Stiller Ruf der Steine

    von Katharina Reinhardt

    Sommer 1949

    Das erste Mal sah sie den Jungen unter dem Busch mit den dicken grünen Blättern. Aufgerissene Augen starrten sie an. Sie starrte zurück – bis Monika an Evas Zopf zog und sie zur Schaukel zerrte. Am nächsten Morgen saß er wieder unter dem Busch. Eva wagte einen Schritt nach vorne, doch der Junge wich sofort tiefer in das Gebüsch zurück.
    Am folgenden Morgen stand sie mit einem Apfel in der Hand vor dem Busch, starrte jedoch in leeres Blätterwerk hinein. Ein Kichern entlarvte die beiden Fleischersöhne unweit im Gras. Eva begann zu suchen und fand den Jungen hinter dem Schuppen. Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an, aber rannte nicht weg. Eva hielt ihren Apfel hoch und legte ihn vor ihm auf das Gras. Als sie wieder hinter der Ecke verschwunden war, machte sich der Junge über den Apfel her.
    Beim nächsten Mittag stand er unverhofft hinter ihr. Eva gab ihm ihren Rest Kartoffelbrei und bemerkte dabei den scharfen Blick von Frau Zager. Heute kam der Junge in den Schlafraum, doch wurde von Frau Zager auf eine Matratze direkt neben dem Aufsichtsstuhl gezogen.

    Die nicht zu durchbrechende Stille des Jungen gefiel den Erzieherinnen nicht. Cedric bekam als Letzter den Teller gefüllt. Cedric schlief neben den Erzieherinnen. Cedrics Bilder wurden nie zum Anschauen an die Wand gehängt. Cedric durfte im Morgenkreis nie mit Instrument spielen. Doch er ließ es zu, dass Eva von nun an mit zu ihm unter den Busch krabbelte und ihr Pausenbrot mit ihm teilte. Sie verstand ihn auch ohne Worte, die Erzieherinnen nicht.
    „Stummheit wird mit Dummheit belohnt!“
    „Ungehorsam wird nicht lang geduldet!“
    Als er wieder als Letzter den Rest der Mittagssuppe ohne Würstchen bekam, schmiss er seine Schüssel Frau Zager auf die Füße, die darauf laut aufschrie. Eva war so fasziniert von seiner Reaktion, dass sie zu spät realisierte, wie er die Treppe ganz hinauf geführt wurde – bis auf den Dachboden, auf den sonst kein Kind je gehen durfte!
    Beim nächsten Wiedersehen fragte Eva: „Hat sie dir wehgetan?“
    Er nickte.
    „Wo?“
    Er deutete auf seinen Rücken und seine Füße.

    Ein paar Tage später sah Eva, wie die Fleischersöhne mit Stöcken in den Busch piekten, doch Cedric hatte sich hinterm Schuppen versteckt. Die Brüder fanden ihn. Eva wollte einschreiten, traute sich aber nicht. Da zerrte Cedric Klaus den Stock aus der Hand und stach hart zu. Genau in diesem Augenblick erschien Frau Zager. Am nächsten Tag stand er stumm in der Ecke, aß nichts, lag mit aufgerissenen Augen auf der Schlafmatte.
    Zu Hause fragte sie: „Woher kommt er?“
    Ihre Mutter erklärte, dass Cedric nach dem Tod seiner Mutter mit seinem Vater umgezogen war. Zu seiner neuen Mutter.
    „Wieso sind alle so gemein zu ihm?“
    „Schwieriger Junge“, mischte sich der Vater hinter seiner großen Zeitung ein. „Redet nicht, egal wie sehr man sich bemüht. Sie hätten ihn woanders hinstecken sollen.“

    Sie sollten Bäume malen. Cedric malte so filigran, dass Eva ihn dabei ganz fasziniert beobachtete. Cedric malte noch mehr. Ein Auto, das hochkant am Baum lehnte. Und daneben stand? Saß? Lag? Eine Frau. Daneben ein großer roter Fleck, den Cedric mit dicker Farbe hin klatschte.
    „Ist das deine Mama?“, fragte Eva und machte große Augen, als sie Cedrics Stimme vernahm: „Nein.“
    Bevor Eva reagieren konnte, erschien Frau Zagers Gesicht.
    „Das verlangt Züchtigung!“
    Am nächsten Tag fragte sie: „Hat sie dir wieder wehgetan?“
    Er nickte.
    „Wo?“
    Er zeigte auf seinen Hintern. Und auf die Stelle, die Mädchen nie berühren durften.
    „Ich will dich beschützen.“
    Er blickte sie mit seinen Augen tief an.
    Solange Eva in der Nähe war, ließen die Fleischerbrüder ihn in Ruhe. Dann war Eva ein paar Tage krank. Bei ihrer Rückkehr hatte er Quetschungen am Arm.
    „Wer war das?“
    „Alle.“

