Goldwaller 2

    von Thyra Thorn

    Beim Näherkommen erweist sich die langgezogene goldene Wolke, deren Lichtreflexe sie seit ein paar Kilometer locken, als Abbild des Weltspermiums. Es thront auf einem dreißigstöckigen Gebäude, einem imposanten schwarzen quadratischen Kubus. Als sie unmittelbar davorstehen, können sie dessen seitliche Dimensionen visuell nicht mehr erfassen. Das Schwarz reicht bis zum Ende der Straße, bis zum Rand ihrer Welt.
    Man hat sie erwischt und herbeordert.

    Vor über sechsunddreißig Stunden haben sie ihre kleine Stadt verlassen müssen und sich stundenlang mit uralten E-Gleitern durch Funklöcher gequält, bis sie an einem der zentralen Verkehrsknoten endlich in ein Solarschiff haben umsteigen können. Jetzt stehen sie in der Hauptstadt vor der Zentralverwaltung und wissen nicht, ob sie jemals zurückkehren dürfen. Ob es ihnen erlaubt wird, ihren Platz in der kleinen heimatlichen Gemeinschaft wieder einzunehmen und das goldene Urspermium, das zentrale und wichtigste Heiligtum der Menschheit, weiter zu bewachen und zu pflegen. Eine der ehrenvollsten und zugleich letzten Aufgaben, die der Weltstaat humanen Individuen anvertraut.

    „Wächter M6778 und W5433“, knarzt der Avatar am Tor, eine Abfolge dreidimensionaler Codes auf dem Display, in denen ihr gesamtes Leben, medizinische Werte, psychologische Testergebnise, etc., gespeichert sind. „Aufgang 349, Raum 2338.“
    Sie wissen, dass sie nichts leugnen können. Ihr ganzes Leben wird aufgezeichnet, vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug, die Datenmengen minutiös ausgewertet. Ihre Psyche ist bis ins Letzte erforscht, selbst kleinste Unregelmäßigkeiten sind berücksichtigt. Wie jedes humane Wesen belügen sie sich zwar relativ oft selbst, täuschen sich in ihren Motiven und Zielen, aber die Programme können sie nicht in die Irre führen.
    „Ihre Psychoprofile haben sich signifikant verändert, bei M6778 seit zweihundertneun, bei W5433 seit einundvierzig Tagen“, konstatiert der Avatar in Raum 2338, „W5433, äußern Sie sich.“
    „Die körperliche Leidenschaft riss mich mit, und ich vereinigte mich mit M6778. Ich bin schwanger.“
    „Wir kennen Ihre Urinwerte.“
    Der Avatar richtet sein Kameraauge auf M6778.
    „Es ist die Arbeit im Fruchtbarkeitstempel. Jeden Tag muss ich mitansehen, wie nackte Frauen auf dem Urspermium reiten. Schließlich ließ ich mich zu sexuellem Kontakt mit W5433 verführen.“
    „Dafür sind Sie nicht eingestellt worden. Sie beide werden in das Randgebiet N 2344 versetzt.
    „Der Mond!“, flüstert M6778. W5433 bricht in Tränen aus.

    *****

    Die kleine Stadt, in der vor circa vierhundert Jahren plötzlich das goldene Wunder vor einem Heimatmuseum erschien, liegt in einem sehr unterentwickelten Randgebiet. Mit Absicht hat man diesen Bezirk in einem annähernd ursprünglichen Zustand belassen, weil der Schöpfungsmythos des Staates in mystischem Dunkel bleiben soll: Ihm zufolge stieg eine Gottheit aus dem nahen Fluß, verlor ihre fischartige Gestalt, verwandelte sich in den goldenen Samen und befruchtet seitdem die Frauen.
    Ohne das Urspermium, das durch und durch von außerweltlicher Substanz sei, gäbe es keine erneuerte und bessere Menschheit!

    Seitdem reiten gebärwillige Frauen auf der Skulptur, um ein paar Atome der Göttlichkeit in sich aufzunehmen, die letzten zehn Jahre unter der Aufsicht von W5433 und M6778.
    Ein einziges Mal jedoch war von den treuen Wächtern eine halbe Stunde lang nichts zu sehen. In genau in diesem Zeitraum drangen zwei vermummte Männer in den Tempel, verscheuchten die nackten Gläubigen, zogen Hammer und Meißel aus ihrem Rucksack, brachen zwei goldene Stückchen aus des Spermiums Schwanz und entkamen unerkannt.
    Sofort wurde die Anlage geschlossen. Innerhalb weniger Stunden war die schadhafte Stelle repariert und frisches Blattgold aufgetragen. Ebenso wie W5433 und M6778 werden auch alle anderen menschlichen Mitarbeiter im Tempel auf den Mond versetzt, um dort schwere Fronarbeit zu leisten, Gold und Helium-3 zu verladen und zur Erde zu transportieren. Alle freien Stellen nehmen Avatare ein. Kein Wort dringt an die Öffentlichkeit, das Nachahmer provozieren könnte.

    Doch entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen fallen seither die visuellen Überwachungssysteme im Tempel aus, die Bilder können nicht mehr übertragen werden. Datenflüsse sind gestört. Roboter senden unverständliche Botschaften. Auf einmal benehmen sich auch die Gläubigen seltsam. Die Frauen scheinen zwar immer noch auf der Skulptur zu reiten, lassen es dabei aber an der nötigen Ehrfurcht fehlen. Ab und an hört man sie lachen, Schmählieder werden gesungen.
    Ein obszönes Graffiti, das einen Penis und die Frau des Weltenlenkers zeigt, taucht auf der Vorderwand des nahen Heimatmuseums auf. Doch da auch sämtliche Überwachungskameras rund um die bayerische Bildungseinrichtung regelmäßig demontiert oder unbrauchbar gemacht werden, kann man die Frevler nicht identifizieren.

