in Konkurrenz, sondern begegnen sich auf Augenhöhe, ungeachtet ihrer bisherigen Erfolge. Die Vernetzung ist unseres Erachtens eins der wichtigsten Dinge, die man als Kulturschaffender braucht, um langfristig erfolgreich zu sein bzw. sich in der Literatur- oder Kunstszene einen Namen machen zu können. Dieses „Wirken aufeinander“ ist ein anderer Ausdruck für „Vernetzung“.

    Unter den Literaten gibt es einen bösen Spruch: „Ist die Prosa dir zu schwierig, versuche es einmal mit Lyrik.“ Wie gehen Sie damit um? Welche Rolle spielt für Sie und Ihre KollegInnen die Arbeit an und die Beschäftigung mit Form, Metrum und dem Sprachvermögen in den Beiträgen?

    Dieser Spruch ist wirklich böse, denn gute Lyrik zu schreiben, erfordert ein enorm hohes Sprachvermögen. Das gilt jedoch auch für Prosa. Dazu fällt mir der Spruch ein: „Einen Roman zu schreiben ist einfach – einen guten Roman zu schreiben ist jedoch schwer.“
    Natürlich braucht man für einen Roman ein größeres Durchhaltevermögen, und es ist enttäuschender, wenn man nach einem sehr langen Arbeitsprozess nicht zufrieden mit dem Resultat ist, als wenn es um einen sehr kurzen Text geht, an dem man nur wenige Stunden oder Tage gearbeitet hat. Aber wer als Autor ein ganzes Buch füllen möchte, auf das er noch dazu stolz sein kann – egal ob mit einem Roman, einer Lyrik- oder Kurzgeschichtensammlung – wird in etwa den gleichen Aufwand haben und vor einer ähnlichen Herausforderung stehen.
    Bei den Diskussionen während unserer Künstlertreffen oder auch bei der Verlagsarbeit geht es – wenn es um Lyrik geht – meist und fast ausschließlich um das Sprachvermögen, die Form und das Metrum. Wir haben hier einen sehr professionellen Anspruch und einige echte Lyrikexperten unter den Mitgliedern, die sehr fundiert Feedback geben. Ähnlich verhält es sich bei Prosa-Beiträgen und bei den Beiträgen der bildenden Künstler und Musiker. Wir legen insgesamt sehr viel Wert auf konstruktive Kritik, d. h. wenn jemand, der bei einem unserer Treffen z. B. einen Beitrag vorstellt, bei dem gar nichts stimmt, dann ist das per se erstmal kein Drama, die Person wird aber damit rechnen können, dass sehr ehrliche, konstruktive Rückmeldungen aus der Teilnehmer-Runde kommen. Uns geht es darum, dass man eben auch von Rückmeldungen profitieren, dass man etwas für sich herausholen kann, um an seinem Werk weiter zu feilen, und dass man zugleich auch nicht völlig entmutigt, das Kunstschaffen sein lässt.

    In welche Richtung werden sich Verein, Webseite und Verlag entwickeln? Wo wollen Sie in zwei bis drei Jahren sein?

