Thomas Rackwitz neophyten

Zarte, neue, frische, Pflänzchen

    Rezension von Walther

    Thomas Rackwitz, neophyten, gedichte, Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 2020, ISBN 978-3-96311-344-4, 83 S., Taschenbuch, 12,00 Euro

    Kann denn Dichtung so leicht sein. Kann sie. Was nicht heißt, dass es leicht ist, leichte Lyrik zu schreiben. Nein, das ist Arbeit. Vor allen Sonettkränze, eine der Spezialitäten des Autors. Er verriet dem Rezensenten hinter vorgehaltener Hand, dass die beiden Sonettkränze aus einem ganzen Ring von Sonettkränzen mit insgesamt 211 Sonetten entstammten. Der Rezensent gibt zu, gerade selbst seinen ersten zu bauen. Es ist schwer. Leichte, fluffige, stimmige Sonettkränze zu schreiben.

    Das erste Meistersonett, die Nummer 15 jedes Kranzes, haben wir bereits als Gedicht des Monats April vorgestellt. Als Beispiel wollen wir in dieser Besprechung das Meistersonett des zweiten Kranzes übertragen:

    REQUIEM – für Marion Rackwitz

    hast du das meer gesehn im wintermond
    verzeih, was wiegt das leben überhaupt?
    der kielgeholten atem wohnt
    in jeder welle, die an ufer glaubt.

    man sagt, das gestern läge auf dem grund
    der stundengläser, die zerbrochen sind,
    am wendepunkt der dunklen zeiten sund,
    quartier für qualle. Flunder, dorsch und stint.

    da, wo der dreizack jedes netz zerriss,
    setzt sich der styxschlamm in den fugen fest.
    kein regen gibt zurück, was je verschwand.

    hast du das meer geseh, kennst du die finsternis,
    im traum, der dich nicht schlafen lässt.
    das meer, es liest den toten aus der hand.

    Zwei Dinge sind an diesem Sonett, das auf S. 69 des Bands zu finden wäre, schlüge man ihn jetzt auf, bemerkenswert. Das erste ist, wie sinnstiftend dieser Meistersonett ausgefallen ist. Wer Sonettkränze weniger geübten und talentierterer Autor*innen gelesen hat, weiß um die Schwierigkeit, das zu erschaffen. Nun muss der Leser dieser Zeilen die anderen 14 Sonette erst noch lesen, um dieser Einschätzung auf den Grund zu gehen, also nach dem Gestern in den Stundengläsern zu suchen: ein schon logisch sehr spannender Versuch.

    Zweitens: Die Beckmesser werden darüber stolpern, dass die äußere Form nicht perfekt im Sinne von traditionell. Sie, welche Blasphemie, spart sich sogar in zwei Versen den 5. Takt. Wer das Gedicht allerdings rezitiert, wird rasch bemerken, dass das gar nicht auffällt. Das Sonett ist ein Klanggedicht, und so will es auch behandelt werden.

    DIE FREMDE

    während sie schlief,
    war jeder atemzug
    wie ein kurzes erinnern,
    flüsterte sie
    von einem geheimnis
    oder dreht sich um
    mit der zeit,
    während sie schlief,
    lag sphinxstaub
    auf ihren lidern.

    Der Autor kann auch freie Verse, wie man auf S. 72 liest (das kann er übrigens nicht nur dort, denn Gereimtes und Ungereimtes ist in diesem Band fast gleich verteilt). Und er kann es hervorragend, wie man sehr rasch erkennt. Allein die letzten drei Verse sind den gesamten Band schon fast wert.

    Womit wir beim Fazit angelangt werden: Wer den Band erwirbt, wird zustimmen, dass man 12 Euro auch schon für Sachen angelegt hat, die weniger Freude gemacht haben. Man sollte das Büchlein also getrost erwerben. Zum Verschenken oder in den Schrank Dekorieren ist es allerdings viel zu schade. Es will und sollte gelesen werden.

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