Der leere Kopf

    Der leere Kopf

    von Ronja Post

    Betrübt blätterte er eine Seite seines in Leder gebundenen Notizbuches um. Die Doppelseite war gefüllt von krakeligen Wörtern, die kaum noch lesbar waren. So oft hatte er diese bereits durchgestrichen und etwas anderes hinein geschrieben. Doch noch immer war das Ergebnis nicht zufriedenstellend. Ihm fehlte die notwendige Inspiration, um diese Geschichte fortzusetzen. Wobei „fortsetzen“ vielleicht schon das falsche Wort war. Denn um etwas fortzusetzen brauchte man immerhin schon mal einen guten Anfang. Und allein daran haperte es schon beträchtlich.
    Resigniert schlug er das Buch zu und betrachtete das Geschehen in seiner Umgebung. Er hatte sich fürs Schreiben eine Bank am See ausgesucht. Fast immer saß er dort, um zu schreiben. Das laute Treiben von spielenden Kindern, grillenden Männern und tratschenden Frauen nahm er dabei gar nicht wahr. Doch heute ließ er den Blick schweifen. Vielleicht konnte er etwas Inspiration für seine Geschichte auffangen. Der Park um den See war zwar völlig überfüllt, aber nirgendwo blieb sein Blick hängen. Er seufzte. Welch ein deprimierender Tag! Er schloss die Augen. Vielleicht sollte er einfach noch mal von vorne anfangen.

    „Hallo?“
    Er zuckte heftig zusammen. Was war passiert? Hektisch schaute er sich um. Doch vor ihm stand nur ein kleines Mädchen mit braunen Zöpfen, die ihr weit vom Kopf abstanden.
    „Ist das da dein Buch?“
    Sie deutete auf sein Notizbuch vor ihm im Rasen. Es musste ihm runtergefallen sein, als er eingenickt war.
    „Ähm ja. Das ist meins. Danke.“
    Er wollte sich bücken, um es aufzuheben, aber das Mädchen war schneller. Ihre winzigen Finger schlossen sich um das Leder. Sie schlug die erste Seite auf.
    „Ist das eine Geheimschrift?“
    „Nein.“
    Er schüttelte den Kopf.
    „Aber ich kann gar nichts lesen“, sagte sie und schob ihre Unterlippe nach vorne. „Und warum hast du so viel durchgestrichen?“
    „Weil“, er deutet auf seinen Kopf, „ da nicht viel Brauchbares drin ist.“
    „Vielleicht hast du es nur noch nicht gefunden.“
    „Nun, das ist gut möglich. Aber heute ist da wirklich nicht viel.“
    Für einen Moment stand sie einfach nur vor ihm und blickte ihn an. Dann klopfte sie ihm aufs Knie und sagte enthusiastisch: „Komm mit. Ich füll deinen Kopf wieder auf.“
    Er wollte gerade zum lautstarken Protest ansetzen, doch da hatte ihn das Mädchen schon an der Hand genommen und führte ihn weg von der Bank. In der anderen Hand hielt sie noch immer sein Buch fest. Zielstrebig schien sie eine Richtung anzusteuern. Sie blieb so plötzlich stehen, dass er beinahe über sie gefallen wäre. Sie standen nun vor einer karierten Picknickdecke, auf welcher eine junge Frau mit blonden Haaren saß und einen ebenfalls blonden Jungen ein Stück Möhre in den Mund steckte.
    „Mama“, sagte das kleine Mädchen, welches ihn noch immer fest an der Hand hielt. Die Frau drehte sich zu ihnen um. Ganz offensichtlich war dies die Mutter des Mädchens. Ihre Gesichtszüge glichen denen des Mädchens stark.
    „Lotte, wen hast du denn da mitgebracht?“ Sie sah ihn entschuldigt an. „Entschuldigen Sie meine Tochter. Ihr ist so schnell langweilig, wenn ich mich um ihre drei jüngeren Brüder kümmere. Da verliere ich sie manchmal aus den Augen.“
    „Ach, das macht doch nichts. Ich habe mich auch gerade gelangweilt. Und Ihre Lotte wollte mir was zeigen.“
    „Redet nicht über mich, als sei ich nicht da“, sagte Lotte da etwas beleidigt.
    „Tun wir doch gar nicht, mein Engel. Was wolltest du dem höflichen Mann denn zeigen?“
    Lottes Mutter sah sie liebevoll an. Gleichzeitig passte sie darauf auf, dass sich Lottes jüngerer Bruder nicht von der Picknickdecke entfernte.
    „Er hat sein Buch fallen lassen, weil er nichts Brauchbares im Kopf hat. Und da wollte ich, dass du ihm hilfst, weil du immer so viele Geschichten im Kopf hast. Vielleicht kannst du ihm eine davon schenken.“
    „Och, dass ist aber eine nette Idee, meine Kleine.“ Lottes Mutter lächelte. „Ich möchte Sie wirklich nicht weiter stören.“
    Verlegen kratze sich der Mann am Kinn. Ihm war die Situation etwas unangenehm, wie er da vor der Decke dieser fremden Frau stand.
    „Ach nein, Sie stören doch nicht. Kommen Sie schon. Setzen Sie sich zu uns auf die Decke.“
    Sie räumte ein paar herumliegende Spielsachen ein und klopfte einladend auf die Decke.
    „Ziehen Sie sich die Schuhe aus und setzen Sie sich schon.“ Einen Moment lang stand er noch hin- und hergerissen vor der Decke. Doch schließlich bückte er sich und öffnete die Schürsenkel seiner Schuhe.
    „Puhh, wann hast du die denn das letzte Mal ausgezogen?“
    Lotte hielt sich demonstrativ die Nase zu, kicherte aber.
    „Du bist ganz schön frech heute.“
    Lachend streichelte Lottes Mutter ihr über den Kopf.

