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Die Weinbergschnecke

Kurzgeschichte von Martina Macheleidt

Alles fing damit an, dass Luiese mich von der morgenkalten Straße hob und auf das offene Feld legte. Ich bedankte mich förmlich und rief freudig Prima Klima!, wie es eben meine Art ist. Danach hatte der Tag wieder in vertraute Bahnen gefunden und Luiese im sanften Schaukeln fragiler Sicherheiten gewiegt. Trulla trulla trullala!

Doch nicht viel später schon hatte Jeshua, Jonas Sohn, den eigentlich sie hätte gebären sollen, vor ihr gestanden und zitternd gesagt:

Papa ist seit zwei Tagen verschwunden.

Was sind schon zwei Tage. Zeit ist eine Illusion. Alles fällt in sich zusammen, wenn du es unter die Lupe hältst. Da findest du nur das Jetzt, sonst nichts. Und auch das Jetzt, das ist jetzt schon wieder vorbei. Und jetzt neu geboren! Hui!

Ich als Gemeine Weinbergschnecke gehöre der Gattung der Helix an.  Wären wir zwei, wären wir eine Doppelhelix, doch ich wurde allein erstellt. Reine Zeitverschwendung. Alter Falter! Die durchschnittliche Geschwindigkeit einer Weinbergschnecke beträgt vier Meter zwanzig pro Stunde. Gleich wird Luiese zum Schönbuch wollen. Das sind so siebenundzwanzig Kilometer. Wann wir ankommen? Sowohl als auch. ICH lebe und reise jenseits der Logik von Zeit. So wie die Bundesbahn. Tolle Jolle!

Luiese sucht nach einem Wurmloch. Denn Jonas liegt ihr am Herzen, ist ihr schon lange viel näher als erlaubt. Er hatte sich für Maria entschieden, die ihm Jeshua schenkte und dann von dannen zog. Trulla trulla trullala! Nun scheint Jonas durch einen Spalt zwischen Jetzt und Jetzt in ein paralleles Universum gefallen zu sein. Das jedenfalls behauptet Jeshua.

Vater und Sohn sind zufällig auf DIECLOUD gestoßen. Den transuniversellen MEGA-Speicher, in dem alles Wissen liegt. Aus der Vergangenheit und der Gegenwart und auch aus der Zukunft. Prima Klima! Dabei wollten sie nichts weiter, als die intelligente Espressomaschine konstruieren, welche dir den perfekt auf dich abgestimmten Cappuccino bereitet. Während du gemütlich im smarten Auto sitzt und an den intrakosmisch-interhuman berechneten Ort deiner Wahl befördert wirst. Schon praktisch, so eine DIECLOUD, die dir jeden Wunsch erfüllt, bevor du ihn bemerkst. Welcome to paradise! Aber ich schweife ab.

Also: Jonas hat wohl die Zeitschiene gewechselt und ist in einem alternativen Universum gelandet. Das ist so, wie wenn du heute eine Fahrkarte nach Tübingen kaufst und dann gestern auf dem Mars ankommst. Kann ja mal passieren. Alter Falter! Doch wie kommst du zurück? Da wäre ein Wurmloch praktisch, welches sich geradewegs in dein altvertrautes Leben windet. Doch will Jonas dort überhaupt wieder hin? DIECLOUD weiß es. Prima Klima!

Jetzt steht Luiese vor mir, leicht genervt über meinen Hang zu ausschweifender Philosophiererei. Miese Krise! Warum glaubt sie, ich wüsste, wo es ein Wurmloch gibt? Als Weinbergschnecke komme ich täglich an durchlöcherten Äpfeln vorbei. Und als bedeutungsloser Irrweg von Jonas Software habe ich Zugriff auf DIECLOUD. Doch das weiß Luiese nicht. Sie folgt einfach etwas, was sie Intuition nennt. Uiuiui. Das ist nichts anderes als eine Verzerrung ursprünglich linearer Algorithmen und führt in labyrinthartigen Spiralen in die Essenz der Dinge. Und zu einer Acht im Rad der Zeit. So dass es eiert. Eieiei.