    Eva nahm einen spitzen Stein. Zu spät bemerkten die Brüder das Mädchen, da war der Stein in ihre Oberarme gerammt. Sie rannte davon, die beiden Jungs schreiend hinterher. Die Jagd endete vor dem Hauseingang. Kurzerhand warf sie den Stein in das Fenster darüber, das aus lauter bunten Steinen bestand. Es klirrte, die Jungs heulten auf. Die Erzieherinnen kamen, rissen die Kinder auseinander, brüllten herum.
    Am nächsten Tag unter dem Busch hielt Cedric etwas in der Hand.
    „Das habe ich für dich gefunden.“
    Es war ein roter runder Stein aus dem Glasfenster. Er hatte noch einen, grün und spitz. Eva fand, dass er wie ein Stück von dem Busch wirkte, unter dem sie immer saßen. Er passte perfekt zu Cedric. Doch er sollte ihm schon bald zum endgültigen Verhängnis werden.

    Es kam der Tag, an dem sich die Fleischerbrüder in Cedrics Busch wagten. Eva kam gerade im Schlepptau von Frau Zager von der Toilette zurück, als Cedric sich vom Gejagten zum Jäger verwandelte. Mit einem Mal blieb er stehen, drehte sich um und wartete ab, zückte seinen grünen Stein und stach zu. Cedrics Gesicht blieb dabei völlig ausdruckslos, nicht so das von Frau Zager.
    Das war der letzte Moment gewesen, dass Eva Cedric je gesehen hatte, doch das ahnte sie noch nicht, als sie ihn am nächsten Morgen nicht unter dem Busch entdeckte. Auch am nächsten Tag nicht. Und nicht am Tag darauf.

    „Ist Cedric krank?“
    „Nein.“
    Nach einer Woche fiel ihr auf, dass auch Frau Zager nicht da war. „Ist sie krank?“
    „Nein.“
    „Wann kommt sie denn wieder?“
    „Sie wird nicht mehr wiederkommen.“
    „Wann kommt Cedric wieder?“
    „Such dir jemand Neues, mit dem du dich unterm Busch verstecken kannst.“
    Die Mütter tuschelten.
    „Etwas Furchtbares ist geschehen!“
    „Es soll ein schrecklicher Unfall gewesen sein!“
    „Die armen Eltern!“
    „Aber er war wirklich kein einfacher Junge gewesen.“
    „Hoffentlich wird sie sich irgendwann davon erholen!“
    „Gott sei Dank kehrt endlich wieder Ruhe ein.“

    An ihrem letzten Tag im Kindergarten riss Eva einen Ast heraus und pflanzte ihn in den eigenen Garten daheim ein.
    Der Busch wächst heute noch.

    1969

    Die Villa steht nun einige Jahre leer, und es wird ein Leichtes sein einzusteigen, doch Evas Füße brauchen einige Augenblicke, bis sie ihrem Befehl Folge leisten. Die Tür ist fest verschlossen. Kurzerhand umrundet sie die Hausecke hin zu den zerbrochenen Kellerfenstern. Mit einem blutigen Kratzer am rechten Oberarm gelangt sie in das alte Bad mit den grell gelben Fliesen.
    Es geht die Treppe hinauf in den Flur, von dem sechs Zimmer abzweigen. Eine Wendeltreppe, die sie viel größer in Erinnerung hat, führt hinauf. Spinnweben bleiben an ihren Händen kleben. Evas Blick wandert unwillkürlich zum riesigen bunten Glasfenster. Dann zwingt sie ihren Geist die knarrenden Stufen hoch. Die Dielen sehen aus wie früher, doch das bunte Spielzeug fehlt, die Kinderstimmen fehlen. Eva schiebt die Stille vor sich her, während sie ihren Körper weiter Richtung schmaler Holztür bringt, die nur noch von den Fetzen des braunen Vorhangs verdeckt ist. Nie hatte sie durch diese Tür hindurch treten dürfen, doch nun würde niemand sie aufhalten.
    Plötzlich steht Eva neben sich. Sie schaut zu, wie sie den dunklen und zerkratzten Griff berührt, ihn schwerfällig dreht – und die Tür fast wie von alleine aufschwingt, als flüstere sie: „Herein und hinauf! Endlich bist du da!“