    In alle Richtungen breiten sich geheime Botschaften im Untergrund aus. Der Graffitisprayer findet überall Nachahmer, die Ästhetik staatlicher Prestigearchitektur wird durch Strichmännchen und gekritzelte Schriftzüge gestört. Errungenschaften wie Erziehungstempel, Zukunfts– und Heimatmuseen werden nicht mehr regelmäßig aufgesucht, bisweilen sogar völlig boykottiert. Frauen haben Geschlechtsverkehr, ohne zuvor auf dem Urspermium geritten zu sein. Kinder werden geboren, denen kein Ortungschip implantiert werden kann. Die Verwaltung weiß nicht mehr, wo genau sich die Untertanen befinden, die Randgebiete können nicht mehr adäquat überwacht werden und driften immer weiter vom Zentrum weg.

    Die Experten in den höchsten Weltlenkungsebenen müssen hilflos mitansehen, wie überall Unregelmäßigkeiten und Fehler, die größten Feinde des Systems, ihre hässlichen Häupter in die Höhe recken; wie Logik im Absurden mündet und sich die Vorausberechenbarkeit der Menschen als Chimäre erweist; wie das Minderwertige, Schlechtere, die ‚zweite Wahl‘ unverschämte Ansprüche erhebt.
    Im Zentrum, direkt vor der Welthauptverwaltung, bezeichnet ein Subversiver das Abbild des Urspermiums auf dem Dach lauthals als ‚goldene Kacke‘. Sofort nehmen andere den unanständigen Ausdruck auf, wiederholen ihn viele hundert Male, verbreiten ihn im gesamten Staat, sprühen ihn an Wände, drucken ihn auf Flugblätter, lassen Flugzeuge mit Schriftbändern am Himmel erscheinen, skandieren bei Protestmärschen die ungeheure Schmähung. „Goldene Kacke, goldene Kacke, goldene Kacke.“
    Schließlich verschwindet ein Transporter bei seiner Rückkehr vom Mond und ist nicht mehr aufzufinden. Damit wird das gesamte Ausmass der Katastrophe, der tödliche Ernst der Lage offenbar. Die Aufständischen haben es offenbar auf die staatliche Energieversorgung abgesehen. Wenn es ihnen gelingt, den Helium-3 Nachschub vom Mond gänzlich zu sabotieren, wird die Weltregierung auf die Autonomieforderungen der Randgebiete eingehen müssen.
    Auf offizieller Seite findet man keine Erklärung für dieses zerstörerische Verhalten.

    *****

    Was hatte dieses Debakel ausgelöst?

    Erwin und Herbert Obermaier, deren Vorfahr im Weltschöpfungsmythos auch schon eine dubiose Rolle spielte, hatten sich zum ersten Mal Zugang zum Allerheiligsten verschafft, als es M6778 und W5433 miteinander trieben. Evi, die Nachfahrin einer gewissen Käsbauer, einstmals Stadträtin in der Ursprungsstadt, hatte die Überwachungssoftware gehackt. Die drei hatten das Innerste des Tempels erkunden und prüfen wollen, ob das Urspermium wirklich überirdischer Herkunft sei. Die anschließende Untersuchung der aus dem Schwanz gelösten Proben brachte es an den Tag. Die Skulptur bestand aus einer Mischung irdischer Metalle, ohne jede Spur von Göttlichem.
    Eine Welt brach für die drei jungen Menschen zusammen. Zeit ihres Lebens waren sie getäuscht worden. Wie Schuppen fiel es ihnen von den Augen – der Staat ist auf einer Lüge aufgebaut.

    Sie dringen erneut ins Heiligste ein. Mit einem stabilen Akkubohrer setzt Erwin beiderseitig des Kopfes und des Rumpfes insgesamt vier Löcher. Sie filmen sich dabei für´s weltweite Darknet. Deutlich sieht man Metallstückchen zu Boden und Blattgold zu Staub zerfallen.
    „Es war alles eine Täuschung. Das ist keine außerirdische Substanz“, richtet sich Evi an die Zuschauer, „seht genau hin!“
    „Von wegen göttlicher Samen! Simples Metall.“
    „Daraus wird nie etwas sprießen. Keine Perfektion, kein Heil, kein Fortschritt, keine Erlösung.“
    „Alles Lüge.“
    „Wir müssen weiterhin in dieser Weltstaatsmaschine funktionieren, genau wie alle anderen Roboter. Die da oben sahnen bis in alle Ewigkeit ab. Wer sich die prähistorische Geschichte anschaut, merkt, dass es nie anders war und sich vermutlich auch nie ändern wird.“
    „Keine Hoffnung, kein Paradies.“
    „Das Establishment hat uns getäuscht.“
    Herbert und Evi passen vorgefertigte Metallflossen und zwei Barten in die Löcher ein.
    „Seht euch genau an, worauf die brünstigen Weiber die ganze Zeit geritten sind“, grinst Erwin in die Kamera, „das ist kein goldenes Spermium einer überirdischen Gottheit, das ist ein Metallfisch. Ein Waller, der im Schlamm wühlt.“

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