    Die Richtung des REALTRAUM e.V. geben im Grunde unsere Mitglieder und deren Aktivitätsgrad vor. Der Vorstand, bestehend aus fünf Personen, kann hier immer wieder kleinere Impulse setzen, so z. B. Organisation der einen oder anderen Veranstaltung. Wir haben seit 2004 ca. 130 kleinere bis größere Veranstaltungen organisiert, bisher drei Buchprojekte umgesetzt und es gibt einmal im Monat eben unsere Künstlertreffen. Wir haben aktuell 25 Mitglieder. Diese Zahl ist in den letzten fünf Jahren sehr stabil bzw. wir erlebten einen leichten Mitglieder-Zuwachs. Wir hoffen, die Mitgliederzahlen weiter steigern zu können. Wir sind hier sehr optimistisch, denn wir haben bei unseren Künstlertreffen im Schnitt 4 bis 5 Gäste, also Nichtmitglieder, die ihre Beiträge zur Diskussion stellen. Die Vereinswebsite wird gut im Netz gefunden, wir müssen keine explizite Werbung mehr für unsere Treffen machen. Wir halten unsere Website immer auf dem aktuellen Stand. Wir sind natürlich auch in den sozialen Netzwerken präsent. Wir gehen stets den Weg der weiteren Professionalisierung, wenngleich man sagen muss, dass REALTRAUM e.V. rein ehrenamtlich geleitet wird. Jedes unserer Mitglieder versucht seine eigenen Projekte voranzubringen. Wir freuen uns insgesamt auch über Einladungen von anderen Künstlervereinen aus München oder auch von außerhalb. Unsere Mitglieder haben künstlerisch so verschiedene Schwerpunkte und Interessen, dass es sich immer wieder anbietet, daraus einzelne Projekte zu formen, auch ohne dass der Vereinsvorstand Themen, Ideen oder einen konzeptionellen Rahmen vorgibt. Die Projekte der Mitglieder sollen durch den Verein weiterhin umfassende und professionelle Unterstützung, sowohl in puncto Beratung als auch bei der Öffentlichkeitsarbeit, erfahren. Ich sehe den REALTRAUM auch als künstlerischen Pool oder eine künstlerische Börse, also als einen Ort, an dem sich ergiebige Zusammenschlüsse unter den Künstlern ergeben können.
    Somit würde ich mich freuen, wenn in den nächsten zwei bis drei Jahren von Mitgliedern verschiedene Einzel- und Gruppenprojekte neu erdacht und umgesetzt und vom Verein gefördert werden können.
    Was den muc Verlag betrifft, blicken wir auch hier optimistisch in die Zukunft, siehe hierzu Frage 2a. Wir hoffen auf weitere schöne Buchprojekte. Einige liegen noch in unserer Schublade bzw. befinden sich bereits in den Startlöchern.

    Was unterscheidet die Lyrik-Szene in München von der Szene vergleichbarer anderer Regionen im deutschsprachigen Raum? Wie stellen sich für Sie Indi-Szene und die offizielle Lyrik-Preis-Szene zueinander dar? Aus welchen Quellen werden die stärksten Impulse für die deutschsprachige Lyrik in Zukunft kommen?

    Es scheint uns hier keine riesigen Unterschiede zwischen den einzelnen Städten zu geben. Klar, in Berlin gibt es mehr Underground als in München, da sind also schon Unterschiede auszumachen. Aber die finden sich mehr in der Gewichtung. Letztlich gibt es überall Underground und etablierte Lyrik, Wasserglas-Lesungen und solche in alternativen Kneipen und auf Lesebühnen, überall begeisterte Reimer und solche die Reim und Metrik als zu traditionell ablehnen, Dichter, die verstanden werden wollen, und solche, die hermetische Texte vorziehen, Alte und Junge, Dichter, die vor allem für den Vortrag schreiben, und solche, bei denen das gedruckte Wort der Kern ihres Schaffens ist. Kurzum: Es gibt zahlreiche Trennlinien, die man ausmachen kann. Die sind jedoch erstens alle unscharf und durchlässig, und zweitens scheint uns die Geographie hier nur sehr eingeschränkt als Kriterium geeignet. Was auffällt, ist, dass in der Lyrikpreis-Szene das Gereimte, das Metrische, das Gesprochene recht wenig auftaucht, dass dort vom Inhalt her auch gerne auf hermetische Richtungen, auf Nicht-ganz-Auflösbares gesetzt wird, während in der Indie-Szene Verständlichkeit und der Rückgriff auf traditionelle technische Mittel, unter anderem eben Reim und Rhythmus, recht geläufig sind – aber auch das spiegelt freilich nur Tendenzen wider und kann keineswegs als absolut gesehen werden. Die stärksten Impulse in der Zukunft – nun wer kann das schon genau wissen? Jedenfalls ist hier gerade unter jüngeren Autoren schon länger ein Trend zum Reimgedicht, zum traditionellen poetischen Text zu erkennen, auch zum Humor; zudem hat die Poetry-Slam-Szene einen gewissen Einfluss. Nun werden da oft Bühnentexte geschrieben, die gedruckt häufig nicht so gut funktionieren, aber auch sie prägen gerade jetzt noch ganz junge „Schrift-Dichter“ sicher mit.

    Wie positionieren Sie Ihre Initiative für oder gegen andere ähnliche Initiativen? Sehen Sie die regionale und evtl. auch die europäische Vernetzung als eine Entwicklungslinie Ihres Tuns?

