Cover Der schmale Grat der Vernunft

Gegenwart und Zukunft achtsam und mit Verstand gestalten

Rezension von Anke Blacha

Kirsti Eline Torhaug, Der schmale Grat der Vernunft, Roman, STROUX edition, München, ET: 27.01.2026, Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger; mit finanzieller Unterstützung von NORLA, Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel ,Fornuftens skjøre grense‘ © Pitch Forlag/Bastion AS, Oslo, Norway. 304 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, € 28 [D], ISBN 978-3-948065-42-3

Mehr als 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen Romane wie Der schmale Grat der Vernunft von Kirsti Eline Torhaug, dass die Vergangenheit über Generationen nachwirkt und die Option bietet, die Gegenwart und Zukunft achtsam und mit Verstand zu gestalten.
Kirsti Eline Torhaug, die Nichte des norwegischen Schriftstellers Per Torhaug, der in Deutschland erst Anfang der 2000er durch seinen autobiografischen Roman „Das Waldkommando“ bekannter wurde, verknüpft in ihrem Roman biografische Erlebnisse, historische Realität und literarische Freiheiten auf bewegende Weise miteinander. Mit spürbarer Sensibilität für ihre Protagonist/inn/en und Sprache erzählt die Autorin nicht nur die Lebensgeschichte ihres Onkels, sondern erzeugt zugleich ein vielschichtiges Bild einer Generation und einer Gesellschaft, deren Leben durch Krieg, Verlust und moralische Entscheidungen geprägt wurde.

Die Handlung beginnt mit der Kindheit Per Torhaugs im ländlichen Norwegen, die von Natur, Traditionen und den Strukturen des Dorflebens in den 1920er Jahren geprägt ist. Schon als Kind entwickelt er eine lebhafte Fantasie und tiefe Sehnsucht nach der weiten Welt. Besonders faszinieren ihn Geschichten über Entdecker und Expeditionen. Sein größter Traum besteht darin, eines Tages den Amazonas zu erkunden.
Pers Kindheit ist jedoch nicht nur von Träumen geprägt. In seiner Familie herrscht eine emotionale Distanz, insbesondere zwischen seinen Eltern, deren Beziehung von Spannungen überschattet ist. Trotz dieser schwierigen familiären Atmosphäre findet Per Halt in der engen Bindung zu seinen Geschwistern, insbesondere zu seiner kleinen Schwester Moa. Sie besitzt eine außergewöhnliche Sensibilität und ahnt Ereignisse voraus, die anderen verborgen bleiben. Die Geschwister bilden eine kleine Gemeinschaft innerhalb der Familie, in der sie einander Trost und Unterstützung geben.
Als Per älter wird, bleibt seine Sehnsucht nach Abenteuer bestehen. Ein Schüleraustausch nach Deutschland ist seine erste Auslandsreise – und das ausgerechnet zu den Olympischen Spielen in Berlin 1936. Mit wachem Blick sieht er auf die Gesellschaft unter Hitler, die Zwiespälte und Widersprüche, die sich im privaten und öffentlichen Raum deutlich zeigen. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird auch Norwegen in die politischen und militärischen Konflikte hineingezogen. 1940 besetzt die deutsche Wehrmacht das Land, und die bisherige Ruhe des Dorflebens wird von Angst, Unsicherheit und politischen Spannungen überschattet. Per steht vor der Frage, wie er auf die Besatzung reagieren soll. Während manche versuchen, sich anzupassen oder den Konflikt zu vermeiden, empfindet er die Situation als unerträglich. Gemeinsam mit seinem engen Freund Helmer beschließt er, aktiv Widerstand zu leisten.
Die beiden jungen Männer entwickeln den Plan, nach England zu gelangen. Dort wollen sie sich den alliierten Streitkräften anschließen und am Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland teilnehmen. Ihr Fluchtversuch erfolgt über eines der sogenannten „Kvarstadt-Schiffe“, mit denen mehrere norwegische Schiffe während des Krieges versuchten, die Blockade zu durchbrechen. Doch ihr Vorhaben scheitert. Per und Helmer werden gefasst und verhaftet.
Die beiden Freunde werden in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Dort verbringen sie mehrere Jahre als sogenannte „Nacht-und-Nebel-Gefangene“. Diese Bezeichnung wurde für Gefangene verwendet, die ohne öffentliche Bekanntmachung verschleppt wurden und oft spurlos verschwanden. Im Lager müssen Per und Helmer unter extremen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Besonders prägend ist die Zeit im sogenannten Waldkommando, einer Arbeitsgruppe, die schwere körperliche Arbeit unter grausamen Bedingungen verrichten muss. Hunger, Gewalt, Krankheit und die ständige Angst vor dem Tod bestimmen den Alltag der Gefangenen.