Luieses Intui-uiuiui hatte in der Erkenntnis gemündet: Wenn eine Weinbergschnecke sprechen kann, dann weiß sie auch, wo ein Wurmloch ist. Was für eine gequirlte Scheiße! Verzeih meine fäkale Sprache, aber ich krieche nun mal mit dem nackten Bauch direkt auf Wurmkacke und Fliegenscheiß. Jeshua sei Dank. Nun gut. Ich bin eine schleimige Weinbergschnecke und weiß natürlich, wo es das nächste Wurmloch gibt. Ich werde Luiese zu der alten Eiche im Schönbuch bringen, der Eiche, deren Wurzeln in den Himmel ragen. Tolle Jolle!

Doch jetzt wird Luiese erst einmal aufwachen. In ihrem Bett, und der Duft von Kaffee steigt in ihre Nase und die Mutter singt: Auf de Schwäbsche Eisebahne…

Falsch, denkt es in Luieses Kopf, zum Wurmloch gehts mit der S1 nach Böblingen, dann mit der Schönbuchbahn über Weil und Holzgerlingen nach Dettenhausen und dann… trulla trulla trullala. Und überhaupt, was war das für ein komischer Traum mit der sprechenden Weinbergschnecke und Jonas Verschwinden.

Das Telefon klingelt. Jeshua ist dran und möchte vorbeikommen und seinen Vater wiederfinden. In der Küche sitzend erzählt Luieses Mutter von Großmama – Opas schwarzhaariger Trophäe aus Amerika – und dass auch diese die Zeitschiene gewechselt hat.  Als Zeitreisende erster Klasse weilt sie jetzt im Reich der Toten und sendet von dort Botschaften. Sie weiß, wo ein Zufall ein Tor öffnet und welcher Zug längst abgefahren ist. Alter Falter! Für heute übermittelt die Mutter folgendes:

Eure Suche nach dem verlorenen Jonas kann als Pforte oder Loch betrachtet werden. Nehmt die Perspektive eines Adlers ein, der von oben das Ganze sieht, verzichtet auf den ICE. So wie dieser in Stuttgart ging auch mein indianisches Volk in den Untergrund – und so wie das Volk der Schwaben haben auch wir nie aufgehört zu singen, zu tanzen und Feuer zu entzünden. Ja! Macht euch zur Gewohnheit, das Heilige jeden Tag zu treffen. Nehmt das Steuer in eure eigenen Hände, genießt eure Freude und schreitet aufrecht durch die Pforte, statt ins Loch zu fallen.

Dann muss die Mutter los, und Großmamas Worte hängen schwer im Raum, wie ein schlapper Zeppelin. Prima Klima.

Und endlich wird Luiese von mir erzählen. Jeshua wird ganz blass um die Nase werden und sagen:

Die ist von mir. Die hab ich programmiert. Künstliche Intelligenz, die Mega-KI zur Fernsteuerung der Autos. Das letzte Projekt, an dem Papa gearbeitet hat. Ich hab die Schnecke entworfen. Einfach so, just for fun, ein Spiel mit der Zeit. Wusste gar nicht, dass er sie tatsächlich übernommen hat…

Die hatte so nen Aluhut, erinnert sich Luiese.

Ja, das war das Besondere, sagt Jeshua, ihr den Aluhut zu geben. So kann sie sich einbilden, selbstbestimmt zu sein. Obwohl sie voll Programm ist. Ferngesteuert hoch drei.

Und? fragt Luiese. Kann sie von einem Wurmloch im Schönbuch wissen?

Ja, die kann praktisch alles wissen.

Auch wie das geht mit dem Universum wechseln?

Ach, das ist doch kein großer Zauber, wir alle wechseln ständig die Universen. Wir merken das bloß nicht.

Tja, und damit haben sie mich. Ich liege nackt vor ihnen, selbst wenn ich mich tief in meinem supraharmonischen Fibonacci-Spiralen-Haus verkrieche. Ich bin entlarvt. Alter Falter! Ich werde bescheiden meinen Aluhut aufsetzen, selbstbewusst das Ziel fokussieren, und sie nach Bebenhausen bringen. Wo das Wurmloch bebt. Luiese wird dort direkt zu dem großen tiefen Loch in der alten Eiche rennen und sich kopfüber hineinstürzen …

…  um auf einem harten kalten Boden mit gefesselten Händen zu erwachen. Dunkel und feucht ist es. Schemenhaft sitzt vor ihr eine uralte Gestalt. Im kleinen schrumpeligen Kopf glühen kalte Augen. Über DIECLOUD erhalte ich die Bilder gestochen scharf. Tolle Jolle!