    „Wo sind denn Ihre anderen beiden Söhne“, fragte er.
    „Ach, sagen Sie doch du zu mir. Ich komme mir immer so alt vor, wenn ich gesiezt werde. Natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich bin Hedwig.“
    „Robert“, sagte er, „Hedwig ist aber ein ungewöhnlicher Name für unserer Generation.“
    Hedwig legte den Kopf leicht schief, wobei ihr blondes Haar ihr ins Gesicht fiel. „Ja, meine Eltern hatten irgendwie eine Schwäche für außergewöhnliche Namen. Oder eher schreckliche.“
    „Oh nein, versteh mich nicht falsch. Ich finde Hedwig, ist ein schöner Name. Aber irgendwie mag er nicht ganz zu dir passen.“
    Sie strich die Haare wieder aus dem Gesicht. „Danke.“
    „Und was ist jetzt mit deinen Söhnen?“
    „Ach, die beiden toben hier irgendwo rum.“
    „Ist das denn nicht ein bisschen gefährlich, die beiden hier alleine rumlaufen zu lassen“, fragte er besorgt.
    „Ach nein.“ Sie winkte ab. „Bis vor ein paar Wochen haben wir mitten auf dem Land auf einem Bauernhof gewohnt. Dort waren sie es gewohnt, überall hinlaufen zu können, wo sie wollten. Ich mach mir da keine Gedanken.“
    „Was ist denn passiert“, fragte er. „Warum sind bist du weggezogen.“
    Sie zog die Schultern hoch und sog geräuschvoll Luft ein.
    „Mein Mann hat mich sitzen lassen mit den vier Kindern. Er hat eine andere Frau mit mehr Geld kennengelernt, die ihm wohl einen besseren Lebensstandard bieten kann, als es in seinem bisherigen Leben der Fall war. Naja, jedenfalls hat er mich alleine auf dem Hof gelassen. Und alleine mit den vier Kindern kann ich den Hof nicht halten. Also hab ich ihn verkauft und bin in die Stadt gezogen. Es ist sehr eng für uns fünf, deswegen versuche ich so oft es geht mit ihnen nach draußen zu gehen.“
    „Das tut mir sehr leid.“
    „Muss es nicht. Er war eh ein Idiot.“ Sie lachte wieder, wobei sich kleine Fältchen um Ihre Augen bildeten. Er stimmte mit ein.

    „Mama, Mama, komm mal mit. Da hinten ist ein Hai im Wasser.“
    Die beiden anderen Söhne waren an der Decke aufgetaucht.
    „Das musst du dir ansehen!“ Hektisch gestikulierten die beiden in der Luft herum.
    „Ja, dass muss ich mir natürlich gleich mal ansehen.“ Sie stand auf, und die anderen beiden Kinder folgten ihr. „Na, willst du den Hai etwa nicht sehen.“
    Mit einer auffordernden Handbewegung bewegte sie Robert zum Aufstehen. Sie folgten den beiden Jungen, die schon wieder zum See rannten. Am Wasser angekommen, deuteten sie auf die Mitte des Sees, wo etwas aus dem Wasser herausragte. Es bewegte sich nicht, und war offensichtlich ein Teil irgendeines Wasserspielzeugs.
    „Mensch, dass ist aber ein großer Hai. Wollt ihr euch den nicht mal näher ansehen?“, fragte Hedwig ihre Söhne. Sie schüttelten die Köpfe, doch da schubste Hedwig die beiden schon ins Wasser.
    „Ich glaube aber schon.“
    „He, dass war nicht fair“, prusteten sie, als sie wieder auftauchten. Hedwig nahm Lotte und ihren anderen Sohn an die Hand und sprang ebenfalls hinein.
    „So, jetzt sind wir alle nass“, sagte sie, „seid ihr jetzt zufrieden?“
    Sie nickten.
    „Robert, komm doch auch rein. Es ist herrlich.“
    „Aber ich hab doch nur diese Klamotten mit“, stammelte er.
    „Ja und? Glaubst du, dass ich noch was anderes dabei habe?“
    Sie lachte, und kurzentschlossen sprang auch Robert mit ins Wasser.
    Bestimmt eine Stunde lang jauchzten sie im Wasser, spritzten sich nass und sahen noch andere Haie im See herumschwimmen, bevor sie völlig erschöpft zur Decke zurückkehrten. Pitschnass stand Robert da und sah Hedwig an.
    „Danke für den tollen Nachmittag.“
    Sie winkte ab. „Nicht dafür.“
    „Doch, wirklich. Du bist eine inspirierende Frau.“
    Er nahm sein Notizbuch, winkte noch einmal und ging.

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