(K)ein Tor

    (K)ein Tor

    von Jens Kluckhuhn

    Der Trainer legt dem jungen Stürmer die Hände auf die Schulter und schaut ihm in die Augen: „Morgen ist dein letztes Spiel für unseren Verein. Nächste Saison bist du bei den Profis, drehst das ganz große Rad.“

    Oli nickt.

    „Jahrelang habe dich geformt.“

    Oli nickt, obwohl der Trainer einen begabten Stürmer mit Torinstinkt nicht von seinem eigenen Arsch unterscheiden kann.

    „Du hast viele Tore gemacht, und morgen können wir tatsächlich aufsteigen.“

    Oli nickt weiter.

    „Eine Riesenchance für den Club. Mit einem Sieg werden wir Helden.“

    „Ja, Vater.“

    Ahnungslos, was sie sonst noch sagen sollen, stehen sich die Männer noch etwas gegenüber, bis der Trainer letzte Worte spricht: „Versau es nicht.“

     

    Ein Blick auf das Display seines Smartphones zeigt, dass ausgerechnet sein älterer Bruder, der selbst gern Profi wäre, aber über zwei linke Füße verfügt, ihm den Schlaf missgönnt. Stirnrunzelnd nimmt Oli den Anruf an, denn: „Alter, guck mal auf die Uhr!“

    „Ja, Mann, aber ich bin im Honigtöpfchen und …“

    „Was? Du bist im Puff?“

    „ Ja, und ich habe nicht genug Geld, um … äh … den Deckel zu bezahlen.“

    „Ja, und jetzt?“

    „Jetzt kommt mein lieber Bruder mit Kohle hierher und holt mich ab.“

    „Spinnst du? Bist du besoffen? Hast du keine Kreditkarte?“

    „Uff, so viele Fragen. Also, der Reihe nach: nein. Natürlich, nüchtern ohne Kohle im Puff wäre ja wohl echt peinlich. Und: Ja, aber die ist gesperrt.“

    Nach einem sprachlosen Augenblick formuliert Oli einige geschmackvolle Beleidigungen und erinnert seinen Bruder an das bevorstehende Spiel und sein Bedürfnis nach Schlaf, aber Kai sagt: „Ich würde ohne zu zögern das gleiche für Dich tun!“

    „Ha, das glaubst du doch selbst nicht, oder?“

    „Hm. Es ist wohl kein guter Start in deine Profikarriere, wenn dein armer Bruder in negative Schlagzeilen gerät. ‚Hartherzig: Gut situierter Jungstar lässt zahlungsunfähigen Bruder im Puff verkommen ‘, oder so. Stell dir nur mal Vaters Reaktion darauf vor! Haha, das wird lustig!“

    Oli kann plötzlich Kain verstehen, der damals in der Wüste Abel erschlagen hat.

    „Ich komme“, sagt er schließlich.

     

    Oli schleicht wie ein Halbstarker, der sich nachts heimlich mit den Geichpickeligen betrinken will, aus dem Haus. Eine Begegnung mit seinen Eltern würde in einer Katastrophe enden, da es die Nacht vor dem letzten Spiel ist und der Verein, der Olis Vater unendlich viel bedeutet, die einmalige Chance auf den Aufstieg hat. Die Erklärung, nur den besoffenen Bruder aus dem Puff auslösen zu wollen, taugt auch nicht zur Deeskalation, und so befindet Oli sich in einer Loose-Loose Situation.

    Wenig später parkt er am Honigtöpfchen ein. Niemand ist zu sehen, also traut er sich aus dem Auto und sprintet zum Eingang, wo eine rote Laufschrift Werbung für eine nahende Flatrateorgie macht und ihn anstrahlt, bis ihm eine bestrapste Mitarbeiterin öffnet.

    „Guten Abend, herein mit dir“, flötet die Schöne, doch Oli schüttelt den Kopf.

    „Äh … das Taxi für Kai ist da. Sagst du ihm Bescheid?“

    „Sag es ihm doch selbst“.

    Nora und stöckelt mit einladender Geste zur Seite.