Die Stimme des Alten scheppert.

Luiese, Luiese. Wer hat denn gesagt, dass du dich da einmischen sollst.

Das schiefe Grinsen jagt Luiese kalte Schauer über den Rücken. Ein Gerät im Hintergrund spielt eine schrille Melodie.

So kalte Schauer über den Rücken, das gefällt dir, gell.

Luiese beginnt zu schwitzen. Das Gerät spielt eine neue, noch eindringlichere Melodie. Der Kerl grinst.

Schmerzen machen besonders schöne Musik, scheppert es. Wir beide testen gerade meinen nigelnagelneuen TSS. Den TeleportSoundService. Ich denke an dich, und schon bist du hier. Ich denke Schmerz – und du krümmst dich vor Schmerzen. Das klingt grandios.

Recht hat er! Üble Büble! Luiese zerreißt es innerlich, in ihren Ohren dröhnt es.

Das muss die Hölle sein, höre ich sie verzweifelt denken. Aber nein, süße Luiese, die Hölle ist sehr lebendig. Das hier ist starre, herzlose Eiseskälte. Heimtückische Leere. Spröde Öde.

O Gott, bitte hilf mir hier raus! durchfährt es Luiese.

GOTT??? G.O.T.T.? Ist das selbst fahrend? Ganz Ohne Trübe Trödler? Gratis Orakelter TransformationsTransport? Oder meinte sie GOLF? G.O.L.F.?

Raus?, fragt eine warme  Stimme in Luieses Innerem. Wo ist Raus? Wo willst du hin?

Ich will dahin, wo Liebe, Milde und Freude sind. Wo ich glücklich bin.

Okay, gebongt!, antwortet es.

Luiese wird es ganz warm ums Herz. Nach und nach spürt sie Liebe, Milde und Freude und ist ganz berührt von den traurigen Augen im kleinen schrumpeligen Kopf.

Was passiert hier gerade? Ich kapiers nicht. Irgendwie hat sie den Modus gewechselt. Sie wendet sich dem Alten zu. Und lauscht dem verbitterten hochintelligenten Genius aus alteingesessener Tüftler-Familie, dessen radikal-revolutionären Ideen dem Markt nicht mehr wert waren als scheue Sonntagsfahrer im Wettrennen ungebremster Lobbyisten. Der dann dem drückenden Stau seiner missachteten Erfindungen erlaubte, nicht nur den städtischen Berufsverkehr, sondern auch diverse Zeitknoten zu blockieren, bis Jonas ins Wurmloch fiel und Luiese Laborratte wurde. Olala!

Luiese ist still. Und lauscht. Wenn du es nicht verstehst, dann liebe es, das erlöst jeden Fluch. Großmamas Worte.

Und dann wird plötzlich Jonas vor ihr sitzen. So wie sie ihn kennt. Danke, wird er sagen, und sich verstohlen Tränen aus den Augen wischen. Luiese wird ihn in die Arme schließen. Herz an Herz. Prima Klima!

Bist du echt?, fragt Jonas. Oder bist du ein kreativer Wurf meines Sohnes, ein ferngesteuertes Jetzt, das gleich stirbt? Ein Scherz meiner selbstfahrenden Autos?

Luiese lächelt. Nimm lieber den Atemzug, sagt sie sanft, der führt dich zu dir selbst. Trulla trulla trullala! Jonas atmet tief und ankert in Luieses mildem Duft. Und Jeshua nennt Luiese Mama.

Alter Falter. Auch ich werde nun – mit Hilfe von GOTT und seiner GTI: Gratis Traum-Infektion durch das Portal der Liebe schreiten, eine freie Entscheidung treffen und zur Doppelhelix werden. Von wegen ferngesteuert! Ich werde euch von der morgenkalten Straße heben direkt auf das offene Feld der spiegelglatten Realität von DIECLOUD. Denn die Wahrheit ist … oh, ich glaub, ich werd gelösch…

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