Ariadne

    von Daniel Mylow

    Die letzten Meter müssen wir durch das Meer waten. Frauen, Kinder, Männer mit Rucksäcken und Plastiktüten wie ich. Unsere Füße verschwinden in den kleinen Wellen. Das Wasser ist noch kühl von der Nacht unter dem kalten Glanz der Sterne. Hinter der schimmernden Wasserfläche zerteilt ein einsamer Küstenstrich Himmel und Meer. Salzweißes Frühmorgenlicht liegt auf schwarzen, felsigen Hügeln. Alles wird mit dem neuen Tag verschwinden. Am Strand bleiben Boote und Schwimmwesten zurück.

    Der Weg nach Europa besteht aus vielen kleinen Etappen. Der Müllcontainer des Supermarktes von Mytilini ist eine Etappe. Ich reiße die Kartons auseinander. Aus den Pappstreifen baue ich mir eine Matratze für die Nacht.
    Im Hafenbecken wechseln Schwärme kleiner bunter Fische plötzlich die Richtung. Ihre Schuppen ziehen sprühenden Schaum durch das Wasser.
    „Soll ich deine Wünsche loben, Tarak, nur weil sie unerfüllbar sind? Du lässt Frau und Sohn so einfach zurück? Willst sie nachholen. Was ist das, Tarak, was ist das?“
    Mein Vater hatte mich angesehen und war gegangen. Das war an meinem letzten Abend in Syrien.
    Jemand brachte mich mit einem Bus in eine türkische Küstenstadt. Ihren Namen kannte ich nicht. Zwei Tage harrte ich zusammen mit anderen in einer Pension aus. Die Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Manchmal drang das Gemurmel flüsternder Stimmen an mein Ohr. Ich versuchte an nichts zu denken. Jeder war mit der Hölle seiner Erinnerungen allein. Die 800 Dollar für die Überfahrt hatte ich im Voraus bezahlt. Dann, kurz nach drei am Morgen des dritten Tages, kam ein Mann. Er sagte, das Boot sei jetzt da. Als wir am Strand ankamen, verschwanden die Nachtschatten am Horizont. Niemand hielt das Boot auf.

    Das Meer wohnt in uns. Genau wie die Leere. Eines Tages haben alle vergessen, wie es wirklich war. Wir haben das Meer auf Weiß,- Grau- und Blautöne reduziert. Ein melancholisches Ennui im Postkartenformat.
    Von meinem Haus aus betrachtet sieht das Meer anders aus. Mein Blick bricht an den Wellen. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens wiegen sich bunte Fischerboote im Wellengang. Touristen besetzen Strand und Tavernen. Nachts landen die Flüchtlinge an. 150 jeden Tag. Auf der Ostseite des Hafens türmen sich Pappkartons und Müll und Elend. Die ersten Deutschen fordern ihr Geld zurück. Im Hotel seien Kakerlaken und am Strand ausgezehrte Bürgerkriegsflüchtlinge.
    „Oskar, sei still“, sage ich zu dem Kind.
    „Auf der anderen Seite warten 1,5 Millionen Menschen darauf, überzusetzen. Aber du, Oskar, du hast es geschafft. Du wohnst bei einer wohlhabenden und einsamen Frau mittleren Alters. Du bist hier.“

    „Du bist hier“.
    Ich weiß nicht, ob Oskar mich verstehen kann. Ich kenne weder Alter, Sprache, Land, Namen und Träume dieses Kindes.
    Nachts schlafe ich oft nicht. Ich gehe ans Meer. Ich laufe und laufe. Der Strand ist sternenschwarz, das Meer verzerrt von wässriger Finsternis. Ein Boot gleitet, rollt, taumelt gegen die Wellen. Ich ziehe es an Land. Ich finde drei Leichname und einen kleinen weinenden Jungen.
    Was ich einmal verlor, ist zu mir zurückgekommen. Darf man so etwas denken, denke ich und sperre den Jungen in das Zimmer, in dem auch einmal ein Kind wohnte, das spielte an einem Herbsttag am Meeresufer und kam nicht wieder vom Spielen in das Zimmer, das immer und immer voller blassblauer Leere ist.