In dieser extremen Situation zeigt sich die zentrale Kraft des Romans: die Fähigkeit des Menschen, selbst unter unmenschlichen Bedingungen Hoffnung zu bewahren. Für Per sind es vor allem seine Erinnerungen, die ihm helfen zu überleben. In Gedanken kehrt er immer wieder in sein Dorf zurück – zu den Landschaften seiner Kindheit, zu seiner Familie und zu den Träumen, die ihn früher getragen haben. Diese inneren Bilder werden zu einem Schutzraum gegen die Grausamkeit der Lagerrealität. Gleichzeitig bleibt die Freundschaft zu Helmer ein entscheidender Halt. Ihre gegenseitige Unterstützung hilft ihnen, nicht vollständig zu verzweifeln.
Der Roman schildert diese Lagerzeit nicht nur als historische Erfahrung, sondern auch als tiefgreifende psychologische Veränderung. Per muss erleben, wie Menschen unter extremem Druck ihre moralischen Grenzen verlieren, während andere eine erstaunliche Stärke entwickeln. Die Erfahrung des Lagers zerstört viele seiner früheren Gewissheiten über die Welt.
Per überlebt das KZ und kehrt in seine Heimat zurück. Doch die Rückkehr bedeutet nicht automatisch Erlösung. Die Jahre der Gefangenschaft haben tiefe Spuren hinterlassen. Er fühlt sich fremd in der Welt, die er einst verlassen hat. Die Menschen um ihn herum versuchen, wieder ein normales Leben aufzubauen, doch für Per erscheint diese Normalität unerreichbar. Viele Erinnerungen aus dem Lager verfolgen ihn weiterhin. Gleichzeitig bleibt das Schicksal seines Freundes Helmer lange ungewiss, was seine innere Unruhe verstärkt.

Die Nachkriegszeit wird im Roman als Phase der Orientierungslosigkeit beschrieben. Während die Gesellschaft nach vorne blickt und versucht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ringt Per mit seinen eigenen Erfahrungen. Er hat das Gefühl, dass zwischen ihm und der Welt ein unsichtbarer Abstand entstanden ist. Die Träume seiner Jugend – Abenteuer, Entdeckungsreisen und Freiheit – erscheinen plötzlich weit entfernt. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach Sinn und nach einem neuen Anfang bestehen.
Der Roman endet nicht mit einer einfachen Lösung, sondern mit einer offenen Perspektive. Per bleibt ein Mensch, der von seinen Erfahrungen geprägt ist und mit ihnen leben muss. Die Geschichte zeigt, dass menschliche Vernunft, Moral und Hoffnung immer auf einem schmalen Grat stehen – bedroht durch Gewalt, Angst und politische Extremismen, aber gleichzeitig getragen von Freundschaft, Erinnerung und der Fähigkeit des Menschen, auch nach schwersten Erfahrungen weiterzuleben.

Kirsti Eline Torhaug spannt den nicht-chronologischen Bogen von der Kindheit und Jugend Per Torhaug im ländlichen Norwegen und seiner Gefangenschaft im KZ Sachsenhausen bis hin zu seiner Rückkehr und der emotionalen Zerrissenheit im Nachkriegs Norwegen. Mit ihren feinen Beobachtungen, wie der junge Per vertieft in Bücher in andere Welten eintaucht oder als liebevoller „großer“ Bruder seine kleine Schwester Moa beschützt, zeichnet Torhaug direkt zu Beginn des Romans Pers Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Fast brutal wechselt Torhaug immer wieder in die unmenschliche, gewaltvolle Realität im KZ Sachsenhausen. Die Sprache wird düsterer, eindringlicher – Schmerz, Verzweiflung, Hoffnung und Menschlichkeit unter den KZ-Insassen werden spürbar, insbesondere als Pers Freund Helmer kurz vor Ende des Kriegs schwer erkrankt und auf einen Krankentransport in den sicheren Tod geschickt wird. Bei aller Grausamkeit gelingt es Torhaug immer wieder, den Blick auf die inneren Prozesse der Figuren zu lenken: auf ihre Erinnerungen, ihre Ängste und ihre Hoffnungen. Besonders die Freundschaft zwischen Per und seinem Freund Helmer zeigt, wie menschliche Nähe selbst unter extremen Bedingungen Halt geben kann.
Dass das Ende der Gewalt nicht automatisch bedeutet, dass auch die inneren Wunden heilen müssen, stellt Kirsti Eline Torhaug auf den letzten Seiten ihres Romans nach der Rückkehr Pers nach Norwegen da. Wie in ein normales Leben zurückzufinden nach den Schrecken im KZ, nach der schmerzhaften Erkenntnis, dass seine geliebte Schwester während des Krieges gestorben ist, und wenn alle um einen herum ein „normales“ Leben führen? Torhaug zeigt eindrucksvoll, wie Erinnerungen und Traumata das Leben eines Menschen auf immer prägen können.
Stilistisch zeichnet sich das Buch durch eine ruhige, klare Sprache aus, die zugleich poetisch und präzise wirkt. Torhaug verbindet die Erfahrungen ihres Onkels mit historischen Ereignissen und fiktionalen Elementen und schafft dadurch eine Erzählung, die sowohl als Familiengeschichte als auch als historischer Roman gelesen werden kann. Darüber hinaus gelingt es ihr, grundlegende Fragen nach Moral, Verantwortung und der Widerstandskraft des Menschen aufzuzeigen. Er zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung sein kann – und wie wichtig Freundschaft, Erinnerung und innere Stärke sind, um diese Grenze zu überwinden. Das macht „Der schmale Grat der Vernunft“ zu einem hochaktuellen und absolut lesenswerten Roman.

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