Höhen und Tiefen aus dem Leben eines Dichterlings

    Höhen und Tiefen aus dem Leben eines Dichterlings

    von Barbara Pahl

    • Frau P., es ist uns eine Ehre, dass Sie uns eines Ihrer seltenen Interviews gewähren.
    • Kommen wir gleich zur Sache. Sie haben den Literaturbetrieb gehörig durcheinander gewirbelt. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?
    • Da kann ich nur spekulieren. Wahrscheinlich habe ich einen Nerv getroffen. Viele Menschen scheinen sich von meinen Texten angesprochen zu fühlen.
    • Ihre Texte sind ja, sagen wir mal, eher ungewöhnlich. Woher nehmen Sie die Inspiration?
    • Das ist schwer zu sagen. Mal ist es ein Wort, das mir besonders gefällt, dessen Klang, wie es sich anfühlt, wenn es ausgesprochen wird. Mal ist es eine Situation, die ich erlebe, die ich später in meinen Texten aufarbeite.
    • Sie sind bekanntlich eher spät in die Literatur eingestiegen. Was hat Sie dazu bewogen, sich aus dem stillen Kämmerlein zu wagen und ins Licht der Öffentlichkeit zu treten?
    • Ehrlich gesagt, wegen meinen Kindern. Wie soll ich ihnen vermitteln, dass sie alles im Leben erreichen können, wenn ich es nicht selbst vorlebe? Deshalb habe ich alles auf eine Karte gesetzt und mein Manuskript an verschiedene Verlage geschickt. Glücklicherweise wurde es angenommen.
    • Frau P.,…

    Ich stelle die Dusche ab, das kurze Intermezzo zwischen mir und meinem erfolgreichem Ich ist vorbei. Mein kleiner Sohn trommelt an die Tür der Duschkabine. Als ich sie öffne, lächelt er mich verzückt an: „Gugu!“
    Die Realität hat mich wieder. Wie üblich sind wir spät dran, alles muss schnell gehen. Kinder anziehen, Mützen auf, Schnuller nicht vergessen, Abschiedsküsse für die Tochter, den Sohn und den Mann. Ein letztes Winken. Tür zu.
    Mein Mann fährt die Kleinen in die KiTa, weil sie auf dem Weg zur Arbeit liegt. Mittags holt er sie wieder ab.
    So habe ich vier Stunden Luft zum Arbeiten, zum Schreiben. Aber erst Mal muss das Frühstück weg, danach kommt die Wäsche. Dann kann ich endlich an den Laptop und drauflosschreiben. Aber so aus dem Stand heraus geht das nicht. Also erst mal raus auf den Balkon, ein Zigarettchen anzünden. Vielleicht lässt sich die Muse ja mittels Rauchzeichen anlocken.

    Scheint nicht der Fall zu sein. Dann also warmschreiben. Wörter suchen. Mmmh, mal sehen. Ein schönes Wort finden, die richtige Stimmung einfangen. Fregatte – ja, das ist ein guter Anfang. Schabrake – auch nicht schlecht. Renegat – die Sache kommt ins Rollen. Verwegen. Ein verwegener Renegat. Und schon läuft’s.
    Ein verwegener Renegat in einer sternenklaren Nacht. Abgefallen vom Glauben – woran? Eine enttäuschte, verletzte Seele. Ein Suchender ohne Ziel. Wilde innere Kämpfe ausfechtend taumelt er voran in der Dunkelheit, in der Hitze der Nacht. Kein anderes Licht als das des Mondes und der funkelnden Sterne erhellt den Weg. Der schwere Duft von Oleander und Lavendel und Magnolien hüllt ihn ein. Eine leichte Brise erzählt vom Duft des Meeres. Flüstert verhängnisvoll in sein Ohr. Verspricht ihm Heilung. Blind vor Verzweiflung glaubt er, der Stimme der Verheißung zu folgen. Leiser, lieblicher Gesang liegt plötzlich in der Luft. Klare weibliche Stimmen, mehrere, verschlungen ineinander, ganz der Melodie verschrieben, der sie folgen. Sie locken ihn an – und er folgt ihnen.

    Ach, ist schon zwölf. Schnell was essen, dann kommen schon die Kleinen. Heute geht’s zu meiner Schwester und ihren drei Rackern. Damit die Cousins zusammen spielen können und wir uns auch mal wieder sehen. Eine dreißig Kilometer lange Fahrt erwartet uns. Das Highlight meiner Woche. Schon seltsam, wie das Leben manchmal spielt. Früher bin ich in einem Jahr durch Schottland und Griechenland getingelt, mit einem kurzen Abstecher an den Gardasee, und zum Abschluss nochmal Segeln in Kroatien.
    Um die Fahrt vergnüglicher zu gestalten, suchen wir in der vorbeiziehenden Landschaft nach Dingen, die die Kinder kennen.

    • Seht ihr da vorne die Pferde?
    • Wo? Wo?
    • Na da vorne, gleich neben dem Haus.
    • Jaaa, ich seh sie!
    • Was machen sie denn da?
    • Die tun fressen.
    • Und was fressen sie?
    • Den Götterfunken.
    • Waaas? Was fressen sie?
    • Na, den Götterfunken.

    Mir kommen die Tränen vor Lachen. Wenn es auch sonst an der Erziehung noch hakt, so werden die beiden wenigstens überzeugte Europäer. Das tägliche Singen der Europahymne hat sich bezahlt gemacht. Deshalb stimme ich sie auch gleich mal an:

    • Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium …

    Meine Tochter singt lauthals mit, mein Sohn schunkelt fröhlich im Takt.

    An guten Tagen denke ich, dass ich es schaffen kann. Dass ich alles erreichen kann, was ich will. Es ist alles da, was es dazu braucht. Schreiben kann ich, Ideen habe ich. Was fehlt, ist das letzte Quäntchen Glück. Aber auch das wird sich einstellen. Ich muss mich nur in Geduld üben. Den Glauben nicht verlieren. Wird schon klappen – weil es muss.
    An schlechten Tagen denke ich, dass ich mich verrannt habe. Der Zweifel nagt an mir. Was, wenn ich es nicht kann? Was, wenn ich in meiner gnadenlosen Selbstüberschätzung einer Chimäre hinterherrenne? Was, wenn alles woran ich glaube nur eine Illusion, ein perfekt inszenierter Selbstbetrug ist?
    Heute ist kein guter Tag. In meinem Posteingang blinkt das Antwortschreiben einer Literaturzeitschrift: Leider ist Ihre Kurzgeschichte für XY nicht geeignet.

    Abends fragt mich mein Mann, wie mein Tag war und ich sage ihm, wie es ist:

    • Ich fühle mich wie eine Null, wie ein totaler Versager. Nichts klappt. Nichts von dem was ich versuche, funktioniert. Ich bin einfach unfähig.
    • Du musst etwas schreiben, das die Leute lesen wollen. Nicht dieses intellektuelle Zeug. Eher so Sachen wie Bukkake mit Schneewittchen und den sieben Zwergen oder Gangbang mit Dornröschen, Cinderella und Rapunzel.

    Vielleicht hat er recht. Vielleicht sollte ich tatsächlich einfach mal sowas schreiben. Ich schließe die Augen.

    • Gute Nacht.
    • Gute Nacht, Frau P.

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