    Am Stadtrand steht ein verlassenes Hotel. Zwischen kaputten Scheiben und bröckelndem Putz liegen Matratzen auf dem Boden. Die, die nicht ertrunken sind, schlagen die Zeit tot. Die Registrierung zieht sich lange hin. Dann warten sie auf eine Gelegenheit, das griechische Festland zu erreichen. Es gibt kaum Essen. Der griechische Staat hat kein Geld. Manchmal kochen Frauen aus der Umgebung für die Flüchtlinge. Sie warten vor den meterhohen Zäunen aus drei Rollen Stacheldraht. Es kommt vor, dass jemand stirbt. Kein Ort für Kinder, denke ich.
    Ich gehe jeden Morgen zum Hafen. Ich sehe auf das schwebende Weiß der Fähre nach Athen: ‚Ariadne‘. Die Luft ist voller Wasserstaub. Bevor man fortgeht, ob von  Syrien oder hier, erscheint einem alles wie ein erfühlter Anfang: die Luft, das Wasser, die Einsamkeit.
    Wie es von Athen aus weitergeht, habe ich auswendig gelernt. Nach Thessaloniki, dann über Mazedonien, Serbien, Ungarn nach Österreich und Deutschland. Morgen vielleicht wird es einen freien Platz auf der Fähre geben. Vielleicht übermorgen. Meinem unsicheren Gang merkt man an, dass  ich das Meer niemals verlassen habe.

    Sie kommen über die See. Aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Bangladesch oder dem Irak. Die meisten wissen nicht einmal, dass sie auf einer Insel sind.
    Die Fische auf dem Markt sind vom Eis ummantelt. Erwische ich einen günstigen Moment, darf ich die Abfälle aufsammeln. Eine Frau beobachtet mich. Sie kommt jeden Vormittag um die gleiche Zeit. Gestern hat sie mich mit in ihr Haus genommen. Für einen Euro trage ich ihr die Einkäufe in die Küche. An der Tür bleibt sie stehen. Als wolle sie mir etwas sagen. Und dann weist sie mit ihren schlanken Fingern auf das Meer. Wie schön es um diese Jahreszeit sei. Anders als im Herbst. Ich stimme ihr zögernd zu. Um ein anderes Leben zu bekommen, musst du immer über das Meer. Das macht mir Angst. Aber das sage ich ihr nicht.

    Und ich halte Oskar an meiner Hand. In der anderen den Koffer des anderen Kindes. Der Koffer ist voller Dinge, die ich dem Kind einst kaufte. Oskar und der Mann vom Markt sprechen die gleiche Sprache.
    Ich habe ihnen zugehört. Oskar fing an zu weinen, als der Mann zu singen begann, während er die Einkäufe in das Haus brachte. Der Mann hat mich fragend angesehen. Ich führte ihn zu Oskar.
    Der Mann nimmt den Koffer. Er spricht mit Oskar. Es hört sich an wie der Singsang des Meeres. Ich sehe den beiden nach. Ich sehe ihnen nach, bis ihre Silhouetten am Hafen mit dem Relief der Wasseroberfläche verschmelzen.

    „Oskar, hör mir zu. Wenn dich jemand fragt, dann bist du mein Sohn.“
    Ich muss schlucken.
    „Hast du mich verstanden?“
    Oskar nickt.
    Die ‚Ariadne‘ legt in der Abenddämmerung ab. Das Oberdeck ist voller Menschen. Stumme Möwenschwärme begleiten das Schiff. Auf der anderen Seite des Hafens legen sich die Gestrandeten auf ihre Schlafstatt aus Pappkartons und Kleiderresten. In den Tavernen und Parlamenten streiten sie um Zahlen, Anteile und Quoten. Die Schiffsschrauben ziehen schimmernde Fäden durch das Meer. Wenn man länger darauf sieht, schmerzt es in den Augen. Am Horizont taucht die Insel in das fallende Licht.

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