    „Nein, ich habe es eilig. Ich habe noch eine andere Fahrt zu erledigen.“

    Nora schaut sich skeptisch um: „Ich sehe kein Taxi. Und dich kenne ich nicht.“

    „Ach, und deshalb kann ich kein Taxifahrer sein, oder was?“

    „Genau. Ich kenne die alle.“

    Sie wartet darauf, dass sich der Typ zum Eintreten entschließt oder sich zum Teufel schert, doch Oli bleibt stur: „Sis, jetzt sag Kai Bescheid. Bitte.“

    „Ach, du bist Kais Bruder? Das ist ja toll. Er hat schon viel von Dir erzählt.“

    Oh oh, denkt Oli.

    „Er sagt, morgen ist das Endspiel, und du bist der Star der Truppe.“

    Eieiei, denkt Oli.

    „Der Idiot soll herauskommen.“

    „Komm herein, der Kai ist noch auf der Julia.“

    „Ohne Geld?“

    Oli kennt die Abläufe im Puff zwar nicht aus erster Hand, aber das wundert ihn dennoch. Nora hebt die Achseln. Dafür bist du jetzt ja da, heißt das wohl.

    „Wir können auch aufs Kuschelsofa.“

    Oli kann die sicher kostspielige Einladung nicht annehmen, da heutzutage jeder Depp ein Smartphone hat und ein Bild von ihm schießen könnte. Was würde aus seiner Karriere werden, wenn ein Foto, das ihn in der Nacht vor dem entscheidenden Spiel im Puff zeigt, an die Öffentlichkeit gelangt? Außerdem denkt er an seine Freundin. Auch, als Nora einen Schritt auf ihn zumacht und ihn so in die Arme nimmt, dass seine Nase in ihrem Dekolleté stecken bleibt. Noras Brüste, stellt Oli fest, sind bretthart, duften aber nach fruchtigem Parfüm. Dann hebt Nora seinen Kopf und küsst ihn auf den Mund. Oli zeigt einen Blick, der je nach Interpretation als verliebt oder grenzdebil durchgeht. Fast gleichzeitig ruft ein Mann – nicht Olis Bruder – „Fertig“, woraufhin Nora sich mit einem „Gute Nacht“ auf dem Absatz umdreht und die massive Tür in Olis dümmlich blickendes Gesicht wirft.

     

    „Tut mir echt leid, das alles“, hickst Kai noch einmal in Olis Ohr, während dieser seinen angemessen betrunkenen Bruder zur Lärmvermeidung motivieren möchte, da sie gerade das gemeinsam mit ihren Eltern bewohnte Haus betreten. Kai nickt auch verständnisvoll, stößt aber bei nächster Gelegenheit eine Vase um, die ihre Gelegenheit nutzt und auf dem gefliesten Boden zerschellt. Sekunden später werden die Brüder von ihren Eltern im Treppenhaus gestellt und ins Kreuzverhör genommen.

     

    Jeder, auch der sogenannte Hausmeister eines Puffs, kann heute dank moderner Medien schnell und bequem kompromittierende Fotos eines angehenden Fußballstars in einem mehr oder weniger sozialen Netzwerk hochladen, doch so agiert Theo F. nicht. Schließlich ist er kein Idiot und weiß, dass damit gutes Geld zu verdienen ist. So dauert es ein paar Stunden, bis eine ortsansässige Zeitung dem Hausmeister seine Bilder abkauft und eins vorab im Internet publiziert. Es zeigt den potenziellen Aufstiegshelden in Umarmung mit einer Professionellen nach einem Besuch im führenden Puff der Region. Dank neuer Technologien kennen es die ersten Besucher des entscheidenden Spiels schon vor dem Anpfiff, und auch in der Kabine des Gastgebers gibt es schon den ersten schrägen Blick eines Mitspielers in Olis Richtung.

    Das Spiel fängt nicht gut an. Kurz nach Anpfiff fragt Olis Gegenspieler: „Wie war es im Puff?“

    „Wovon redest du?“, spielt Oli den Ahnungslosen.

    „Ein Bild von dir ist im Internet aufgetaucht. ‚Vorbereitung auf Aufstiegsendspiel im Puff!‘, heißt es da. Tja, dumm gelaufen, was?“

    Anschließend hat Oli genug damit zu tun, auf den Füßen stehen zu bleiben und sich Gedanken um alles Mögliche zu machen. Über das, was sein Vater sagen wird. Und die Fans. Und seine Freundin erst. Und sein zukünftiger Verein, ach ja, der wird wohl auch etwas dazu zu sagen haben. Das ist doch alles nur ein Missverständnis, aber wer wird das schon glauben? Nur sein Bruder kann die Sache aufklären, doch selbst dann stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit weiter.

