Berichte von der Insel – 6. Die geheimnisvolle Frau

    Eine Prosaminiatur von Walther

    An unserem Essenstisch im Speisesaal der Fachklinik saßen sechs Personen: Jakob*, mein Sitznachbar, aus dem Schwåbaländle, Dennis*, ein fröhlicher junger Mann mit Downsyndrom, mir gegenüber seine Mutter, eine pharmazeutische Assistentin mit gepflegt-schlechter Dauerlaune, beide aus dem Ruhrpott, am Rand zum Gang der pensionierte Postler „us Kölle am Ring“, ihm gegenüber eine Handvoll pensionierte Lehrerin aus dem Pfälzischen, und zwar linksrheinisch.
    Ich hatte, am ersten Morgen strategisch früh vor Ort, einen Fensterplatz besetzt – obzwar Reha-Neuling erinnerte ich mich an Bundeswehr-, Studenten- und Schullandheimzeiten: Die Menschen sind immer gleich – dieses Wissen wächst und setzt einem zu, je länger man auf diesem Planeten seine Füße breittritt.

    Jedenfalls sorgte Dennis, unser Sonnenschein, immer für gute Stimmung – und
    für Kaffeenachschub. Er ließ es sich nicht nehmen, immer sofort nach dem Refill zu schauen, wenn morgens beim Frühstück der Kaffee leer war, und das war er meistens ziemlich schnell und manchmal auch mehr als einmal.
    Beim Sport am Strand, besonders beim Nordic Walking, gewann Dennis immer. Er war sehr ehrgeizig und mordsmäßig stolz darauf, der Erste zu sein. Dass er gelegentlich kräftig abkürzte, tat der Sache keinen Abbruch, auch dass als verabredet galt, dass er immer die Nase vorn haben durfte. Das war Ehrensache. Und er dankte uns das mit seiner guten Laune.

    Jakob fuhr am Wochenende immer gern nach Groningen. Er berichtete von der wunderbar restaurierten Altstadt. Und das ging so: Ins Inselzüglein frühmorgens in Richtung Hafen, in die Fähre nach Eemshaven, von dort auf mit dem Zug weiter nach Groningen. Dort ging er am Sabbat – oder Shabbes, wie er den Samstag nannte – in die dortige Synagoge zum Gespräch über die Thora und die Welt.
    Er hat mir sogar einmal ein Bild mitgebracht, eigenhändig fotografiert. Das geht ja heute alles mit dem Smartphone, das manchmal eine richtige Plage ist, aber eben durchaus nicht immer. (Wie hätte ich sonst auch meine bebilderten WhatsApp-Storys meiner zuhause gebliebenen Liebsten übermitteln können – damit sie immer wusste, was ich gerade anstellte.)
    Jedenfalls war unser Jakob ein sehr höflicher und freundlicher Mann gewesen (und das heute sicherlich ebenfalls noch), zu den Damen ganz besonders, wohlerzogen eben, was man vom Rest am Tisch nicht ganz in diesem Maß behaupten konnte. Aber wir strengten uns alle kräftig an, der Kölner Postler und ich. Dennis, unser Sonnenscheinchen, lief außer Konkurrenz – und das in mannigfacher Hinsicht.
    So organisierte er sich zum Abendessen eine Extrateller, den er mit aufs Zimmer nahm, um ihn abends zu vertilgen; dieser war immer gut mit Leckereien gefüllt, und sein Bäuchlein wuchs ordentlich während seiner Allergiekur. Ob dieser Tatsache begannen um uns herum Grummeleien, weil das eigentlich untersagt gewesen ist – aus gutem Grund. Wir hörten das, seine Mutter auch, wir haben das mit entsprechenden Kommentaren, Blicken und Gesten gewürdigt – und Dennis durfte weiter seiner vollen Teller auf das Zimmer schleppen. Er brachte ihn schließlich am kommenden Morgen blitzsaubergefuttert unfallfrei wieder mit herunter zum Frühstück – naja, manchmal auch erst zum Mittagessen, je nachdem, ob er rechtzeitig aus der Falle kam oder nicht.

    Als Jakob eines Sonntagmorgens beim Frühstück auftauchte – er war am Samstag zuvor in Groningen gewesen –, behauptete Dennis steif und fest, er habe ihn spät abends mit einer Frau im Gang von der Rezeption des Haupthauses zum Treppenaufgang gesehen. Jakob war sichtlich perplex. Auf die Frage, ob er denn sicher sei, ihn gesehen zu haben, beschrieb er Jakobs Teekanne, die er abends immer mit heißem Wasser gefüllt aufs Zimmer nahm, um sich einen Tee brühen zu können, und seine Windjacke ziemlich genau – auch die Frau beschrieb er ziemlich gut.
    Jakob bestritt das Ereignis vehement – was nicht nur ich ihm sogar abnahm. Auch Dennis‘ Mutter rollte ein wenig mit den Augen, die anderen nahmen die Sache zum Anlass, Jakob ein wenig zu foppen. Dieser machte das Spiel souverän mit, und so wurde die Story zum Running Gag für einen erheblichen Teil der kommenden Woche.
    Am Ende einigten wir uns darauf, dass das eine Figuration von Dennis‘ und Jakobs Träumen war – von jedem aus unterschiedlichem Anlass. Welchen, das wechselte von Tag und zu Tag. Und für den kurzweiligen Spaß bei den Mahlzeiten war gesorgt.

    * Namen und Ortsangaben sind selbstverständlich verfremdet.

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