    Eva schaut zu, wie sie den schmalen Aufgang hinauf blickt und die Stufen auf sich nimmt, dann folgt sie ihrem Ich. Am Treppenabsatz versucht das Tageslicht sich durch eine völlig vergilbte Luke zu kämpfen. Staub klebt in der Luft. Eva schaut zu, wie sie sich oben umdreht und über eine herausstechende Diele stolpert. Dann läuft sie weiter, Kaputte Hochstühle säumen ihren Weg, ein Stapel alter von Motten durchlöcherten Decken. Große Laken verhüllen Schränke und Vitrinen – und vielleicht noch mehr?
    Eva sieht zu, wie ihre Hände die ergrauten Laken herabziehen. Es sind Möbel, deren Inhalt teils schon auseinander gefallen ist. Dreckige Gläser und Vasen. Unlesbare Bücher. Handtücher, die niemand mehr benutzen möchte.
    Evas Augen wandern zu den Türen und schaut dann zu, wie ihre Füße zu der ersten Tür wandern, stehen bleiben, darauf warten, dass die Hände die Türklinke herab drücken. Ein langer Raum erstreckt sich vor ihr, durchzogen von Regalen. Evas Nackenhaare sträuben sich, und plötzlich findet sie sich in ihrem eigenen Körper wieder. Da hinten, am Ende des Raums, befindet sich etwas, das nicht hierher passen will. Ein größerer Haufen voller Decken. Ihre Nackenhaare wollen am liebsten ausbrechen, ebenso sie selbst.

    Ihre Füße schleichen auf knarrenden Dielen durch den Raum, die Zeit scheint immer langsamer fortzuschreiten. Ihr Blick ist ganz starr, ihre Gedanken gehen in den Leerlauf, ihr Herz wird ganz ruhig. In Zeitlupe hebt sie die erste Schicht an Decken hoch, darunter verbergen sich noch mehr. Heftig ekliger Muff strömt ihr entgegen und Eva muss sich fast übergeben. Doch sie fährt stur fort. Etwas Hartes zeichnet sich ab. Sie erstastet eine hölzerne Kiste und sie zwingt ihre Sinne weiter ruhig und taub zu bleiben.
    Der Zahn der Zeit hat auch an dem Holz stark genagt. Ein Haufen voll von Altem und Zerfressenem, und ihre Hände irgendwo dazwischen. Halten plötzlich inne.
    Ihre Augen erkennen es, doch ihr Kopf will es ignorieren. Jemand schreit ganz furchtbar laut, sodass ihr Kopf zu vibrieren beginnt. Kraftlos lässt sie alles fallen, dann realisiert ihr Kopf, dass er die Stimme kennt. Es ist ihre eigene.

    2019

    Eva fühlt sich mit einem Mal völlig erschöpft, als sei sie gerade eine Stunde lang mit zügigem Schritt spazieren gegangen. Doch es sind nur all die Erinnerungen, die in ihrem Kopf im Kreis gerannt sind, ohne dass ihr Herz hinterher gekommen ist. Unbewusst fasst sie sich an ihre Brust, wobei sie den zerknitterten Zettel an sich drückt. Sie hat ihn aus einem Brief ohne Absender heraus gezogen. Darauf gemalt: ein roter Kreis und ein grünes Viereck.
    Schritte knirschen auf den Pflastersteinen, doch Evas müde Ohren nehmen es kaum wahr – bis die Schritte direkt hinter ihr enden. Ihr Herz beginnt abrupt zu rasen und treibt brennende Tränen in ihre Augen.
    „Hallo Eva“, flüstert eine Stimme in ihren Nacken.
    Die Tränen kullern über ihre runzligen Wangen und vermischen sich mit dem Lächeln auf ihren blassen Lippen.

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