    Die erste Halbzeit bleibt torlos und läuft am grübelnden, unkonzentrierten Oli vorbei. In der Pause faltet ihn sein Trainer, der aufgrund seiner Leistung schon sauer auf ihn ist, ohne von der Puffgeschichte auch nur gehört zu haben, zusammen: „Wach endlich auf“, schreit er seinen Sohn an.

    Ein einziges Tor reicht für Sieg und Aufstieg, doch das Spiel bleibt schlecht. Es steht immer noch 0:0, als es zwei Minuten vor dem Abpfiff einen Elfmeter für Olis Mannschaft gibt. Er ist der etatmäßige Schütze, aber seine Beine gehorchen ihm kaum. Seine Mitspieler müssen ihn zum Punkt schubsen.

    Es sind nur elf Meter bis zum Aufstieg, und er hat noch nie einen Strafstoß verschossen. Mit diesem kann er Geschichte schreiben und die Katastrophe, die nach Abpfiff auf ihn wartet, wenigstens etwas abfedern. Das sind seine Gedanken, als ihn der Torwart angrinst: „Bei mir kriegst du in nicht rein“, sagt er und rundet diese Ansage mit einer obszönen Geste ab.

    Als Oli den Ball auf den Punkt legt, ist ihm schwindelig. Es ist laut im Stadion und er spürt eine Anspannung, die er kaum aushalten kann. Er denkt an seinen Bruder, den er für den eigentlichen Täter hält. Seine Freundin, seine Eltern, der neue Verein – alle müssen das doch verstehen, hofft er und wundert sich über die plötzliche Stille im Stadion, als er wieder in der Gegenwart ankommt und sich fragt, wo er den Ball hingeschossen hat. Das Tor des Gegners jedenfalls steht viel weiter unten.

     

    Nach diesem Spiel den Sündenbock zu finden ist für die Presse ganz einfach. Der bisherige Star der Mannschaft, der Top-Torjäger der Liga, hat es verbockt. Er hat nicht nur die Nacht vor dem Spiel rumgesumpft, er hat auch ein grottenschlechtes Spiel gemacht, als Zugabe kurz vor Schluss den entscheidenden Elfmeter auf eine Erdumlaufbahn geschossen und nachhaltig bewiesen, dass er ein nervliches Wrack ist. Ebenfalls grob in Richtung Mond wird der Torjäger außer Dienst von seiner Freundin geschossen, die irgendwelchen abstrusen Geschichten über seinen Bruder kein Gehör schenken will. Auch Olis Eltern zeigen sich enttäuscht darüber, dass er sein eigenes Fehlverhalten dem älteren Bruder anlasten will, und schlagen ihm vor, alsbald woanders zu wohnen. Die Fans verdammen ihn ohnehin, denn für sie ist er verantwortlich für den verpassten Aufstieg, und sein zukünftiger Verein teilt zügig mit, dass man eben nicht mehr der zukünftige Verein ist, weil man an einer Zusammenarbeit mit charakterlich ungeeigneten Spielern kein Interesse hat.

     

    „Prost“, sagt Ole zu Nora, die neben ihm an der Theke im Honigtöpfchen sitzt. „Lass uns feiern.“

    „Was feiern wir denn?“, fragt Nora, die mit ihm anstößt.

    Da bietet sich einiges an. Die wiedererlangte Freiheit als Single oder auch die Loslösung vom Elternhaus, alternativ das Ende einer langen Saison oder der rekordverdächtige Rauswurf bei seinem neuen Verein, der schon vor seinem Dienstantritt erfolgt ist und somit eine außergewöhnliche Leistung darstellt.

    „Meinen Bruder“, sagt Oli schließlich.

    „Darf ich noch was trinken?“, bittet Nora.

    „Klar. Kann nur sein, dass wir nachher meinen Bruder anrufen müssen.“

    „Warum?“

    „Weil ich kein Geld dabei habe“, sagt Oli und lacht, bis ihm die Tränen kommen. Er hat noch nie etwas Komischeres gehört.

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