krach__cover_lay

Rezension: Manche Bücher gibt man gleich wieder weg. Dieses nicht.

besprochen von Dieter Feist

Alexander Hacke: Krach. Verzerrte Erinnerungen. Ventil Verlag Mainz 2025. 304 Seiten, Broschur, 25 Euro. ISDN 978-3-95575-246-0

Ich lese gerne Biografien, und jetzt, da wieder eine vor mir liegt, die ich besprechen soll, überlege ich mir, warum das so ist. Ist nicht ein bisschen Voyeurismus dabei, in private, gar intime Sphären anderer Menschen vorzudringen, die sich nicht wehren können, zum Beispiel, weil sie nicht mehr am Leben sind? Nicht auszuschließen. Oder geht es um ein Vergleichen mit dem eigenen Leben, die Genugtuung, sich im Unterschied zur beschriebenen Person im Zustand von Zufriedenheit und Wohlstand zu befinden, oder aber, umgekehrt das eigene Dasein im Vergleich als bedeutungsarm und langweilig zu konstatieren. Auch das könnte sein. Ist es ein Identifizieren mit den Beschriebenen, ein Hineindenken, Mitfühlen, Hinüberträumen? Aber das wäre ja auch bei jedem Roman so.
Nun, es gibt Menschen, die interessant gelebt haben, die nicht erfunden werden mussten, weil ihr Dasein mit allen Zufälligkeiten einfach stattfand, und vielleicht ist auch von allem zuvor Gesagten etwas dabei, vom Voyeurismus bis zum Mitgefühl. Jemand hat ein Leben für wert befunden, zu beschreiben – und damit mir zu erzählen. Das müssen keine Berühmtheiten sein, um die es da geht, wichtig sind mir als Leser die realen Bezüge zu Orten und Zeiten, die Authentizität unvermittelter Windungen und Brüche. In Romanen gibt es keine Zufälle.

In dem Buch hier vor mir schreibt nicht jemand über eine längst verblichene historische Persönlichkeit, hier erzählt der Musiker Alexander Hacke von seinem eigenen Leben. Anderer Fall. Sollte hier meinem Voyeurismus ein entsprechender Exhibitionismus gegenüberstehen? Mal sehen.
Warum schreibt jemand eine Autobiografie? Aus Eitelkeit? O ja, sowas gibt es. Die Überzeugung von der eigenen Bedeutsamkeit drängt sich unaufhaltsam zwischen den Seiten hervor und wenn alles herausgequollen ist, bleibt in den Seiten nichts mehr übrig. Weg damit! Und erst recht die Sternchen, die mit knapp über dreißig glauben, ihre Memoiren veröffentlichen zu müssen, in der Überzeugung, die Welt hätte nur auf ihre Lebensbeichten gewartet (die in der Regel keiner Absolution bedürfen).

Dieses Buch hier vor mir hat nichts von alldem. Alexander Hacke ist im vergangenen Herbst sechzig geworden, was, so finde ich, durchaus ein Alter ist, in dem zurückgeblickt werden kann, zumal wenn man seit Jugendjahren eine Persönlichkeit der deutschen Rock- und Pop-Geschichte ist. Der junge Alexander ist ein Herumtreiber, ein Schwänzer, ein Schulabbrecher, er geht der bürgerlichen berliner Erwachsenenwelt seiner Eltern verloren, macht Erfahrungen mit Drogen und sozialer Haltlosigkeit, er trudelt durchs Leben und man glaubt nicht, dass er sich doch immer wieder selber fängt. Aus jedem Sumpf, der andere hinabgezogen hätte, entkommt er schließlich doch und ist um eine Erfahrung reicher. Diese Erinnerungen sind nicht eitel, sie sind ehrlich und unprätentiös. Dass Hacke ein wichtiges Mitglied einer der innovativsten Bands im deutschen Musikbusiness war, erschließt sich eher nebenher, nichts wird an die große Glocke gehängt und nichts verharmlost, auch die Drogengeschichten nicht. Aus vielen kleinen Kapiteln setzen sich wie aus Puzzleteilen diese Erinnerungen zusammen, die guten wie die schlechten. „Verzerrt“ wirken sie nicht, eher wach und klar, locker geschrieben, nicht ohne Selbstironie, unspektakulär. Das ist keine Lebensbeichte, aber auch kein plakatives Ich-bereue-nichts; keine Allüren, keinerlei Ach-was-waren-wir-doch-für-Teufelskerle. Von biografischem Exhibitionismus ist das weit entfernt, deshalb gibt es auch zum Voyeurismus keinen Anlass.
Ich lese gerne Biografien.

Fazit?

Erstens: die Einstürzenden Neubauten gehörten bislang nicht zu meinem musikalischen Beuteschema. Angeregt durch das Buch konnte ich einige lohnende Entdeckungen machen.
Zweitens: diese „verzerrten Erinnerungen“ sind ein Zeitdokument, der deutschen Popgeschichte um die letzte Jahrhundertwende, das Buch ist interessant und gut zu lesen, Bilder sind auch drin, und das nicht zu knapp, deshalb folgt
drittens die Empfehlung, es zu erwerben (und natürlich zu lesen).
Viertens darf hier meine obligatorische Bemerkung über den Ventil Verlag nicht fehlen, dem das Verdienst einer profunden und stetig wachsenden Dokumentation der deutschen Popkultur zukommt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert