Übergewicht

    Übergewicht

    von Renate Schiansky

    Es gab Momente, da hasste er sein Leben so sehr, dass er explodieren wollte. Und genau jetzt war so ein Moment.
    „Er hat Übergewicht“, sagte die Angestellte am Check-in-Schalter.
    Melanie bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. Als ob er etwas dafür könnte!
    „Es ist deine Schuld!“ wollte er schreien, „du bist es, die mich immer vollstopft, bis ich kurz davor bin, zu platzen!“
    Aber Melanie war Melanie, und er war nur ihr Koffer, also blieb er stumm. Er beobachtete, wie sie nach ihrer Geldbörse kramte, um für seine überschüssigen Kilos zu bezahlen.

    An und für sich mochte er Melanie gerne. Sie behandelte ihn gut, ließ ihn selten mehr als drei oder vier Wochen im Jahr arbeiten und bereitete ihm für die übrige Zeit ein gemütliches Lager am Dachboden, wo er die bezaubernde Gesellschaft von Handtaschen, Körben, Rucksäcken und ab und zu sogar ein paar Einkaufsbeuteln genoss. Auch seine Arbeitsstunden waren nicht wirklich unangenehm. Melanie würde ihn vom Dachboden holen und sagen: „Komm, Max, lass uns Urlaub machen!“
    Er wusste nicht, warum sie ihn Max nannte, sie hatte ihn nie nach seinem wirklichen Namen gefragt. Aber egal, „Max“ war schon in Ordnung. Jedenfalls, wann immer sie ihn herausholte, pflegte sie ihn zuerst innen und außen zu putzen, fütterte ihn dann sorgfältig mit Röcken und Hosen, T-Shirts, Kosmetika und anderen Kleinigkeiten, klappte schlussendlich seinen Deckel zu und fuhr mit ihm zum Flughafen.
    Die Stunden im Laderaum machten ihm nichts aus, denn er reiste meist in interessanter Gesellschaft. Er konnte sich mit anderen Koffern und Reisetaschen unterhalten, den Abenteuern des einen oder anderen Wanderrucksacks lauschen, vielleicht ein wenig schlafen, und früher oder später rollte er aus dem Dunkel des Flugzeugbauches auf dem Förderband zur Gepäckausgabe, wo Melanie schon auf ihn wartete. Sie würde ihn begrüßen und gemeinsam mit ihm den Flughafen verlassen in freudiger Erwartung aufregender Stunden in einer fremden Stadt, in einem fremden Land.

    Max genoss die ihm unbekannten Orte, zu denen Melanie ihn mitnahm; er war völlig hingerissen von der eleganten Suite in Paris oder dem altmodischen Glanz des Kaiserhotels in der prächtigen Stadt Wien. Er erfreute sich am Geplapper der italienischen Zimmermädchen genauso wie an der sanfte Brise und dem Geruch des Meeres auf einer griechischen Insel. Ja, man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass er das Umherziehen liebte.
    Regelmäßig allerdings graute ihm vor der Heimreise. Denn Melanie war – nein, kein Bücherwurm. Eher schon ein Bücherhai. Welchen Ort sie auch immer besuchte, sei es in Spanien oder Norwegen, in Russland, Griechenland oder im abgelegensten Dorf in der Wüste Botswanas: Überall kaufte sie Bücher. Viele Bücher.
    Sie kaufte Bücher von lokalen Dichtern ebenso wie über Sprache und Landschaft, Architektur und Kunst, über Geschichte und Politik, Bücher über alles und jedes. Bücher, mit denen sie den armen Max bis zum Rand und darüber hinaus vollstopfte. Er wünschte, er könnte sie dazu bringen, ihm eine Gefährtin zu besorgen, aber davon wollte sie nichts wissen; sie tat so, als könnte sie unmöglich zwei von seiner Art transportieren. Also füllte sie auch diesmal wieder seinen Bauch und stopfte ein Buch nach dem anderen in ihn hinein, dicht und immer noch dichter presste sie sie zusammen, bis Max, und ginge es ums Überleben, kein Blatt mehr zu schlucken imstande war, egal wie sehr Melanie auch bettelte und flehte.
    „Nur noch eines, Max, bitte! Nur noch ein einziges Buch!“

    Aber er konnte nicht mehr und er wollte auch nicht mehr, er hatte genug, mehr als genug von bis zum Äußersten gespannter Haut, von viel zu eng sitzenden Gürteln und einem Zippverschluss, der ständig nahe am Zerreißen war. Ihm war übel, seine Gelenke schmerzten fast so sehr wie seine überbeanspruchten Räder, und vor allem wollte er nie wieder das abfällige: „Er hat Übergewicht!“ von süffisant grinsendem Flughafenpersonal hören.
    Melanie war fassungslos.
    „Das kannst du mir nicht antun, Max!“, jammerte sie.
    „Ich muss meine Bücher nach Hause bringen!“
    Sie blickte auf ihn herab, schüttelte dann den Kopf, zuckte die Achseln, seufzte und verließ das Zimmer, nur um eine Weile später mit einem riesigen weißen Plastiksack zurück zu kommen. Max hatte noch nie etwas derart Hässliches gesehen.
    „Widerlich!“ dachte er und klappte seinen Deckel zu. Er hörte, wie Melanie Buch um Buch in diesen schrecklich unförmigen Beutel packte und dann versuchte, das Ding vom Bett auf ihren Rücken zu hieven.
    Sie machte zwei unsichere Schritte. Die Tasche war offenbar furchtbar schwer. Ein dritter Schritt, Melanie torkelte. Noch ein Schritt, dann stolperte sie und stürzte. Die Henkel der Tasche rissen, das ganze Bündel fiel von ihrem Rücken und die Bücher verteilten sich über den Boden. Sie glitten unter das Bett, rutschten unter den Tisch und unter den Stuhl. Eines blieb neben Max liegen, der schnell nach links und rechts blickte und es unauffällig hinter den Schreibtisch kickte. Auf keinen Fall würde dulden, dass Melanie ihn durch diesen ekelhaften Plastikbehälter ersetzte! Schließlich hatte er auch seinen Stolz! Zentimeter um Zentimeter rutschte er näher an Melanie heran, so dass sie, als sie aufstand und sich umdrehte, beinahe über ihn gestolpert wäre.
    Max hielt einladend seinen Deckel auf.
    „Wollen wir es noch einmal miteinander versuchen, Max?“, fragte sie, rein rhetorisch.
    „Sieht aus, als wären wir ohnehin auf einander angewiesen. Diese Tasche ist so nutzlos wie nur irgendwas!“
    Max stimmte stumm zu und beobachtete, wie Melanie ihre Bücher unter dem Bett, unter dem Tisch und dem Stuhl hervorholte. Erleichtert bemerkte er, dass sie nicht hinter dem Schreibtisch nachgesehen hatte. Melanie nahm die Bücher eins nach dem anderen und stapelte sie, wie schon zuvor, dicht an dicht in Max‘ weit geöffneten Bauch. Sie schob hier ein wenig und drückte dort, bis Max fast ganz voll war, dann sie stopfte T-Shirts und Dessous zwischen Hardcovers und Taschenbücher, schloss schließlich den Deckel und zog den Reißverschluss zu. Es ging ein klein wenig streng, aber nicht allzu sehr. Erstaunt zog sie die Brauen hoch.
    „Na so etwas“, sinnierte sie. Aber vielleicht hatte sie diesmal auch nur klüger gepackt.
    „Danke, Max!“, lächelte sie, wickelte den obligaten orangefarbenen Gürtel um seine Taille und stellte ihn auf seine Räder.
    „Wir sind ja doch ein fabelhaftes Paar!“
    Sie knüllte den scheußlichen Plastikbeutel zusammen und stopfte ihn in den Mülleimer.
    „Du bist der Beste, Max! Komm, lass uns gehen. Und lass uns hoffen, dass dich diesmal niemand auf die Waage stellt, denn du bist furchtbar schwer!“
    Max seufzte und folgte Melanie gehorsam über den Flur nach draußen. Er hatte es wirklich satt, übergewichtig genannt zu werden. Aber Melanie war Melanie und er war nur ihr
    Koffer, also blieb er stumm.

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