    Der REALTRAUM e.V. fördert die Vernetzung der einzelnen Mitglieder untereinander sowie mit befreundeten Kulturvereinen und -gruppen, kulturellen Institutionen und freien Kunstschaffenden Europas. Vernetzung ist und war uns schon immer sehr wichtig, sowohl mit regionalen Gruppen, Vereinen und Künstlern als auch auf europäischer Ebene. So war der REALTRAUM e.V. etwa vom Wiener Verein Kunstschaffen zu einer Lesung eingeladen, und wir haben die Einladung sehr gerne angenommen. Und wir bekommen immer wieder Einladungen, uns an verschiedenen Ausschreibungen zu beteiligen, wie zuletzt für ein Kunstprojekt in der Schweiz. Unser Status im Vergleich zu ähnlichen Initiativen ist schwer zu beschreiben. Ich denke, wir haben in München einen recht guten und stabilen Stand. Es gibt in München zahlreiche Autoren- und Künstlergruppen. Im Vergleich zu anderen Gruppen sind wir noch sehr jung: Es gibt uns „erst“ seit zwölf Jahren. Auf das, was wir in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben, können wir richtig stolz sein. Vergleiche fallen aber schwer, denn letztlich haben wir unseren ganz eigenen Ansatz und somit auch schon von der Sache her keine direkte Konkurrenz. Außerdem finden wir: Alle Gruppen leisten einen wertvollen Beitrag, um die Kulturlandschaft in München bunter zu machen. Wir sehen uns auch ganz grundsätzlich nicht in Konkurrenz zu anderen Künstlergruppen, wir streben stets die Vernetzung an – und das wäre auch nicht anders, wenn eine Gruppe tatsächlich einmal genau unseren Ansatz verfolgen würde. Da würden wir uns auch darüber freuen, uns gegenseitig unterstützen zu können.

    Die zeitgenössische deutsche Lyrik wird in den Medien und in den Buchhandlungen eher ärmlich abgehandelt. Würden Sie eine Initiative unterstützen, die eine deutsche Bestsellerliste zeitgenössischer Lyrik zum Gegenstand hat?

    Bestsellerlisten sind ja per se eine streitbare Angelegenheit. Klar, sie sind ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit für die gelisteten Titel zu erhalten. Aber die Gefahr besteht, dass sie auch Aufmerksamkeit von den nicht gelisteten abzieht. Als ein Werkzeug, um Lyrik an sich ein Stück weit zu bewerben, kann sie schon geeignet sein. Aber es dürften vor allem große Verlagshäuser und reine Lyrikverlage hier profitieren – wir als kleiner Mischverlag hätten vermutlich nicht allzu viel davon. Zudem stellt sich eine ganz grundsätzliche Frage: Wie will man hier an belastbare Daten gelangen? Dass alle Verlage teilnehmen und auch noch wahrheitsgemäße Angaben machen, dürfte schon kaum zu erreichen sein; zudem entstünde so ein hoher organisatorischer Aufwand für den Listenersteller. Wer könnte und wollte diesen auf Dauer tragen? Und außerdem gibt es noch das grundsätzliche Argument gegen Bestsellerlisten: Warum soll vor allem das beworben werden, was sich ohnehin schon verhältnismäßig gut verkauft? Und wäre eine Bestenliste nicht sinnvoller? Wobei sich bei letzterer Möglichkeit natürlich die Frage aufdrängt, wer sie erstellen könnte und sollte und unter welchen Gesichtspunkten …
    Kurz, wir stehen der Frage der Bestsellerliste durchaus kritisch gegenüber, doch wir lehnen ein solches Verkaufsranking auch nicht grundsätzlich ab. Es kommt für uns vor allem darauf an, wer hier letztlich der Listen-Verantwortliche ist und wie groß die Gesamtbeteiligung unter den Verlagen ausfällt.

    Wir danken nochmals herzlich für das ausführliche Interview und wünschen REALTRAUM und muc-Verlag weiterhin viel Erfolg und gutes Gedeihen!

    Netfinder:
    muc-Verlag: https://www.muc-verlag.de/
    REALTRAUM: http://www.realtraum-muenchen.de

    Die MacherInnen
    Sabine Brandl (erste Vorsitzendes des Vereins),
    Gisela Weinhändler
    Eike Hornauer

     

     

    Similar Category Post

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.